Archivbild: Mitglieder der Band Erdmoebel bei einem Konzert im Lido in Berlin. (Quelle: dpa/Hoensch)
dpa/Hoensch
Audio: Inforadio | 21.12.2018 | Magdalena Bienert | Bild: dpa/Hoensch

Konzertkritik | Erdmöbel im Frannz Club - "Goldener Stern, dreh dich, dreh dich"

Die Kölner Band Erdmöbel hat es sich zur Tradition gemacht, auf Weihnachtstour zu gehen. Seit 2006 bringt sie nämlich jedes Jahr ein neues Weihnachtslied heraus. Im Berliner Frannz Club sorgte sie am Donnerstag für unfassbar gute Stimmung. Von Magdalena Bienert

Seit einem viertel Jahrhundert gibt es die Band Erdmöbel schon. Trotzdem sind sie immer noch eher Feuilleton-Lieblinge als Hitgaranten. Dabei hat das Quartett um Sänger und Texter Markus Berges Lieder etliche Lieder mit Ohrwurmcharakter. "Dreierbahn" von vor fast 20 Jahren sitzt sofort fest, wenn man es einmal wieder gehört hat. Immerhin ein kleiner Indiehit.

Die Fanbase ist genauso lang treu geblieben. Der Frannz-Club an der Schönhauser Allee in Berlin-Prenzlauer Berg platzt an diesem Donnerstagabend aus allen Nähten. Die Weihnachtskonzerte, die die Band seit Jahren gibt, scheinen eine feste Größe im Kalender von Freundesgruppen zu sein, die sich viel zu selten sehen. Aber wenn Erdmöbel spielen, trifft man sich endlich wieder und weiß: bald ist dieses Jahr auch geschafft.

In diesem Jahr heißt das Weihnachtslied "Sie nannten ihn Putte" und kommt ohne Gastsängerin aus. Es gab absolut stärkere Weihnachtslieder der Band, aber mit "Hoffnungsmaschine" zusammen mit Judith Holofernes von 2017 oder dem ironischen "Lametta" mit Maren Eggert (2014) hat sich die Band das Lametta selbst ziemlich hoch gehängt. Aber geschenkt - die Stimmung ist unfassbar gut und sehr familiär.

"Blink, blink" – albern oder lustig?

Die Erdmöbel-Fans sind offenbar nicht zum ersten Weihnachtskonzert ihrer Lieblingsband gekommen, sie wissen genau, was zu tun ist. Für das Lied "Blinker" öffnen und schließen sie ihre ausgestreckten Hände und rufen "Blink, blink". Das kann man albern finden oder sehr lustig. Ich entscheide mich für Letzteres, denn schließlich nehmen weder Band noch Publikum sich allzu ernst. Und "Blink, blink" ist im Vergleich zu dem, was da noch kommen wird,  harmlos. Mit dieser Erwartungshaltung spielt Sänger Markus Berges immer wieder. Er stachelt das Publikum augenzwinkernd zu Höchstleistungen an und droht mit dem Vergleich zu den Kölner Fans.

Trotz Stimmbandentzündung und Medikamentencocktail liefert Markus Berges ab. Er ist witzig, charmant, trifft die Töne und ist gut gelaunt. Das fällt bei eingängigen Songs, wie "Lametta", "Weihnachten im Weltall" oder "Goldener Stern" auch nicht schwer.

"Ihr steht unter dem Kraftfeld einer Pyramide"

Die Beschäftigungstherapie geht mit "Goldener Stern" in die nächste Runde. Bassist Ekki Maas bildet aus seinen Händen über seinem Kopf ein Dreieck und sagt: "Stellt euch vor, Ihr steht jetzt unter dem Kraftfeld einer Pyramide". Und fast der ganze Raum hebt die Hände, ob mit oder ohne Bier- oder Rotweinglas, und dreht sich laut mitsingend zum Refrain um die eigene Achse: "Goldener Stern, dreh dich, dreh dich….". Ein herrlicher, skurriler und auch sehr warmherziger Konzert-Moment. Ungeachtet derer, die nicht mitmachen, drehen, tanzen und singen die Fans leidenschaftlich volle zwei Stunden.

Erdmöbel wollen dem Fest der Liebe die Melancholie nehmen, den Schrecken. Dazu wenden sie ihre feinsinnigen Alltagsbeobachtungen und Ansichten im heißen Schmalz der Ironie oder braten die Melodien in Polka-Rhythmen knusprig.

Ironie statt Melancholie zu Weihnachten

Im Hintergrund der Bühne hängt ein großer leuchtender Stern, die Mikrofonständer zieren Christbaumkugeln. Das Quartett ist live um eine Posaune und eine Querflöte reicher und man merkt allen die große Begeisterung an, die sie beim Spielen verspüren. Und das schwappt über - oder ist es umgekehrt? Das Publikum, zwischen zwölf und 62, ist ebenso entflammt, bildet sogar noch eine Polonaise mit der Band durch den ganzen Club. Erdmöbel sind, nicht nur zu Weihnachten, eine fantastische Live-Band - und eine große Inspiration, um neue Lieder beim Fest der Liebe in die Familie einzuführen.

Sendung: Inforadio, 21.12.2018, 06:55 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Schauspieler Vidina Popov, Maryam Abu Khaled, Kendar Hmeidan und Elena Schmidt (l-r) spielen bei der Fotoprobe des Theaterstückes "Herzstück". Quelle: dpa/Annette Riedl
dpa/Annette Riedl

Saisoneröffnung - Container-Love im Maxim-Gorki Theater

Mit Heiner Müllers "Herzstück" eröffnet das Maxim-Gorki Theater nicht nur die neue Spielsaison, sondern auch einen neuen, temporären Spielort: den "Container". Zum Saisonauftakt hat es 200 Zuschauer in den neuen Raum gezogen. Von Cora Knoblauch