Sascha Nathan (als Macbeth) und Tilo Nest (als Banquo), v.l., während der Fotoprobe zu Macbeth im Berliner Ensemble. Premiere war am 29. November 2018. (Quelle: imago/Müller)
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Theaterkritik | "Macbeth" im Berliner Ensemble - "Mein Tod wird euch die Welt nicht besser machen"

Der DDR-Dramatiker Heiner Müller hielt der Staatsmacht mit seiner Überarbeitung von Shakespeares "Macbeth" 1972 einen Spiegel vor. Regisseur Michael Thalheimer macht daraus in seiner aktuellen Inszenierung eine beklemmende Apokalypse aus Blut und Nebel. Von Nadine Kreuzahler

Das Saallicht ist noch an, das Publikum sitzt noch nicht, da wabert der Kunstnebel schon bedrohlich von der Bühne ins Parkett. Als es dunkel wird, ist da nur undurchdringlicher Dunst – aus dem sich flirrend und langsam Silhouetten lösen. Dazu klopft düstere Musik aus den Lautsprecherboxen. König Duncan (Ingo Hülsmann) erfährt, wie sein treuer Heeresführer Macbeth (Sascha Nathan) in einer entscheidenden Schlacht fürs Königreich siegen konnte und belohnt ihn dafür mit einem weiteren Titel und Fürstentum. Macbeth aber erscheinen die "weird sisters" – die "Schicksalsschwestern" – und prophezeien ihm, dass er König von Schottland wird. Angetrieben von seiner ehrgeizigen Frau Lady Macbeth (Constanze Becker) ermordet er König Duncan und setzt sich selbst die Krone auf. Von jetzt an geht es nur noch darum, die Macht zu halten – um jeden Preis.

Die Apokalypse im Lichterspiel

Während William Shakespeare in "Macbeth" ein Drama von Schuld und Gewissen erzählt, machte Heiner Müller daraus 1972 in der DDR ein düsteres verknapptes Stück über Macht und Machtkampf. Er hatte die festgefügten Strukturen der Staatsmacht im Visier. Michael Thalheimer, der bekannt dafür ist, auch schwierigste Stoffe so zu entkernen, bis das Wesentliche übrig bleibt, interessiert sich in seiner Inszenierung für Dynamiken und Zustände. Er lässt seine sich teilweise drehende Bühne karg und kahl, einzig Nebel und sein Zusammenspiel mit Lichtstrahlen, Lichtleisten und Lichtkegeln bilden die Kulisse für brutalste Machtkämpfe. Die Apokalypse scheint da zu sein.

Video: Abendschau | 29.11.2018 | Christian Titze

Die Lust an der Macht

Michael Thalheimer, seit 2017 Hausregisseur am BE, zeigt das "Geil-sein" auf die Macht an sich. Man muss es so ausdrücken, denn Thalheimer bringt die Macht als etwas Tierisches, Triebhaftes, Perverses, aber gleichzeitig Faszinierendes auf die Bretter. Kathrin Wehlisch lässt ihre "weird sister" krächzen, schlurfen und sabbern, Blut spucken und dämonisch starren. Die vier Schauspieler und zwei Schauspielerinnen – permanent blutverschmiert - schlecken sich das Blut von den Wangen, greifen sich an ihre Geschlechtsteile und zittern vor Erregung. Sie loten die Lust an der Macht aus. Es geht grausam  und brutal zu. Vieles davon steckt allein schon in der Sprache von Heiner Müller.

Die Angst als Motor steht in dieser Macbeth-Aufführung klar im Vordergrund. Die Paranoia der Mächtigen vor ihren (vermeintlichen) Feinden, die Angst vor dem Sturz – und dem Tod. Was macht Macht aus einem Menschen? Auch das ist Thema. Lady Macbeth wird von der ehrgeizigen skrupellosen Antreiberin zur Wahnsinnigen. Macbeth zerstört, mordet und lässt töten. Am Ende wird er selbst umgebracht. Seine letzten Worte sind: "Mein Tod wird euch die Welt nicht besser machen. Die Welt hat keinen Ausweg als zum Schinder." Es gibt keinen Ausweg, die Kriege gehen weiter – egal, wer auf dem Thron sitzt. Die Weltgeschichte ist nichts als ein ewiger Kreislauf. Dazu das Schlussbild: Kathrin Wehlisch setzt sich als neuer König die Krone auf den Kopf, aus ihrem Mund quillt Blut, sie streckt die dunkelrote Zunge heraus und reißt die Augen weit auf.

Ganz großes Kino

Michael Thalheimer schafft viele ausdrucksstarke Bilder. Auch wenn einige Grusel- und Schockeffekte darunter sind – die Inszenierung ist insgesamt eine stimmige, runde Sache. Die Schauspieler liefern eine beeindruckende Leistung ab. Allen voran Sascha Nathan. Sein Macbeth bewegt sich zwischen Schwäche, Hysterie, Panik, Grausamkeit, Kälte, Angst und Zerfressenheit – und das teilweise innerhalb von Sekunden. Das ist ganz großes Kino und macht wirklich Spaß. Auch Constanze Becker spielt ihre Lady Macbeth facettenreich. Dieser Macbeth bereitet Vergnügen – obwohl er ausweglos böse und finster ist. Am Ende bleibt keinerlei Hoffnung übrig auf bessere Zeiten. Mit diesem Gefühl entlässt Michael Thalheimer seine Zuschauer. Mag sein, dass es dieses Gefühl ist, das den Regisseur in diesen unberechenbaren Zeiten überkommen hat.

 "Macbeth" von Heiner Müller nach Shakespeare in der Inszenierung von Michael Thalheimer läuft am Berliner Ensemble wieder am 30.11., am 3.12. und 6.12.2018.

Sendung: Inforadio, 30.11.2018, 7.55 Uhr

Beitrag von Nadine Kreuzahler

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1 Kommentar

  1. 1.

    So, so. Während Heiner Müller also noch den Mumm hatte, einer Staatsmacht den Spiegel vorzuhalten, geht es dem hoffnungsvollen Herrn Thalheimer aus Hessen also offensichtlich nur darum, das "Geilsein auf die Macht an sich" darzustellen - anhand einer Splatter-Inszenierung mit viel Kunstblut. Ohne jeden aktuellen Bezug. Völlig unpolitisch. Ohne die Gefahr, bei den Mächtigen anzuecken. Ja das sind genau die die stromlinienförmigen Künstler, die man sich heute wünscht. Chapeau!

    Die Sachsen hatten schon damals mehr Cojones.

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