Fotoprobe zu "Les Contes d'Hoffmann": Cristina Pasaroiu (als Olympia, Antonia, Giulietta, Stella) und Daniel Johansson (links stehend, als Hoffmann) in der Deutschen Oper Berlin (Quelle: imago/Martin Müller)
Audio: Kulturradio | 02.12.2018 | Maria Ossowski | Bild: imago/Martin Müller

Opernkritik | "Hoffmanns Erzählungen" an der Deutschen Oper - Lyrik statt Tinder, Prosa statt Beziehungsstress

Haben wir am größten Berliner Opernhaus keine eigenen Ideen? Das könnte man meinen, wenn jetzt die Deutsche Oper "Hoffmanns Erzählungen" in einer 15 Jahre alten Inszenierung aus der Schweiz zeigt. Doch die ist wunderbar, findet Maria Ossowski.

Kann daraus was werden? Hat so eine Produktion nicht einen ellenlangen, eisgrauen Bart? Allein die Story: Besoffener am Gendarmenmarkt phantasiert was von untreuen Frauen, die sein Leben ruiniert haben. Eine hat sich als Automat entpuppt, eine als todkrank. Die Dritte hat ihm sein Spiegelbild geklaut.

Bevor der Dichter Hoffmann sich beim Wirt Lutter (gleiche Stelle, gleiche Welle: Lutter und Wegener in der Charlottenstraße, da gibt’s sogar eine E. T. A. Hoffmann Stube!) endgültig dem Suff ergibt, rettet ihn die Muse vor den Weibern. Lyrik statt Tinder, Prosa statt Beziehungsstress, dazu viel Wein und nette Kumpels. Hoffmann ist zeitlos sympathisch, wird nie unmodern.

Gute Inszenierungen sind wie guter Wein

Dann die Inszenierung: 15 Jahre alt, aus Lausanne und Lyon eingekauft. Haben wir am größten Berliner Opernhaus keine eigenen kreativen Leute und Ideen? Wieso müssen wir olle Regiearbeiten aus der Schweiz und Frankreich übernehmen? Das ist eine Grundsatzfrage, und die einzig richtige Antwort darauf lautet: in Lausanne und Lyon gab es eine wunderbare, kluge, tiefsinnige, poetische Inszenierung von "Hoffmanns Erzählungen", natürlich in der Originalsprache französisch, "Les Contes d’ Hoffmann". Welcher Berliner oder Berlin-Besucher fährt nach Lyon, um sie zu sehen? Niemand.

Also ist es kreativ, sie herzuholen. Denn gute Inszenierungen können wie guter Wein mit den Jahren sogar noch gewinnen. Boleslaw Barlogs "Tosca" am gleichen Haus in der Bismarckstrasse feiert demnächst ihren den 50. Geburtstag. Wir werden an dieser Stelle angemessen gratulieren, denn das Ding ist und bleibt ein Renner. Und das gilt auch für "Hoffmanns Erzählungen".

Traumtaille und gnadenlos voluminöser Sopran

Eingebettet in surreale Szenerien mit höchst realen Ängsten stolpert Hoffmann durch sein Traumgeflecht. Ein großer, trauriger Mann, der schwedische Tenor Daniel Johansson verleiht ihm schauspielerisch den nötigen Schuss Melancholie, Tragik und Vergeblichkeit, stimmlich haperts leider hin und wieder, aber das tut dem Erfolg des Abends keinen Abbruch.

Denn da kommen die Frauen ins Spiel, allen voran die vier Rollen singende Christina Pasaroiu aus Bukarest, ein zartestes Persönchen mit Traumtaille und einem gnadenlos voluminösen Sopran. Als Puppe Olympia fliegt sie durch die schwarze Szenerie und feuert ihre Koloraturen in die Werkstatt ihres Erfinders und in den ausverkauften Zuschauerraum. Ein Kamerakranwagen steckt hinter dem Mirakel, Arie zu Ende, Spot an, die Konstruktion ist zu sehen, Gelächter.

Fotoprobe zu "Les Contes d'Hoffmann": Daniel Johansson (vorn, als Hoffmann) und Ensemble in der Deutschen Oper Berlin (Quelle: imago/Martin Müller)Fotoprobe zu "Les Contes d'Hoffmann": Daniel Johansson (vorn, als Hoffmann) und Ensemble

Schwelgen in Offenbachs hinreißendem Gondellied

In graublau kaltem Treppenhaus will die zweite Liebe Antonia es ihrem Papa und ihrem Geliebtem Hoffmann Recht machen und verspricht, nie wieder zu singen. Aber der Böse des Abends, der Teufel und Verführer Lindorf in seinen vier Erscheinungen hat seine bösen Fingerchen im Spiel. Er beschwört den Geist ihrer Mutter, die als Negativbildprojektion erscheint, und die lässt die lungenkranke Antonia sterbensschön singen, worauf sie den Rest ihres Lebens aushaucht.

Alex Esposito ist ein ganz grandioser Bass, den das Publikum mit Extraovationen beglückt. Und dann Venedig. Zur Barcarole schwingen die Vorhänge, Biedermeiersofas gleiten durch die Salons, Irene Roberts als Nicklausse und die böse Kurtisane Giulietta schwelgen in Offenbachs hinreißendem Gondellied.

Optisch wohltuend reduziert

Die optisch wohltuend auf das Wesentliche reduzierte Inszenierung der sehr langen Fassung (knapp vier Stunden, zwei Pausen) kommt ohne Schwulst und Kitsch aus. Sie wahrt die Balance zwischen Melancholie und Komik, Poesie und Gassenhauern.

Zu Recht endet der Abend mit donnerndem Applaus, auch für das Orchester unter dem energetischen Enrique Mazzola und für den grandios einstudierten Chor, es herrscht allgemeiner Jubel trotz später Stunde, keine Buhrufe stören. Gute Kunst kennt eben kein Alter. Die Inszenierung aus Lausanne-Lyon von Laurent Pelly schmückt Berlin.

"Les Contes d'Hoffmann" an der Deutschen Oper Berlin.

Weitere Termine: 4.12., 8.12., 15.12. sowie 5.01., 9.01. und 12.01.2019

Beitrag von Maria Ossowski

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