Florian Sievers alias "Das Paradies" mit Gitarre auf der Bühne (Quelle: dpa/Reimers))
Audio: Inforadio | 4.12.2018 | Jakob Bauer | Bild: dpa/Michi Reimers

Konzertkritik | Florian Sievers im Berliner Lido - Mit angezogener Handbremse ins Paradies

Bisher war Florian Sievers bekannt als Teil des Indie-Pop-Duos "Talking To Turtles". Nun hat er unter dem Namen "Das Paradies" seine erste Solo-Platte veröffentlicht. Sie klingt unspektakulär, aber entspannt, sagt Jakob Bauer nach einer Präsentation im Berliner Lido.

Wer kommt denn jetzt ins Paradies, zumindest in dieses spezielle Paradies an diesem speziellen Abend? Es sind Studentinnen und Studenten zwischen 20 und 30 Jahren, die im Saft ihrer Lebenskraft stehen. Sie sind am Montagabend das Publikum im Berliner Lido, das man so auch bei Poetry Slams erwarten könnte: an Orten, wo einer auf der Bühne steht, in einem ähnlichen Alter wie man selbst, der die eigene Befindlichkeiten widerspiegelt, Auswege anbietet, eine Hilfestellung zum Weiterdenken geben will. So macht es am Montag auch "Das Paradies" im Lido. Nur in Kombination mit Musik.

Geheimwaffe: selbstauferlegter Optimismus

"Ich sehe eine goldene Zukunft, und nicht viel mehr" singt Florian Sievers schon ganz zu Beginn des Abends. Sievers, zuvor bekannt mit der Indie-Pop-Band "Talking To Turtles", hat er jetzt das "Indie" vor dem Pop gestrichen und die englischen Texte gegen deutsche ausgetauscht. Und die sind wichtig für "Das Paradies", denn rein musikalisch ist der Abend relativ einheitlich: zurückgelehnter Pop mit ein paar groovenden Elementen, aber alles mit angezogener Handbremse und auch live eher mit gepflegter Lässigkeit als mit Lust gespielt.

Das Interessante an "Das Paradies" ist der selbstauferlegte Optimismus, der schon im Bandnamen mitschwingt. Denn wenn Sievers von der "Goldenen Zukunft" singt, dann ist das weniger die Naivität eines realitätsverweigernden Eskapisten, als vielmehr die letzte Hoffnung eines Realisten: "Ich muss es mir nur weitersagen, und einbetonieren, alle Kontras von Hauswänden wischen, es abtippen und kopieren."

Er fängt an, sich selbst genug zu sein

Das ist der Kern dieses Abends – mal umdenken, mal positiv denken. Aber eben nicht in der vollkommen ausgelutschten "Carpe Diem"-Manier einer Julia Engelmann, sondern mit der richtigen Nase dafür, den Dingen etwas Positives abzugewinnen, die gesellschaftlich eher negativ konnotiert sind.

In "Die Giraffe streckt sich" zum Beispiel erzählt Sievers gelassen von scheinbar verschwendeter Zeit, sinnlos gerauchten Zigaretten, zweckfreien Beschäftigungen. Und wie aus diesen scheinbar redundanten Dingen etwas Schönes erwachsen kann, auch wenn das der ein oder andere kaum fassen kann: "Gebt ihm was zu tun, sagt ihr, und lasst ihn nicht allein. Ihr ruft: Er fängt an, sich selbst genug zu sein!"

Das Konzert selbst ist maximal unspektakulär. Es gibt nur wenige Lichtwechsel, keine Ausreißer in der Performance. Sievers steht da, spielt Gitarre und singt, seine beiden Mitmusiker an Schlagzeug und Keyboad und Bass sitzen sich in identischem, grauen Hoodie gegenüber und streicheln dezent ihre Instrumente. Sievers gibt sich publikumsnah, erzählt Berlin-Anekdoten, ist freundlich und entspannt. "Zen Pop" nennt er seine Musik. Der Mehrwert einer Live-Umsetzung im Vergleich zur CD erschließt sich aber nicht so richtig. Außer, dass man es halt mal gesehen hat.

Teils holprig, trotzdem harmonisch

Zumal Sievers trotz starker Momente manchmal arg nuschelt, seine Stimme im Bass verloren geht oder er selbst sich in seinen Metaphern verliert. Wenn "der Tisch verrutscht" und "der Tag weich wird", es "windstill ist", obwohl "die Wolken am Fenster vorbeiziehen" oder "sie hinter der Krümmung einer Raumzeit" auftaucht, dann wird es doch etwas holpriger. Das macht die Bezüge abstrakter, die Inhalte dadurch beliebiger und als Poesie um der Poesie Willen geht das dann doch nicht durch.

Aber dem Publikum gefällt's, für die jungen Erwachsenen bietet Sievers trotzdem noch genug Projektionsfläche und ein bisschen wippen kann man dann ja doch. So bleibt es ein unspektakulärer, aber ganz und gar harmonischer Abend im Paradies.

Sendung: Inforadio, 4.12.2018, 6.55 Uhr

Beitrag von Jakob Bauer

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren