Archivbild: Die Dreigroschenoper von Berthold Brecht, inszeniert von Robert Wilson. Im Vordergrund: Chef einer Platte von Strassenbanditen, Christopher Nell. (Quelle: BE/Barbara Braun)
Audio: Radioeins | 19.12.2018 | Interview mit Christopher Nell | Bild: BE/Barbara Braun

Interview | 300 Mal "Dreigroschenoper" - "Mackie Messer ist ein Raubtier und ein Gentleman"

Die "Dreigroschenoper" von Robert Wilson ist ein Dauerbrenner am Berliner Ensemble - und wird jetzt zum 300. Mal aufgeführt. Von Anfang an dabei: Christopher Nell als Mackie Messer. Ein Gespräch über schräge Castings und Wilsons ganz eigenen V-Effekt.

rbb: Herr Nell, Sie spielen von Beginn an – also seit elf Jahren - in der Inszenierung von Robert Wilson mit. Wie war das damals?

Christopher Nell: Das war sehr aufregend. Es war meine erste Begegnung mit Robert Wilson. 2006 kam ich ans Berliner Ensemble und gleich im darauffolgenden Jahr wurden wir in einen Raum gerufen und uns wurde gesagt, dass der große Wilson da ist. Wir hatten eine Audition (Anm. der Redaktion: ein Casting), die erst mal ganz schräg war.

Es ging darum, bestimmte Haltungen anzunehmen und Ruhe einkehren zu lassen. Als junger Schauspieler kam mir das ein bisschen befremdlich vor, wenn man so rumsteht und dann sagt dir jemand: "Feel the stream of the light through your head."

Es sollte aber der Beginn einer Freundschaft mit Wilson werden. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken und er mir vielleicht auch ein bisschen. Ich finde die Welt, die er aufmacht, einfach ganz toll.

Sie spielen in der "Dreigroschenoper" Macheath, den Mackie Messer. Wie würden Sie diese Figur beschreiben?

Optisch hat diese Figur etwas Androgynes und ist eigentlich so ein "Marlene-Dietrich-Typ". Er ist ein bisschen schmallippig und eigentlich ein Tier: ein Panther, der reißt, aber sehr galant ist und mit einem Schlag alles zerstören kann. Er ist aber auch ein unverbesserlicher Gentleman. Das gefällt mir sehr gut an ihm.

In der Rolle des Mackie Messer singen Sie natürlich auch das berühmte "Und der Haifisch, der hat Zähne". Sind Sie ein ausgebildeter Sänger?

Ich bin kein studierter Sänger, sondern habe es mir selber angeeignet. Ich hatte früher eine Band, in der ich viel gesungen habe. In der Schaupielschule habe ich mit zwei Kollegen das Trio "Muttis Kinder" gegründet, mit dem wir sehr viel auftreten. Daran sind wir alle drei sehr gewachsen.

Zum 300. Mal: Robert Wilsons "Dreigroschenoper"

Es gibt ja viele Mackie Messer. Haben Sie davon etwas übernommen oder Ihre eigene Figur kreiert?

Ich habe ehrlich gesagt gar nicht so viele Inszenierungen der "Dreigroschenoper" gesehen. Als Regisseur hätte ich immer Angst vor der "Dreigroschenoper". Es ist ein tolles Stück, das vor allem durch die Wucht der Musik lebt. Es schneidet auch heute noch scharfe Themen an. Dies in irgendeiner Form auf die Bühne zu bringen, ohne irgendwie nur Bettler in Lumpen hinzustellen, ist meiner Ansicht nach immer schwierig.

Man muss eine neue Inszenierung auch irgendwie wieder toppen oder ganz runter kürzen. Dafür ist natürlich Robert Wilson prädestiniert, weil er den "V-Effekt" (Anm. der Redaktion: Verfremdungseffekt, typisches Stilmittel von Bertolt Brecht) auf eine ganz eigene Art und Weise bedient. Dadurch kommen Dinge hervor, die man vielleicht in dem Stück sonst gar nicht so wahrgenommen hat. Das lässt dem Schauspieler die Freiheit, absurder zu sein, als es in dem Stück steht.

Nun ist Mackie Messer eine große Rolle. In Ihrer Karriere haben Sie zahlreiche tragische Rollen gespielt wie beispielsweise Mephisto. Was würden Sie gerne noch spielen?

Das kann ich gar nicht so sagen. Ich habe nie davon geträumt Mephisto oder Hamlet zu spielen. Ich freue mich immer darüber, wenn man mit Aufgaben konfrontiert wird, an die man vorher gar nicht gedacht hat.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Marion Brasch für Radioeins. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das Original-Interview können Sie als Audio oben im Beitrag hören.

Sendung: Radioeins, 19.12.2018, 19:40 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren