Lykke Li bei einem Konzert im Astra Kulturhaus in Berlin, 8. November 2018 (Quelle: imago)
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Bild: Audio: Inforadio | 09.11.2018 | Jakob Bauer

Konzertkritik | Lykke Li im Astra - Erfrischende Abkühlung und glühende Authentizität

Der TV-Song zu den Champions-League-Spielen, "I Follow Rivers", machte Lykke Li 2012 bekannt. Ihr Erfolg war jedoch kein Strohfeuer: Im ausverkauften Astra bewies die Schwedin einmal mehr, dass sie weit mehr als nur ein One-Hit-Wonder ist, befindet Jakob Bauer.

Er ist Fluch und Segen zugleich, der Song, der Lykke Li damals über Nacht berühmt gemacht hat und der bis heute wie ein Stigma an ihr klebt: "I Follow Rivers" im Remix des belgischen Produzenten The Magician. Und natürlich spielt die Schwedin ihn auch am Donnerstag im Berliner Astra, ganz zum Schluss. Aber bis auf ein paar angedeutete Takte nicht in der bekannten Remix-Dance-Version von damals, sondern in der Original-Version, der Lykke Li-Version.

Mehr als ein One-Hit-Wonder

Und das ist gut so, denn Lykke Li viel mehr ist als ein One-Hit-Wonder. Das macht sie an diesem Abend einmal mehr klar. Im schwarzen Latexdress betritt die Schwedin unter stürmischem Jubel, der eines Popstars würdig ist, die Bühne. Eine offene Jacke schwingt über ihrem bauchfreien und ärmellosen Oberteil und der engen, schwarzen Hose. Die Haare sind kurz und blond und nach hinten gegelt. Sexy und ein bisschen verrucht, so gibt sich Lykke Li, so ist diese Show und so ist auch ihre Musik: melancholisch angehauchter Indie-Pop, der dunkel und kantig daherkommt.

Und neuerdings auch zeitgeistig: Zu Gitarren, Keyboards und zapplig-satten Beats gesellen sich auf dem neuen Album "So Sad So Sexy" und damit auch am Donnerstagabend Hip Hop- und Trap-Elemente. Diese dominieren momentan den Mainstream-Pop.

Dass Lykke Li sich damit beschäftigt heißt allerdings nicht, dass ihre Musik dadurch beliebiger werden würde. Stilistisch hat die Schwedin noch nie auf nur einer Hochzeit getanzt. Es ist die songwriterische Qualität der neuen Titel, die an diesem Abend, wenn auch wirklich nur selten, zu wünschen übrig lässt. Wie bei "Bad Woman": Die kräftige Ballade lässt Lis Stimme zwar viel Raum zur Entfaltung, kommt aber trotzdem reichlich arm an musikalischer Spannung daher. Und ist so eine Bremse in dem sonst rasend kurzweiligen – und mit 70 Minuten leider auch etwas kurzen – Konzert.

Show entschädigt für die Unnahbarkeit

Lykke Li ist an diesem Abend so etwas wie die coolste Sau der Party: Jeder will wie sie und bei ihr sein, in ihrer Ausstrahlung und Aura baden. Aber sie selbst bleibt etwas unnahbar, in ihrer eigenen Sphäre. Die 32-Jährige tut sich schwer damit, ehrliches Interesse für das Berliner Publikum zu zeigen. Es bleibt bei ein paar "How-are-you-doing?"s, einmal wenigstens kommt es zu etwas ehrlicher Wärme: Da schnorrt sie sich von einem Besucher einen Joint.

Etwas unangenehm wird es, als sie behauptet, sie würde einen Song jetzt "nur für das Berliner Publikum" spielen. Mag sein, dass das augenzwinkernd gemeint war. Stimmen tut's auf jeden Fall nicht, der Song stand schon auf der Setlist der vorangegangenen Shows der Tour. Das kann jeder online innerhalb weniger Sekunden recherchieren.

Sängerin fordert zum körperbetonten Nahtanz

Dafür ist die Show an sich umso einnehmender: Die Band spielt in Perfektion, Lykke Lis immer leicht vernebelte Stimme tänzelt ganz locker und verführerisch über die dicken Beats hinweg und ein punktgenaues Spiel aus Licht- und Nebeleffekten setzt das Ganze schön in Szene. Und immer wieder diese Sinnlichkeit: Die Schwedin schwingt die Hüfte mit der Ausdauer eines foucaultschen Pendels, nur in einer deutlich höheren Frequenz. Sie streichelt und berührt sich selbst an intimen Stellen, nicht nur, wenn sie über "Sex Money Feelings Die" singt und beflügelt das Publikum im Astra, die vielen Frauen und Pärchen, zum körperbetonten Nahtanz.

So viel Erotik kann schnell aufgesetzt oder peinlich wirken - hier tut es das nicht. Musik, Publikum und Künstlerin schwelgen auf einer Welle, glühen vor Authentizität. Die Songs fließen rein wie kühler Pfeffi am Beginn eines langen Berliner Abends und Lykke Li zeigt sich als ernstzunehmende Künstlerin, raffinierte Songwriterin, tolle Sängerin und leidenschaftliche Performerin. Popmusik mit Herz und Feuer.

Beitrag von Jakob Bauer

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Man kann über diese Kritik nur den Kopf schütteln. Wenn man Lykke Li schon einmal gesehen hat, dan war hier weder Leidenschaft noch Authentizität zu spüren. Es war eine extrem uninspirierte Show. Passend dazu auch ihre Aussage am Ende, in der wohl mehr Wahrheit steckt, als man denkt. "I'm so sick and tired of my own songs. Let's play a cover."

  2. 2.

    War wirklich super.

  3. 1.

    so sad so sexy <3

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