Drei Schwestern nach Anton Tschechow im Deutschen Theater zu Berlin (Bild: Arno Declair/DT)
Bild: Arno Declair/DT

Theaterkritik | "Drei Schwestern" im DT - Nach Moskau, nach Moskau? - Im Leben nicht

Karin Henkel lässt Tschechows "Drei Schwestern" am Deutschen Theater von Männern darstellen. Das geht erstaunlich gut auf - weil die Inszenierung sich nicht für Travestie-Klischees interessiert, sondern geschickt auf Verfremdung setzt. Von Fabian Wallmeier

Der Anfang ist Verfremdung: Angela Winkler steht am Treppenabsatz und schaut verwirrt. Sie ist in einer Art Loft, mit Schaukelstuhl und Designermöbeln. Plötzlich kippt alles nach rechts. Benjamin Lillie ist unten links zu sehen, er trägt eine Soldatenuniform. Was er sagt, kommt vom Band, erst bewegt der die Lippen noch synchron, dann nur fratzenhaft, schließlich gar nicht mehr. "Wir müssen das Leben nochmal von vorne anfangen. Wir müssen weiterleben", sagt Winkler, ebenfalls teilweise vom Band.

Weiterleben ist leichter gesagt als getan - denn das Leben hat nicht viel Freude für die "Drei Schwestern" aus Tschechows Theaterklassiker. Olga, Mascha und Irina sind, gemeinsam mit ihrem Bruder Andrej, in einer Kleinstadt gefangen, sie alle finden kein Glück in der Liebe, sie alle sind unglücklich im Beruf. "Nach Moskau, nach Moskau" lautet der berühmt gewordene sehnsüchtige Aufruf, der das Stück durchzieht. Doch nach Moskau wird es keine von ihnen schaffen.

Winkler spielt eine ältere Variante von Irina, der jüngsten Schwester. Aber auch Benjamin Lillie, der in der Eingangsszene zunächst als ihr späterer Mann, Offizier von Tusenbach, zu sehen ist, spielt Irina. Regisseurin Karin Henkel nähert sich dem oft gespielten Stück in ihrer Inszenierung am Deutschen Theater nämlich vor allem über ihre Besetzungsidee an: Bis auf die Figur der älteren Irina werden am Deutschen Theater alle drei Schwestern von Männern gespielt, neben Benjamin Lillie sind das Bernd Moss und Michael Goldberg.

Kein parodistischer Travestie-Firlefanz

Männer, die Frauen spielen - das mag heutzutage, wo Trans- und Intersexuelle mit ihrem Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung endlich stärker ins öffentliche Bewusstsein vordringen, auf den ersten Blick nicht die frischeste Idee sein. Aber Henkel hat gottlob keinen parodistischen Travestie-Firlefanz im Sinn. Vielmehr werden dadurch, dass Männer diese Frauenfiguren spielen, die drei Schwestern schlicht noch ein Stück mehr von sich selbst entrückt, als sie es im Text ohnehin schon sind.

Die Komik, die dabei immer wieder durchbricht, kommt nicht aus dem geschlechtlichen Verwirrspiel, sondern schlicht aus den Figuren selbst - und aus der Tatsache, dass die Darsteller neben den drei Schwestern auch noch ihre jeweiligen Verehrer oder Gatten spielen. Man muss natürlich auch Schauspieler zur Verfügung haben, die dazu in der Lage sind. Henkel hat sie: Bernd Moss ist als älteste Schwester Olga mal blasiert, mal beleidigt, mal entnervt - und als Major Werschinin eine lässig skizzierte Witzfigur. Felix Goeser ist als Bruder Andrej ein wunderbar weinerlicher Jammerlappen - und als dessen Frau Natascha furchteinflößend dominant.

Michael Goldberg tapert als mittlere Schwester Mascha verloren mit einem Radio über die Bühne, auf der Suche nach besserem Empfang der Signale aus der herbeigesehnten Ferne. Als Maschas Mann Kulygin ist er dagegen ein überaus seifiger Schwätzer. Benjamin Lillie spielt von Tusenbach als ungelenken Aufdringling - und letztlich tragische Gestalt. Seiner Variante der Irina gibt er derweil etwas Entrückt-Melancholisches mit, eine zarte Kraftlosigkeit.

Konsequente Verfremdung

Angela Winkler setzt sich mit ihrer Version der Irina davon ab. Wenn sie an die Rampe tritt, beginnt die Figur zu leben, sie wird greifbarer, wärmer, konkreter, vermeintlich echter. Doch diese Echtheit hat kein Durchkommen an diesem Abend, Henkel lässt sie nur als Ahnung einer besseren Welt durchschimmern.

Der Rest ist konsequente Verfremdung. Dazu trägt zusätzlich bei, dass Goldberg, Lillie, Moss und Goeser Masken tragen, die ihre tatsächlichen Gesichtszüge karikierend verzerren. Zudem wird das Loft immer wieder nach rechts gekippt und wieder geradegerückt, dazu dreht die Bühne sich immer wieder und gibt den Blick auf die Rückseite des Lofts frei. Reichlich Nebel verwischt die Eindeutigkeiten zusätzlich - und die Stimmen sind durchgängig mit Hall belegt.

"Wir müssen weiterleben", sagt Winkler-Irina am Schluss noch einmal, nun ganz ohne Bandeinspielung. Ja, diese drei Schwestern und ihr Bruder werden weiterleben. Aber ob das Glück noch zu ihnen kommen wird? Auch wenn zwischendurch im Stück, wie so oft bei Tschechow, von einer unmittelbar bevorstehenden großen gesellschaftlichen Veränderung die Rede ist: So recht mag man es am Ende dieser klugen zwei Stunden nicht glauben. Nach Moskau? Im Leben nicht.

Sendung: Kulturradio, 13.11.2018, 07:45 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Katja Riemann während einer Buchvorstellung in Essen (Bild: dpa/Revierfoto)
dpa/Revierfoto

Lesung | Katja Riemann in Berlin - Unheimliche Stille

"Das Märchen vom letzten Gedanken" heißt der preisgekrönte Roman über den Völkermord an den Armeniern. Bei den Jüdischen Kulturtagen hat Schauspielerin Katja Riemann aus dem Buch gelesen und zeichnete ein bedrohliches Bild des Genozids. Von Hans Ackermann