Archivbild: Die Humboldt-Box im Sommer 2017 in Berlin (Quelle: dpa/ Schöning)
Audio: Inforadio | 28.12.2018 | Maria Ossowski | Bild: dpa/ Schöning

Kommentar | Humboldtbox wird abgebaut - Publikumsmagnet und architektonisches Scheusal auf Stelzen

Die Humboldtbox bot einen prächtigen Ausblick auf das werdende Berliner Schloss. Zum Jahreswechsel schließt nach den Ausstellungsräumen auch die Dachterrasse. Dass das hässliche Ding bald weg ist, hat aber auch sein Gutes, kommentiert Maria Ossowski.

Schönheit und Schrecken liegen nah beieinander. Beginnen wir mit dem Schönsten: dem Blick vom Café und der 31 Meter hohen Dachterrasse auf Berlins Mitte, auf die Museumsinsel, den Dom und rüber zum Alexanderplatz. Auf die verhüllte Friedrichswerdersche Kirche, die rosa schimmernde Staatsoper und auf das Reiterstandbild des großen Friedrich. Das Wichtigste jedoch: auf das wachsende Schloss.

Die Humboldtbox war ein echter Publikumsmagnet: Millionen Besucher haben sieben Jahre lang in luftiger Höhe die Baufortschritte bewundern können und Auge in Auge mit Adlern, Wappen, Löwenköpfen, Göttern, Kriegern, Widdern und Putten, Vignetten und allen Repliken die 180 Meter lange Fassade so detailliert gesehen, wie das nie wieder möglich sein wird. Ob Renaissance-, Barock- oder Klassizismus-Imitate, der feinziselierten Handwerkerarbeit der Skulpteure, Stukkateure, Steinmetze und Gipsformer kommen wir nie wieder so nahe wie von der Dachterrasse der Humboldtbox.  

Kaiser-Latte und Wechselausstellungen

Dazu konnten wir im erstaunlich gut sortierten Café einen Kaiser-Latte trinken, ein feinstes Gebräu aus flüssiger Schokolade, Espresso und Milchschaum. Dass der Kaiser dies zu sich nahm, ist eher unwahrscheinlich. Die Gastronomie zieht jetzt in die Mercedes Benz Arena.

In den Stockwerken unter der Dachterrasse residierte zum einen der Förderverein mit seinen 80 ehrenamtlichen Mitarbeitern, deren wichtigste Aufgabe es war, Werbung zu machen für das Schloss, über die baulichen Fortschritte und die architektonische Philosophie zu informieren und über den Stand der Spendengelder. Da fehlen noch einige Milliönchen, aber der Spiritus Rector der gesamten Schlossinitiative, Wilhelm von Boddien, zeigt sich optimistisch, sie noch einzutreiben.

In den anderen Stockwerken der Humboldtbox sollte das zukünftige Humboldtforum mit Wechselausstellungen Appetit machen auf die Zukunft der außereuropäischen Sammlungen im Schloss. Diese klugen kleinen Ausstellungen waren nicht so gut besucht wie die spektakuläre Dachterrasse oder die Miniaturschlossmodelle und der Souvenirshop, im Schloss wird sich das ab Ende 2019 garantiert ändern.

Ein Grund erleichtert aufzuseufzen

Jetzt zum Schrecken neben all der Schönheit: Dieses blautürkisfarbene Gebilde namens Humboldtbox, vom Architektenteam Krüger, Schuberth & Vandreike entworfen, war ein architektonisches Scheusal auf Stelzen, ein Kubus in Knallfarben, der jede Blickachse störte. Er dominierte das zarte Rosé der Staatsoper, das dunkle Rot der Nationalgalerie und den schwarzen Stein des Domes und war so hässlich, dass selbst der größte Schloss-Skeptiker wahrscheinlich erleichtert aufseufzt bei dem Gedanken, ein echter Neubau hätte so grausig werden können wie diese Humboldtbox.

Am 1. Januar ist jedenfalls endgültig Schluss, dann beginnen die Geothermie-Bohrungen, um das neue Schlossgebäude ordentlich zu heizen. Wer die äußere Hülle der Humboldtbox dennoch vermissen sollte, keine Sorge: Es gibt genug scheußliche Gebäude in der Stadt, die der Humboldtbox in puncto Hässlichkeit Konkurrenz machen.

Sendung: Inforadio, 28.12.2018, 13:55 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Da werden mal wieder die alten Schlachten geschlagen.
    So, als hätte es die immensen Schwierigkeiten mit der Neubauarchitektur landauf, landab nie gegeben. So, als wenn massig viele Menschen in die Neubaughettos hinströmen würden, um ausgesprochen dasj. zu besichtigen.

    Kaum eine Stadt ist so schnellebig wie Berlin. Nach dem Krieg gab es Pläne, die Stadt vollkommen neu zu bauen, immerhin mit der Straße Unter den Linden als Geschichtsinsel. Selbst zu DDR-Zeiten wurde das unterstützt, bis hin zum Umstand, den Friedrich wieder reitend auf den Sockel zu heben.

    Was allerdings unbeachtet blieb: "Die Linden" sind und wären ein Torso, ohne dass ihr Ausgangspunkt sichtbar und erkennbar wäre. Das ist nun einmal das Schloss. Jetzt nicht als Königsschloss wiedererrichtet, sondern unter vollkommen neuen Inhalten, wegweisend.

    Keine Stadt wird begreifbar, ohne ihre geschichtliche Entwicklung sichtbar und empfindsam zu begreifen. Alles andere bleibt im Kopf, ist mithin eine Kopfgeburt.

  2. 4.

    Wenn man es nicht schafft für seine eigene Zeit eine entsprechende Formensprache zu finden, baut man ein nicht mehr vorhandenes Schloss neu auf. Zumindest an der Fassade ist alles Imitation und Surrogat. Ob es einen Demokratie angemessen ist, ein Bauwerk einer Monarchie neu zu Bauen sei dahingestellt. Die Humboldbox versucht wenigstens
    eine unserer Zeit angemessene Formensprache zu finden. der für mich einzige Makel ist der Grund ihrer Existenz:
    Der Aufbau eines Anachronismus!
    Aber anscheinend wollen Berliner keine moderne Architektur sondern lieber "ihren alten Kaiser Wilhelm" wieder haben.

  3. 3.

    Mit Verlaub: Die Auftraggeber der Humboldtbox scheinen den von Ihnen aufgemachten Widerspruch zwischen herausfordernder Moderne und wieder erkennbar gemachter Geschichte so nicht zu sehen. Was ich als Glück in der Stadtgestaltung empfinde. Eine eher denunzierned wirkende Wortwahl des "Hohenzollernschlosses" anstelle des Humboldtforums jedenfalls wirkt auf mich so, dass Sie diesen Widerspruch weiter befeuern.

    Nicht alles kann überall gebaut werden. Jeder Ort "verlangt" gerade ein Aufeinander-Beziehen. Architekten zu früheren Zeiten haben sich das in Fleisch und Blut übergehen lassen. Heutige Architekten nicht immer, ggf. sogar selten.

  4. 2.

    Liebe Maria Ossowski, Sie sind mit Ihrem Beitrag zur Humbolth-Box journalistisch ins Fettnäppchen getreten. Im non-visuellen Medium Radio ein Bau-Werk eines Architekten als scheußlich zu degradieren und dazu noch eines Architekten, der an exponierter Stelle einen hintergründigen Entwurf realisiert hat, empfinde ich als dilettantisch.
    Beim Hören Ihres Beitrags konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, Sie hätten hier eine doppelbödige Satire über den in Wahrheit stillosen Wiederaufbau des Hohenzollernschlosses in Berlins Mitte im Sinne. Wie auch immer Ihr Beitrag gemeint war: Leider haben Sie es nicht geschafft, das Niveau reflektierter Kulturrezension zu erreichen. Stattdessen haben Sie die mutige Entwurfssprache eines der kreativsten Architekturteams in aller Öffentlichkeit mit primitivem Vokabular beleidigt.

  5. 1.

    Das Ding war natürlich Provokation.
    Ich wünschte, dass auch die andere - zumindest unbewusste - Provokation den gleichen Zeithorizont hätte bzw. gehabt hätte: Das ICC.

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