Archivbild: Ash bei einem Konzert in London 2017 (Quelle: Imago/ Pezzali)
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Audio: Inforadio | 07.12.2018 | Jakob Bauer | Bild: Imago/ Pezzali

Konzertkritik | Ash im Bi Nuu - Rummachen mit der Jugendliebe

Ihren ersten Superhit hatte die nordirische Band Ash vor über 20 Jahren. Nun sind sie immer noch da und veröffentlichen und touren. Am Donnerstagabend gab es im Berliner Bi Nuu Liebeslieder, jugendliche Sommerträume und gescheiterte Kommunikationsversuche. Von Jakob Bauer

Es herrscht entspannte Stimmung im Club unterhalb des U-Bahnhofs Schlesisches Tor: Die Vorband ist zwar schon seit 45 Minuten fertig und Ash lassen sich immer noch nicht sehen, aber wo bei anderen Konzerten jetzt die ersten verärgerten oder motivierenden Pfiffe erklingen, unterhält man sich hier bequem mit einem Getränk an der Bar.

Vielleicht liegt das daran, dass das Publikum mit der Band erwachsen geworden ist - die Mehrzahl hat die 30 schon geknackt. Vielleicht aber auch daran, dass von Ash heute keine wirklichen Überraschungen zu erwarten sind. Die Musik der Nordiren ist in den 25 Jahren Bandgeschichte immer recht ähnlich geblieben. Das heißt aber mitnichten langweilig.

Ästhetisch überholt? Egal!

Ohne Schnörkel, straight nach vorne, schnell und mit eingängigen Harmonien zimmern Ash seit Beginn ihrer Karriere gut gelaunte Drei-Minuten-Klopper. Nach 30 Sekunden ist klar, wohin ein Song geht und nach 30 Sekunden ist auch klar, wohin der Abend hier geht: Auf in die Vergangenheit, zu den Hits der späten 1990er und der 2000er, zu Liebesliedern und jugendlichen Sommerträumen am Baggersee oder auf Gartenpartys. Eigentlich ist dieser College-Rock-Kaugummi-Sound, nach dem auch die neuen Ash-Stücke immer noch klingen, ästhetisch überholt. Und eigentlich haben Ash ihre relevante Zeit schon hinter sich. Egal. Denn so viel Unbeschwertheit und positive Kraft tut manchmal auch einfach nur unglaublich gut. 

Lass uns einfach mal wieder Hymnen singen

Warum das so ist? Leichtherzige, hoffnungsfrohe Geschichten sind in der Popkultur momentan nicht gerade der heiße Scheiß. Dark und gritty muss es sein - düster, schwer und ernsthaft. Auch in der Indie-Musik gehört das seit Jahren zum guten Ton. Das hat auch alles seine Berechtigung, umso befreiender ist es aber, wenn ab und zu eine Band wie Ash dazwischen grätscht und sagt: Hey, du, lass uns einfach mal wieder Hymnen singen! Und das tun sie dann.

Too Cool For School

Die drei Jungs, oder eher Herren, von Ash hängen sich rein, es ist die reine Freude, zuzuschauen. Schon rein optisch passt das einfach. Sänger Tim Wheeler trägt ein Oberteil, das wie eine Mischung aus Zebra und Hawaiihemd ausschaut, die Oberlippe ziert ein fetter Schnauzer, die kurzen Haare sind nach hinten gekämmt und aus seinem Gesicht strahlt ein immergrünes Lächeln, das zu keiner Sekunde aufgesetzt wirkt. Seine Körpersprache sagt: "Jetzt" und "Los" und "Party", er hält die Gitarre mit einer Hand hoch in der Luft und steht so weit wie möglich vorne am Bühnenrand.

Bassist Mark Hamilton hingegen hängt sein Instrument tief in den Kniekehlen, er hat die ganze Zeit einen leicht selbstironischen "Too Cool For School"-Ausdruck im Gesicht, entledigt sich irgendwann seines verschwitzten T-Shirts und springt zur Zugabe voll in die Menge. Schlagzeuger Rick McMurray kann sich zwar entsprechend seiner sitzenden Position nicht wirklich viel bewegen, lässt aber keine Zweifel daran, dass er kein Problem damit hätte, wenn heute das ein oder andere Becken zu Bruch gehen würde.

Musikalisch versteht man sich

Dabei gehen die regulären Kommunikationsversuche eigentlich nach hinten los. Als Wheeler versucht, dem Publikum irgendwas über Drummer McMurray zu erzählen, kommt kaum Rückmeldung. Das liegt aber nicht am desinteressierten Publikum, sondern daran, dass Wheeler in heftigstem irischen Akzent redet – was sein Schlagzeuger dann auch augenzwinkernd feststellt. Woraufhin die gescheiterte Zwiesprache mit dem Publikum abgebrochen und der nächste Song angestimmt wird.

Nicht so wichtig, denn, um mal die abgedroschenste aller Phrasen zu bemühen – Musik ist ja eine universelle Sprache. Und hier versteht man sich. Ein Pärchen in den hinteren Reihen knutscht und tanzt und knutscht. Aber irgendwie sind es nicht nur sie, es ist das ganze Publikum, das hier mit seiner Jugendliebe Ash rummacht. 

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