Ernst Ludwig Kirchner: "Wildboden im Schnee" (1924) aus der Sammlung Eberhard W. Kornfeld (Quelle: Bildausschnitt dpa/akg-images)
Audio: Inforadio | 14.12.2018 | Maria Ossowski | Bild: dpa/akg-images

Ausstellung | Kirchner im Brückemuseum - In der Umgebung des Zauberbergs

Ein Großstadt-Chronist als Landschaftsmaler, ein Expressionist im farbenfrohen Bergidyll: Wer den späten Ernst Ludwig Kirchner und seine in der Schweiz entstandenen Bilder kennenlernen möchte, der muss jetzt unbedingt ins Brücke-Museum. Von Maria Ossowski

Berge statt Berlin. Kühe statt Kokotten. Und ein Sammler, der mit 95 Jahren noch immer  jugendlich begeistert ist von Ernst Ludwig Kirchner. Eberhard W. Kornfeld, einst befreundet mit Picasso, Chagall und Giacometti, kannte Kirchner nicht persönlich, aber er hat alles gekauft, was von dem Künstler auf dem Markt war: Kirchners Bilder, Zeichnungen, Holzschnitte, Briefe, Möbel und Textilien.

Der Kunstsammler Eberhard W. Kornfeld (Quelle: Brücke-Museum/Christian Scholz, Zürich)
Bild: Brücke-Museum/Christian Scholz, Zürich

Eine nicht so kleine Sensation

Die Ausstellung im kleinen Brücke-Museum ist eine nicht so kleine Sensation. Sie zeigt erstmals nicht den Großstadtflaneur, sondern den Landschafts-, Bauern- und Tiermaler, und sie präsentiert Bilder aus Kornfelds Privatsammlung. 1917 zog Kirchner nach Davos. Dort wollte er seine Lähmungen und Nervenzusammenbrüche kurieren, die er sich beim Militär zugezogen hatte.

Kirchner war die Dresdner und Berliner Hektik gewohnt - und plötzlich hineinversetzt in die Bergwelt auf 1.800 Meter Höhe, in die Umgebung des Zauberbergs. "Es ist ja faszinierend, wie sozusagen dieser Großstadtmensch, in diese Landschaft hineinversetzt, auch stilistisch und künstlerisch einen vollkommenen Bruch vornimmt", sagt Kornfeld, der wie kein Zweiter Kirchner gesammelt hat und auf dessen Sammlung die Ausstellung im Brücke-Museum beruht.

Die Kühe lila, die Gesichter blau

Mit expressionistischem Pinselstrich und kräftigen Farben sind die Kühe lila und die Gesichter blau auf seinem zentralen Gemälde, der "Stafelalp im Schnee". Das Bild zeige den Abend auf der Stafelalp, sagt die Kuratorin Lisa Marei Schmidt: "Die Tiere kommen von den höher gelegenen Weiden zurück ins Dorf, die vierzehn Hütten sind zu erkennen, die weiße Sennerei und auch dieser Dorfplatz mit dem großen Brunnen." Dabei habe Kirchner nicht nur die monumentale Berglandschaft beeindruckt hat, "sondern auch dieses Gemeinschaftliche".

Eine Deutscher Großstadtmaler in der bäuerlichen Einsamkeit des Bündnerlandes. Kornfeld hat die Alphütten, in denen Kirchner lebte, gekauft und dort Erinnerungsorte eingerichtet. Viele Prominente haben ihn besucht. So hat Richard von Weizsäcker einen Bauern, der Kirchner noch kannte, gefragt, welchen Eindruck der Maler auf ihn gemacht habe. Kornfeld gibt die Antwort wieder: "'Ach, wissen Sie, Herr Bundespräsident, wir haben gedacht, er sei ein Spinner', das war die Haltung, aber sie haben ihn akzeptiert, und sie haben ihn auch in den Freundeskreis eingeschlossen." Kirchner sei quasi ein "Fremdkörper" gewesen, aber er habe sich sehr schnell in den Kreis dieser Bergbauern integriert, obwohl da "absolute keine intellektuelle Verbindung war".

Ab 1937 als "entarteter Künstler" gebrandmarkt

140 Kunstwerke stellt das Brücke-Museum aus, hinreißende Holzschnitte mit Bonnie, seiner Katze, Porträts der Bauern und Almbewohner. Kirchner hatte durchaus Sehnsucht nach Berlin, seine Briefe beweisen es. Aber ab 1933 gab es keine Rückkehrmöglichkeit mehr. In einer letzten Zeichnung porträtiert Kirchner sich selbst - mit seiner Katze. Dann der Freitod, zwei Schüsse ins Herz.

Ab 1937 sei Kirchner aus der Preußischen Akademie ausgeschlossen worden, erläutert die Kuratorin. Die Werke des Malers seien als "entartete Kunst" beschlagnahmt worden. Es seien keine Geburtstagsgrüße mehr gekommen, es habe weniger Verkäufe gegeben - und hinzu sei die Angst vor der drohenden Wehrmacht gekommen. "Das waren alles Punkte, die ihn, die höchst sensible Künstlerpersönlichkeit wahrscheinlich zum Selbstmord getrieben haben."

Viel zu selten sind die Schweizer Jahre Ernst Ludwig Kirchners zu sehen, seine späte, doch auch längste Schaffensphase. Das Brücke-Museum schließt diese Lücke der Kirchnerrezeption. Die Ausstellung ist ein absolutes Muss für jeden Kunstliebhaber.

Beitrag von Maria Ossowski

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren