Der amerikanische Popstar David Hasselhoff präsentiert sich lächelnd mit einem gelben Regenschirm am 20.02.1993 im Berliner Olympiastadion. (Quelle: dpa)
Audio: Inforadio | 06.12.2018 | Hendrik Schröder | Bild: dpa

Buch "I've been looking for Frieden" - Die deutsche Geschichte in zehn Songs

Wer könnte nicht wichtige Stationen seines Lebens mit prägnanten Songs erzählen? Der Musikjournalist Maik Brüggemeyer geht noch einen Schritt weiter und erzählt anhand von zehn Songs die Geschichte Deutschlands. Von Hendrik Schröder

In "Die Geschichte des Rock'n'Roll in zehn Songs" begibt sich Greil Marcus auf Spurensuche eines großen Musikkapitels der USA. Maik Brüggemeyer ist ein großer Fan dieses Buchs. Ihm fiel auf, dass er auch seine persönliche Biographie anhand von ausgewählten Liedern beschreiben könnte. Der Autor und Musikjournalist fragte sich, ob sich nicht zehn Songs finden lassen würden, die beispielhaft sind für sieben Jahrzehnte deutscher Geschichte. Er fand viele mehr und schrieb anhand der zehn prägendsten eine unterhaltsame, tiefsinnige, teils auch sehr persönliche Geschichte Deutschlands.

Sehnsucht nach einer heilen Welt

Das Buch beginnt mit den Capri Fischern beziehungsweise "Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt", wie der Song korrekt heißt. Für Brüggemeyer ein natürlicher Anfang. Denn das Lied, 1943 geschrieben, aber erst im Nachkriegsdeutschland veröffentlicht und populär geworden, hat mehrere Ebenen. Es geht um die Soldaten, die in den Krieg ziehen und nicht vergessen werden sollen. Gleichzeitig geht es auch um eine Sehnsucht nach einer heilen Welt, um Verdrängung vergangener Ereignisse, um Adenauers "Schaut nach vorne, nicht zurück".

Vordergründig sind die Capri Fischer eine Schnulze, aber eigentlich handelt es sich um ein sehr komplexes Lied. So ergeht es dem Leser bei vielen Kapiteln. Banale, tausendmal gehörte Songs wie "99 Luftballons" von Nena oder "Dieser Weg" von Xavier Naidoo bekommen in Brüggemeyers Rückshow plötzlich einen ganz anderen Gehalt, weil sie so spiegelbildlich sind für die kollektiven Erinnerungen an die jeweilige Zeit. 

Maik Brüggemeyer
Maik Brüggemeyer | Bild: Friederike Göckeler

Eine neue Sprache, um die Sprachlosigkeit zu überwinden

Über das Wirtschaftswunder hört sich Brüggemeyer weiter in der deutschen Geschichte bis zu den 1968ern, musikalisch sicherlich einer der interessanteren Abschnitte der deutschen Historie. Den politischen Neuanfang der späteren 68er sieht Brüggemeyer beispielhaft im Song "Father cannot yell" der Band Can. "Ich hatte das Gefühl in der Struktur und dem anti-hierarchischen dieses Liedes, (...) spiegelt sich was ganz neues wieder, die Möglichkeit eine neue Sprache zu finden", sagt der Autor. "Eine neue Generation suchte nach einer neuen Sprache, um die Sprachlosigkeit der Kriegsgenerationen zu überwinden". Aber auch Ton Steine Scherben kommen später vor, die mit ihren parolenhaften Songs wie "macht kaputt, was euch kaputt macht" eher Praktiker waren als Sprachakrobaten. Radikale Systemkritik wurde von der Band mit konkreten Aufrufen zum Handeln auf Berliner Straßen vermengt. Später aber gaben sie sich eher poetisch und ditanzierten sich von früheren Songs.

Eigenes Kapitel für "The Hoff"

Und dann bekommt tatsächlich auch David Hasselhoffs "I've been looking for freedom" ein eigenes Kapitel. Denn es gibt diesen Mythos im Ausland, dass Hasselhoff mit seinem Lied mitgeholfen habe, die Mauer niederzusingen. Auch Hasselhoff selbst gefällt sich ganz gut in der Rolle. Die Geschichte ist natürlich Unsinn, wird aber immer noch erzählt. Silvester 1989 sang Hasselhoff das Lied am Brandenburger Tor, mitten in Berlin, der Stadt auf die in diesen Monaten die ganze Welt schaut, und Brüggemeyer fragt sich rückwirkend: "Warum standen da nicht Silly mit Tamara Danz oder andere Künstler aus dem Osten? Warum steht da ein Mann, ein Amerikaner, der einen elf Jahre alten Schlager singt, welcher nicht mal von Deutschland handelt?"

Ein obskures Verhältnis, jenes zwischen Deutschland und Hasselhoff. Aber immerhin, sagt Brüggemeyer, habe es den Deutschen nicht geschadet, plötzlich das Image gehabt zu haben, das Volk zu sein, das David Hasselhoff liebt. Denn vor so einem Volk müsse man nun wirklich keine Angst mehr haben, das habe "The Hoffs" Auftritt am Brandenburger Tor gezeigt.

Buch endet mit "Nichtstun"

Maik Brüggemeyers Buch endet nach einem Abschnitt über das Sommermärchen 2006 mit einem Song von Balbina. Die Berliner Sängerin mit polnischen Wurzeln singt in kunstvoll seltsamen Soundgewand leise gegen das Nichtstun. Der Song ist aus dem Jahr 2014 und von prophetischer Qualität, sagt Brüggemeyer. Die Musikerin sang den Song live beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung im Innenhof vom Bundeskanzleramt. Brüggemeyer, der ebenfalls anweisend war, sieht darin eine klare Botschaft: "Das ist genau das, was jetzt passieren muss", so der Autor zum Song "Nichtstun".

Bereits vor vier Jahren herrschte "eine lähmende Atmosphäre, gleichzeitig gab es aber schon die ersten rechten Demonstrationen", so Brüggemeyer. "Man merkte, wenn wir jetzt nicht was tun gegen unsere eigene Langeweile, dann kann das auch umkippen."

Das vollständige Interview mit Maik Brüggemeyer können Sie oben im Player nachhören.

Sendung: Inforadio, 06.12.2018, 10:45 Uhr

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