Akua Naru 2017 in Worms. Quelle: Michael Debets/dpa
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Audio: Inforadio | 18.12.2018 | 8:55 Uhr | Jakob Bauer | Bild: Pacific Press via ZUMA Wire

Konzertkritik | Akua Naru in Berlin - SO36 feiert Gospel-Gottesdienst mit fetten Beats

Hip Hop ist nicht nur Gangsta Rap mit dicken Autos und Bling-Bling-Uhren. Sondern auch "Conscious Rap", der sich mit politischen Themen beschäftigt. Wie mitreißend dieser Stil sein kann, hat Künstlerin Akua Naru am Montag im SO36 gezeigt. Von Jakob Bauer

Der Abend kommt schwer in die Gänge. Während des zurückhaltenden, instrumentalen Intros herrscht im SO36 noch Samstag-Nacht-In-Einer-Kreuzberger-Bar-Atmosphäre. Heißt: Wer nicht direkt vor der Bühne steht, hört aufgrund der Gesprächslautstärke eigentlich gar nichts. Dann kommt zwar Akua Naru auf die Bühne und feuert das erste Mal so richtig los - aber kaum ist der Song zu Ende, gibt es technische Probleme.

Könnte knifflig werden? Nicht für Akua Naru. Die Amerikanerin nutzt diese unfreiwillige Pause einfach für ein kleines Call-And-Response Spiel mit dem Publikum: Das Publikum soll den Beat singen, Akua Naru rappt drüber.

Schubkarren voller Liebe über den Zuschauern ausgeschüttet

Eine mutige, selbstbewusste und kluge Idee: Sich gleich zu Anfang so vom Publikum abhängig zu machen – und es so gleichzeitig auch zu integrieren. Es klappt ganz wunderbar und schnell wird klar: Die Frau ist die geborene Entertainerin und wird alle Menschen hier im Handumdrehen für sich gewinnen.

Zwischen den Songs spart sie nicht mit starken Vokabeln, überschüttet die Zuschauer mit Liebesbekundungen, sie seien so sexy und die Vibes so unglaublich gut, spricht über die Energie und die Kraft die sie hier spürt, ist andauernd überwältigt und biegt immer wieder kurz ins Politische ab, wenn sie von ihrer zentralen Botschaft spricht: Joy, also Freude, als eine Form des Widerstands. In zigfachen Wiederholungen wird das manchmal etwas sehr gefühlsduselig, etwa als sie sagt, sie könne jetzt nicht weitersingen, wegen all der positiven Gefühle die sie überwältigen – aber es gibt ja auch noch die Musik.

Die Band ist der heimliche Star

Und die ist nun mal der perfekte Soundtrack zu diesem endorphingetränkten, überbordenden Liebes-Auftritt. Eine fünfköpfige Band spielt die Beats von der Platte mal in ausufernder Jazz-Band-Manier, mal als Rock-Hip-Hop-Funk-Crossover Projekt. Auf jeden Fall immer mit Wumms und in höchster musikalischer Qualität.

Diese Band ist neben der animierenden Performance von Akua Naru der heimliche Star des Abends. Jedes Mitglied hat mindestens ein ausuferndes Solo und insgesamt sind die fünf Musiker fast häufiger ohne ihre rappende Bandleaderin zu hören, als mit.

Ein leichter Gospel-Gottesdienst-Vibe

Bis in die letzte Reihe und auf den Bänken an der Seite des engen Clubs tanzen die Menschen. Laute Unterhaltungen gibt’s jetzt keine mehr, nur noch Schweiß und ein wenig Restsauerstoff. Die Party ist geglückt. Und die politische Botschaft? Vor allem auf ihrem aktuellen Album preist die Afroamerikanerin die Stärke und die Vielfalt des Heimatkontinents ihrer Vorfahren. Sie sieht das Positive, rapt über die Strahkraft von schwarzen Roll-Models wie Tennis-Star Serena Williams.

Doch auf die Texte hören bei so einem Live-Konzert wahrscheinlich die Wenigsten. Da wird es dann bei den Ansagen spannender. Und hier lässt Akua Naru auch einige klassische Schlagworte fallen: Die Gesellschaft bezeichnet sie als ein imperialistisches Patriarchat, jeder hier wisse, dass wir im Kapitalismus mit weißer Vorherrschaft lebten. Die zentrale Frage für sie ist: Glauben wir alle zusammen an die Macht der Menschen, die richtigen Entscheidungen zu treffen? Das Publikum brüllt „Yes“! Nicht nur hier hat der Abend einen leichten Gospel-Gottesdienst-Vibe.

Politische Botschaft oder Glaubensfrage?

Als schwarze Frau eröffnet Akua Naru den Blick auf ihre Minderheiten-Perspektive, mit der die 90% Weißen im Publikum logischerweise erstmal nicht ausgestattet sind. Und das kann immer gewinnbringend sein. Trotzdem stimmen gefühlt 100% der Konzertgänger sowieso mit all ihren Aussagen überein.

So wird aus der politischen Botschaft eher eine Glaubensfrage, die als Glaubensbekenntnis in  gegenseitiger Bestätigung resultiert. Und eine andere Frage schließt sich an – mal wieder – nämlich die, wie politisch ein Popkonzert eigentlich sein kann? Nun, wenn man’s mit Akua Naru hält und Freude als eine Form des Widerstands sieht, dann war dieses Konzert hochpolitisch.

Sendung: Inforadio, 18.12.2018, 8:55 Uhr

Beitrag von Jakob Bauer

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