Jazzfest Berlin 2018 im Haus der Berliner Festspiele (Foto: Camille Blake)
Camille Blake
Audio: Inforadio | 02.11.2018 | Jens Lehmann | Bild: Camille Blake

Konzertkritik | Jazzfest Berlin - Rauschhafter Abend der improvisierten Musik

Es ist viel los im Haus der Berliner Festspiele beim Auftaktabend des Berliner Jazzfests: Die neue Leiterin Nadin Deventer lässt das gesamte Haus bespielen - von gediegen bis richtig abgefahren. Ein Abend zwischen Explosion und Eskalation. Von Jens Lehmann

Ein Haus of Jazz soll es sein... Nachdem Till Brönners Idee einer solchen Begegnungsstätte im vergangenen Jahr im Sande verlief, krempelt Nadin Deventer, die neue Chefin des Jazzfestes, kurzerhand das Haus der Festspiele in Berlin-Wilmersdorf auf links und lässt es am ersten Festival-Abend auf allen Etagen erklingen.

Doch zunächst reibt sich der geneigte Jazz-Fan die Augen. Statt der Künstlerischen Leiterin tritt der kamerunische Kulturwissenschaftler und Kurator Bonaventure Ndikung auf die Bühne und hält der versammelten Mannschaft einen Vortrag "in zwei Akten" über die gesellschaftliche Spaltung und Unterdrückung von Minderheiten auf der Welt und die Frage: Was kann Jazz in solchen Zeiten tun? Die Antwort: Heilen. Kunst als Katharsis!

Unterbühhne als grandiose Location

Na dann fangen wir mal an: Als erstes ist Nicole Mitchell dran, Flötistin und Konzeptkünstlerin. Eine Kombination, vor der ich normalerweise sofort Reißaus nehme. Ich zwinge mich, wenigstens ein bisschen zu bleiben, muss dann aber doch das um sich selbst kreisende Gefrickel fliehen. Es ist doch so viel los! Vorbei an der kalten Kassenhalle, wo sich junge Musiker aus der Berliner Szene vor einer Handvoll Leuten abrackern, während eine Künstlerin auf einem Overhead-Projektor assoziative Muster malt, auf die Unterbühne, also den kreisrunden Keller unterhalb der Drehbühne des großen Saales. Eine grandiose Location, in der man sich in der 360-Grad-Klanginstallation des Berliner Kim-Kollektivs verlieren kann.

Weiter, immer weiter. Auf der Seitenbühne trommeln gerade Hamid Drake und Yuko Oshima um ihr Leben, die Schläge fahren mir in den Magen - ich kriege Hunger. Wie gut, dass im oberen Foyer nicht nur die Bornemann-Bar mit Brezeln und Bier, sondern auch das nächste Konzert auf mich wartet. Hier stellt sich Artist in Residence Mary Halvorson mit ihrer Band Thumbscrew vor - und klingt im Vergleich zu dem, was im Rest des Hauses so abgeht, fast schon zu gediegen. Wenigstens kann sich hier das Avantgarde-geplagte Stammpublikum erholen. Dafür sitzt es unbequemer.

Eskalation und Explosion

Ich dagegen habe Blut geleckt, will mehr von dem richtig abgefahrenen Zeug hören - und werde in der Kassenhalle fündig. Die ist plötzlich knackevoll – auch weil gerade sonst nichts im Haus läuft – und das Schweizer Trio Heinz Herbert rockt mit seiner Elektro-Space-Noise-Impro den Saal. Diesmal bleibe ich bis zum furiosen Finale sitzen – und habe prompt den Überblick verloren. Spielt jetzt noch dieser Pianist im ersten Stock? Und verpasse ich etwa gerade die genialen Wall-of-Sound-Auftürmer und Gitarrenpedal-Balletttänzer von Abacaxi aus Frankreich? Nichts wie hin!

Überhaupt steigert sich der Abend, er eskaliert fast schon - und kann nur noch mit einem Ensemble enden, das sich Exploding Star International nennt. Eine Kooperation von Künstlern aus Berlin und Chicago, eine Art All-Star-Avantgarde-Bigband um den Trompeter Rob Mazurek. Und so hört der Abend auf, wie er angefangen hat: Mit einem extrem anspruchsvollen Programm, bei dem sich wohl mancher wieder fragen wird: Ist das noch Jazz? Ich sage: "Ja, verdammt!" und kann Nadin Deventer, die man immer wieder aufgedreht durch die Flure ihres Haus of Jazz huschen sieht, für diesen rauschhaften Abend der improvisierten Musik nur danken.

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1 Kommentar

  1. 1.

    Gut ausgewähltes schwarz-weiß Photo. Passend zum guten Artikel. Ließt sich, als wär man dabeigewesen.

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