Publizistin Carolin Emcke (Quelle: imago)
Radioeins | 17.12.2018 | 6:55 Uhr | Susanne Bruha | Bild: imago/Sven Simon

Theaterkritik | Carolin Emcke in der Schaubühne - Die Logik von Machtmissbrauch und Schuld

Die Publizistin Carolin Emcke hat sich mit ihrem Buch "Gegen den Hass" gegen den Rechtsruck positioniert. Ihre neue Performance in der Schaubühne bezieht sich auf die #metoo-Debatte. Ein Kommentar, der etwas spät kommt, findet Susanne Bruha.

"Am Anfang war der Zweifel." So beginnt Carolin Emcke ihre Performance im kleinen Globe-Theatersaal der Schaubühne. Der Zweifel war, ob sie, als queere Frauen begehrende Frau überhaupt berechtigt sei sich zu #metoo zu äußern. Dieser Zweifel hat sich offenbar aufgelöst, denn in der Schaubühne folgt die Publizistin ihrem Bedürfnis, ihre Gedanken nicht nur niederzuschreiben, sondern sich mit ihnen einem Publikum auszusetzen.

"Manchmal spürt man erst beim Schreiben, dass ein Text eine bestimmte Form sucht, dass die Worte nicht nur geschrieben, sondern gesprochen, gezeigt werden wollen, mehr noch: dass das, was man schreibt, den eigenen Körper betrifft, die eigene Haut, dass man einen Raum braucht, ein Theater, in dem man sich anders ausliefert, direkter und schutzloser", sagt Emcke.

Viel zu befürchten hat sie nicht von dem Schaubühnenpublikum, es unterscheidet sich deutlich von jener anonymen Masse im Internet. Deren Kommentare machen ihr Angst. Der Abend in der Schaubühne hat eher Selbstbestätigungscharakter. Und warum auch nicht?

"Nein" heißt nicht in jedem Kontext "Nein"

Nach "Gegen den Hass" hat Emcke einen Text „für die Lust“ geschrieben. Mit dieser Kernbotschaft ergänzt sie mit diesem Abend die #metoo-Debatte. "Vielleicht muss das mit dem Wollen noch einmal erklärt werden", meint Emcke. "Etwas Spezifisches von einer bestimmten Person nicht zu wollen, heißt nicht, nichts zu wollen. 'Nein' zu einer bestimmten Person oder zu einer bestimmten Handlung zu sagen, heißt nicht, dass es nicht mit einer anderen Person oder sogar mit derselben Person ein endloses Spektrum an Handlungen, Gesten, Praxen gäbe, die gewollt, gewünscht, bejaht wären.“

Allerdings beginnt Emcke mit dem schon oft Gehörten. Erzählt von der Warnung mit der sie als Mädchen aufgewachsen ist "sich nicht mitschnacken zu lassen". Das sei Plattdeutsch und bedeute man solle nicht mit Fremden mitgehen. Was der Fremde dann mit einem täte sei dabei nie benannt worden. Und Emcke teilt ihre Gedanken zu den im Lauf der #metoo Debatte vielzitierten Bademänteln, in denen einflussreiche Männer Frauen in Hotelzimmern empfangen. 

Musik für die Denkpausen

In dem Teil der Lesung schreibt Carolin Emcke Frauen ausdauernd in die Opferposition. Das mutet seltsam an, denn die Debatte ist ein Jahr nach dem Weinstein-Skandal und dem Hashtag schon viel weiter. Emcke allerdings benutzt die Ausgangssituationen nochmal, um der Logik von Machtmissbrauch und Schuldumkehr nachzuspüren, das Unbehagen aufzubauen, das das Gehörte auslöst. "Ist ahnungslos, wer erwartet nicht gedemütigt zu werden? Ist selbst schuld, wer erwartet, nicht belästigt, angegriffen, verletzt, gewürgt, geschlagen, missbraucht zu werden?"

Carolin Emcke sitzt im kleinen 250 Leute fassenden Globetheater der Schaubühne auf einem Hochhocker. Auf einem Pult vor ihr liegt ihr Text, neben ihr ein Laptop. Von dem fährt sie Musik ab für Denkpausen, in denen sie verschmitzt lächelt. Auf einer Videoleinwand illustrieren schwarz-weiß verschwommene Bilder den Text.

Klug geschrieben, aber zu spät

Emcke kommt vom Persönlichen zum Großen und Ganzen. Berührend erzählt sie von der Essenseinladung bei einer Freundin, deren Mann die Freundin im Nebenzimmer schlug und berichtet von ihrem Unvermögen, zu reagieren. Dann spricht sie von Sklaverei, deren Zeugin sie als Journalistin wurde und fordert dazu auf, die eigenen Privilegien zu hinterfragen und gefälligst einfach mal zuzuhören, wenn Menschen von ihren Diskrimierungserfahrungen berichten. Am Ende blättert Carolin Emcke einen Forderungskatalog auf, mit Punkten, die sich in dieser Gesellschaft verändern müssen.

Carolin Emckes Text ist stark, klug und feinsinnig geschrieben - keine Frage! Allerdings wirkt dieser Abend ein Jahr nach dem Beginn der #metoo-Debatte etwas hinterhergeschoben. Das Premierenpublikum in der Schaubühne applaudierte trotzdem langanhaltend.

Sendung: Radioeins, 17.12.2018, 6:55 Uhr

Beitrag von Susanne Bruha

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Ist es etwa ein Mangel, wenn jemand sorgfältig überlegt und formuliert, statt hektisch draufloszuplappern, wenn sich schon Hunderte erregen?

  2. 1.

    Wie kann die Aufführung zu spät sein, wenn die Probleme weiterhin bestehen?

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