John Cale spielt am 08.12.2018 mit seinem Orchester in der Verti Music Hall in Berlin (Quelle: imago/Martin Müller)
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Audio: Inforadio | 09.12.2018 | Jakob Bauer | Bild: imago/Martin Müller

Konzertkritik | John Cale in der Verti Music Hall - Gewalt? Liebe? Beides!

Als Bratschist von The Velvet Underground gab John Cale dem Rock’n’Roll in den 60ern eine experimentelle Schlagseite, die bis heute nachwirkt. Am Samstag war er mit Orchester in Berlin zu Gast. Erneut bewies er, was für ein außergewöhnlicher Künstler er ist. Von Jakob Bauer

John Cale mit Orchester? Das lässt erstmal aufhorchen. Ist ausgerechnet einer der Väter des experimentellen Rock'n'Roll, einer, der Zeit seines Lebens quietschiges Feedbackgewitter genauso leidenschaftlich zum Klingen gebracht hat wie surrealistische Songfragmente und repetitive Trance-Oden, ist der auf seine alten Tage noch dem Kitsch verfallen? Wird es zuckrig arrangierte Gefälligkeits-Versionen von Velvet-Underground-Klassikern geben? Oder am Ende eine sanft-säuselnde Backgroundsängerin? Nein, Gott sei Dank: John Cale findet sein Heil immer noch in der Düsternis.

Durch einen luziden Traum

Ein Friedhof und Gräber sind auf der Leinwand zu sehen, dazu donnert das Rumoren von Tausend Toten als Klangbett aus Bass, Streichern und Synthesizern durch die komplett verdunkelte Verti Music Hall. Cale lässt eine Melodie erahnen, ein Rhythmus erhebt sich, der schon Sekunden später ins Stolpern gerät. Hier verschiebt sich ein Takt, da erklingt eine Dissonanz, Cales Stimme klingt im Echo aus allen Ecken der Halle und man schwebt, schwebt, schwebt mit dieser Musik durch einen luziden Traum.

Cale bleibt sich treu. Und dieses Orchester, das der Waliser da mitgebracht hat, ist eigentlich auch gar keines. Herz des Abends ist und bleibt die Rockband, Cale an Keyboard, Gitarre und Gesang, drei fantastische Mitmusiker an Gitarre, Schlagzeug und Bass. Die sieben Streicher und drei Bläser, die an den Seiten der Bühne sitzen, übernehmen eigentlich nie die Führung. Stattdessen schaffen sie ergänzende Klangfarben, streuen Irritationen, füllen Lücken, von denen man gar nicht wusste, dass sie da sind. Und das funktioniert so subtil wie effektiv.

John Cale (mittig) steht am 08.12.2018 mit seinem Orchester auf der Bühne in der Verti Music Hall in Berlin (Quelle: imago/Martin Müller)
John Cale mit seinem Orchester in der Verti Music Hall in Berlin | Bild: imago/Martin Müller

Im Vibrato erklingt das Alter

Obwohl die Streicher ihren eigenen Dirigenten haben, lässt Cale es sich nicht nehmen, zumindest noch ein bisschen den Bandleader zu geben: Er bestimmt mit wedelnder Hand Einsätze und Dynamiken, gibt zur Improvisation frei und applaudiert seinen Solisten. Cale selbst bewegt sich mit seinen 76 Jahren schon recht steif von Gitarre zu Keyboard und wieder zurück. Was nichts daran ändert, dass er seine dystopischen Klanglandschaften noch mit großer Leidenschaft und Überzeugung rüberbringt. Auch die Töne trifft er noch kraftvoll, selbst wenn in seinem Vibrato schon stilvoll das Alter mitschwingt.

Weniger kommunikativ ist der Waliser gegenüber dem Publikum. Das kann sich schon freuen, wenn der 76-Jährige den nächsten Songtitel ansagt. Obwohl: Einmal gibt Cale so etwas wie eine kleine Geschichte zum Besten. Eine, die seinen romantischen Zynismus – er würde vielleicht eher Realismus sagen – unterstreicht. "Der nächste Song", so sagt er, "handelt von Gewalt unter Jugendlichen. Oder wie manche es stattdessen nennen: Liebe." Und Gewalt und Liebe ist auch genau das, was viele seiner Songs ausmacht, auch an diesem Abend. Leidenschaftliche Spielfreude, wenn die Bläser in überbordenden Soli brillieren, trifft auf robotisch-nacktes, minimalistisches Gitarrenspiel von Cale selbst. Auf eine 15 Minuten dauernde Erforschung eines zutiefst melancholischen Klangkosmos, mit schluchtentiefen Drone-Sounds und sägenden Gitarren, folgt ein einfaches Liebeslied, das mit den Hippies flirtet.

50 Jahre Avantgarde-Rock-Geschichte

Man kann nur den Hut ziehen vor der musikalischen Leistung dieses Mannes, den 50 Jahren Avantgarde-Rock-Geschichte, die Cale da vor einem ausbreitet. Das ist Minimal-Music, Trance-Rock, Prog-Rock, Freak-Folk, Pop-Rock, Psych-Rock, Art-Pop und was auch immer noch. Bei allem war der Mann, wenn schon nicht immer der erste, zumindest vorne mit dabei.  Und auch wenn sich der ein oder andere im Publikum sicher mehr Velvet Underground-Titel gewünscht hätte – Cale spielt nur einen – zeigen die abwechslungsreiche Songauswahl und dieser Abend doch, was für ein außergewöhnlicher Künstler John Cale ist. "See You Soon" sagt er am Ende. Dem möchte man eigentlich nichts hinzufügen.

Beitrag von Jakob Bauer

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