Autonomes Jugendzentrum in der Potsdamer Straße (Foto: rbb|24/Vanessa Klüber)
Bild: rbb|24/Vanessa Klüber

Punker-Institution in Berlin-Schöneberg - Das Potse-Punkhaus geht in die Knie

Das autonome Jugendzentrum "Potse-Drugstore" ist eine Institution in Berlin-Schöneberg. Doch den Klubs wurde gekündigt. Die Eigentümer hatten zwar Aufschub gewährt, der Bezirk lange nach einer Alternative gesucht. Doch am Ende wirken alle abgekämpft. Von Vanessa Klüber

Paul und Soso sitzen im zweiten Stockwerk ihres Jugendzentrums und feilen an kämpferischen Hashtags. #PotseDrugstorebleibt, so vielleicht? Die beiden engagieren sich seit Jahren ehrenamtlich im "Potse-Drugstore" in Berlin-Schöneberg. Denn das Jugendzentrum, eine Institution im Bezirk, muss raus aus dem Gebäude, Auszugstermin ist der 3.1.2019. Mit dem Hashtag wollen sie zum letzten Kampf für ihre Räume mobilisieren.

Kämpferisch sehen Paul und Soso aber nicht aus, eher abgekämpft. In dem selbstverwalteten Zentrum in der Potsdamer Straße 180 herrscht Grabes- statt Aufbruchstimmung für den Erhalt der Räume. Für die Punkkonzerte, die Bandproben, die Werkstätten und Workshops oder einfach nur fürs Abhängen. Hierher kommen vor allem Jugendliche in Punk-Robe und welche, die sonst niemanden haben oder niemand haben will. Nach Angaben der Kollektive mehrere Hundert in der Woche.

SPD-Stadtrat überbringt so etwas wie eine Sterbebotschaft

Gerade erst war Oliver Schworck, der SPD-Jugendstadtrat in Tempelhof-Schöneberg, zu Besuch. Der Bezirk ist Mieter des Hauses. Schworck überbringt an diesem Tag so etwas wie eine Sterbebotschaft: Es gebe kaum noch Hoffnung für das Haus aus den 30ern.

Schworck kommt an dem Nachmittag in Hemd und Jackett. Er passt nicht ins Bild vom Underdog-Club, spricht aber, als wäre er ein Mentor und Vertrauter der Ansässigen.

"Wir"– er meint sich und Politikerkollegen - "suchen jeden Tag nach alternativen, geeigneten Häusern", sagt er, "sogar im Freundes- und Bekanntenkreis. Aber nix. Es gibt nichts in Schöneberg. Auch nicht in Tempelhof, auch nicht in Steglitz. Nicht in Charlottenburg oder in Wilmersdorf. Vom Umfeld muss man sich wohl verabschieden.

Autonomes Jugendzentrum in der Potsdamer Straße (Foto: rbb|24/Vanessa Klüber)
Paul und Soso planen weitere Schritte Bild: rbb|24/Vanessa Klüber

Der "Drugstore" eröffnete 1972

Seit 30, 40, 50 Jahren hausen die zwei Kollektive Potse und Drugstore mit ihren jugendlichen Anhängern dort, unterschiedliche Zahlen nennen sie. Wie lange genau ist eigentlich auch egal. Eine Zeit jedenfalls, die ausreicht, um die Wände so zu bekleben und zu besprayen, dass kein Quadratdezimeter mehr frei ist. Schon die Eltern mancher Nutzer sollen früher hergekommen sein – und das in einem Milieu, das nicht gerade dafür bekannt ist, seine Eltern nachahmen zu wollen.

Im Erdgeschoss riecht es nach Urin.

Die Potse und der Drugstore sind nicht nur dreckig, sondern auch laut. Die heimischen Musiker lassen meistens die Gitarren brüllen, spielen seltener auch Goa oder Techno.

Die neuen Nachbarn kommen nicht miteinander aus

Sicherlich ist das auch das "Problem": Wenn sich direkt nebenan, in der Hausnummer 182, ein Coworking- und Coliving-Space von "Rent24" befindet. Ein Rent24-Sprecher sagt, dort arbeiten und wohnen jetzt "digitale Nomaden" aus aller Welt und die bräuchten dazu eine gewisse Ruhe.

Das Punkhaus und der Space kommen nicht miteinander aus.

Dass Potse und Drugstore raus sollen, steht schon seit einigen Jahren fest. Was die Eigentümerin mit der Potsdamer Straße 180-182 vorhat, lässt sich nur erahnen. Die Besitzerin verbirgt sich hinter einem Geflecht von Briefkasten-Firmen aus Luxemburg und Zypern (Monitor-Beitrag (ARD) vom 12.10.2017).

Das war nicht immer so: Vor 1987 gehörte das Gebäude der Stadt Berlin. Der Senat verkaufte es an die immer noch greifbare Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) und wurde selbst zur Mieterin. 1998 erhöhte die BVG gegenüber der Stadt die Miete, so dass diese für einen Auszug des Drugstores stimmte, dies aber nie durchsetzte  –  da schrammte das autonome Jugendzentrum bereits kurz am Aus vorbei. 2008 wiederum verkaufte die BVG das Haus an einen losen Zusammenschluss von Investoren, die später an die jetzigen Eigentümer verkauften. Mieter blieb der Bezirk Tempelhof-Schöneberg.
Autonomes Jugendzentrum in der Potsdamer Straße (Foto: rbb|24/Vanessa Klüber)Das autonome Jugendzentrum von außen

"Deshalb ist da eine Umorientierung erfolgt"

Stimme und Gesicht für die jetzigen anonymen Eigentümer ist Robert Döring von der Hausverwaltung Intown Property Management, die jetzt im Namen der Eigentümer neue Mieter im Blick hat. "Wir haben natürlich ein Interesse an langfristigen Vermietungen zu marktüblichen Konditionen. Deshalb ist da eine Umorientierung erfolgt", heißt es von Döring Mitte November. Grundsätzlich sei es so, dass Intown Property Management eine Werteerhaltung beziehungsweise Wertsteigerung ihrer Objekte im Interesse der Eigentümer wolle.

Was Wertsteigerung bedeutet und welche neuen Mieter nach dem Auslaufen des Vertrags mit dem Bezirk vorgesehen sind, bleibt unklar. Döring äußert sich nicht und verweist lediglich auf Stadtentwicklungskonzepte des Landes Berlin. Gerüchten zufolge sind weitere Räume für "Rent24" geplant.

Stadtrat Oliver Schworck will keine Altkleidercontainer (rbb)Statrat Oliver Schworck

Der kalte Wind der Gentrifizierung

Die Potsdamer Straße im Berliner Westen ist eine Straße im krassen Wandel, das ist ein ganzes Kapitel für sich. Bilder von 2008 zeigen im Umfeld des Jugendzentrums Häuserblocks mit Satellitenschüsseln, einen Restposten-Laden, eine Spielothek, Eurogida-Supermarkt und Einzelhändler wie "Optiker Wunder". Heute dagegen ist die Straße ein Mischmasch aus modernen Bürogebäuden, Galerien, Boutiquen und Eigentumswohnungen. Die wenigen alteingesessenen Imbiss- und Gemüseläden oder Einrichtungen wie das Frauenzentrum „Begine“ und der Potse-Drugstore stehen wie seltsame Reste in der neuen Zeit herum: Die Gewerbemieten liegen laut Bezirk derzeit um die 20 Euro nettokalt.

Für Döring ist das keine Entwicklung, die einzelne Personen herbeigeführt haben, sondern "eine gesellschaftliche Entscheidung". Er betont, dass man alles versucht habe und dem Bezirk stark entgegengekommen sei: Der Mietvertrag sei um zwei Jahre verlängert worden, nachdem er eigentlich 2016 hätte auslaufen sollen, um der Stadt die Zeit einzuräumen, nach einer Alternative für das Jugendzentrum zu suchen. Das bestätigt Schworck.

Autonomes Jugendzentrum in der Potsdamer Straße (Foto: rbb|24/Vanessa Klüber)Feindseligkeiten gegen "rent24"

Halb so groß, halb so laut

Aus Kreisen der Immobilienwirtschaft heißt es, dass der Stadt sogar ein neuer Zehnjahres-Mietvertrag angeboten worden sein soll, den der Bezirk aber ausgeschlagen habe. Das stellt Stadtrat Schworck anders dar. Es sei nie zu einem konkreten Angebot gekommen, da von Seiten der Eigentümer "unmissverständlich" klar gemacht wurde,  dass es keinen Mietvertrag mit den Nutzern Potse und Drugstore geben werde.

Eine Alternative gibt es nach heutigem Stand für das Jugendzentrum, wenn auch keine gleichwertige: Zu 99 Prozent sicher ist laut Schworck ein rund 350 Quadratmeter großes Haus der Gewobag, ebenfalls in der Potsdamer Straße – etwa halb so groß wie das jetzige und ohne die Möglichkeit, dort laut zu sein.

Im Raum stand auch eine Immobilie der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) unter Verantwortung der Senatsverwaltung. Hier wären laute Konzerte möglich. Doch dort sollen Finanzbeamte beherbergt werden. Die Tempelhof-Schöneberger Linke fordert, dass das Jugendzentrum dort einziehen soll.

#unserfreiraum für den Kampf

"Die Politik bemüht sich jetzt, aber zu spät", resümiert Soso vom Drugstore. "Wir müssen auslöffeln, was die Politik verbockt hat", sagt Paul von der Potse. "Die Wut und die Trauer werden wir umwandeln in Aktion." Doch ist tatsächlich dafür noch genug Energie da?

Geeinigt hat sich das Kollektiv schließlich auf den Hashtag #unserfreiraum für den Kampf um ihre Räume. Unter ihm sollen Anhänger des Jugendzentrums Videos mit Botschaften auf Twitter posten, warum Potse und Drugstore bleiben sollen.

Bis jetzt sind gerade einmal drei Videos erschienen.

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels hieß es, im April sei "Rent24" auch in die Etage direkt über dem Jugendclub eingezogen. Das stimmt nicht. Im Sommer hat der Coliving Space von "Rent24" eröffnet, gemietet sind die Räume nebenan bereist seit rund drei Jahren. "Rent24" hat keine Räume direkt über dem Jugendclub angemietet.

Sendung: Abendschau, 06.11.2018, 19.30 Uhr

Beitrag von Vanessa Klüber

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2 Kommentare

  1. 2.

    "Doch dort sollen Finanzbeamte beherbergt werden." Schöne neue Welt.

  2. 1.

    "Selbstverwaltetes Jugendzentrum" ist ja wie "selbstverwalteter Betrieb": Verblassende Erinnerungen an die siebziger, achtziger Jahre.

    Heute wird unter Aufsicht und Anleitung durchoptimiert, auf dass man möglichst perfekt den Erfordernissen des Marktes angepasst ist (und sich glatt in den "Coworking- und Colivingspace" einfügt). Wozu natürlich auch gehören kann, der Gesellschaft ein wenig radikal-schicke Kritik zu liefern, damit sie sich liberaler und irgendwie freier fühlt (dafür kriegen z.B. unsere Künstler ihre Subventionen).

    Aber bitte entsprechend den aktuell gültigen Umweltbestimmungen (laut sein - unvorstellbar). Wir denken und wählen schließlich grün, und das heißt: umfassende Verhaltensvorschriften.

    Den Rest regeln Polizei und Justiz.

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