Thundercat (Quelle: imago/Amy Harris)
Audio: Inforadio | 14.12.2018 | Jakob Bauer | Bild: imago

Konzertkritik | Thundercat im Berliner Huxleys - Mach die Tür auf, ich fahr mit!

Stephen "Thundercat" Bruner ist einer der gefragtesten Bassisten Amerikas, doch meist agiert er im Hintergrund der amerikanischen Soul- und Hip Hop-Stars wie Erykah Badu oder Kendrick Lamar. Nun stand Thundercat im Berliner Huxleys im Mittelpunkt. Von Jakob Bauer

Als um 20:30 Uhr der Voract die Bühne betritt, ist das Huxleys noch so gut wie leer. Oh nein, denkt man, jetzt steht dieser unglaublich begabte Mensch doch sowieso schon immer in der zweiten Reihe hinter den ganzen Superstars: Hinter Erykah Badu und Kimbra, Kamasi Washington und Flying Lotus, Kendrick Lamar oder N.E.R.D. und so vielen mehr, die er mit seinem Basspiel so inspiriert hat. Nun hat er schon mal seine Headliner-Show - und kein Schwein kommt?

Aber Entwarnung: Es füllt sich langsam, aber sicher, und auch wenn ins Huxleys letztlich deutlich mehr Besucher reingepasst hätten: Für dieses freundschaftliche und entspannte Konzert entsteht hier dann doch noch genau die richtige Stimmung.

Schluffi-Ästhetik trotz hochkompetenter Musik

Denn trotz der großen Namen in seiner Diskographie ist dieser Thundercat einfach ein unverschämt entspannter Junge. Leicht untersetzt kommt er mit orangener Trainingsjacke und lockerer Jeans auf die Bühne, die blondgefärbten Dreads hängen dem 34-Jährigen ins Gesicht und er lacht viel und gerne. "I Love You Berlin", sagt er sehr oft an diesem Abend und man nimmt es ihm ab.

Denn Thundercat ist so einer, mit dem würde man sich gerne Samstagnachmittag auf die Couch hauen, die Playstation anschmeißen, Schwachsinn labern und Chips in sich hineinstopfen. Im gänzlichen Kontrast zu dieser netten Schluffi-Ästhetik - und das ist so wunderbar an diesem Abend - steht die hochkompetente Musik, der Fusion Jazz, der soulige Pop mit den Hip-Hop-Beats, der packende Funk.

Thundercat wird von einem explodierenden Tier am Schlagzeug und einem zurückhaltenden Nerd am Keyboard begleitet. Er selbst behandelt seinen sechssaitigen Bass auf eine ganz unbassige Art und Weise. Thundercat wühlt nicht in den Tiefen seines Instruments herum, sondern spielt seine rasend schnellen Melodien mit Vorliebe in den hohen Lagen. Häufig greift er sogar Akkorde wie bei der Gitarre, die tieferen Frequenzen überlässt er dem Keyboarder. Über das Gewirbel legt er seinen butterweichen Gesang, die cremige Kopfstimme, die so hervorragend zu den leichteren Soul-Nummern passt.

Es gibt auch ein paar poppige Ausflüge in der Setlist, doch das meiste, was Thundercat hier auffährt, wird trotzdem nie Mainstreamkost werden. Man braucht schon Aufmerksamkeit und Aufnahmebereitschaft, um die minutenlangen Solo-Ausflüge der Band genießen zu können.

Keine kalte Technikwerkschau

Allerdings ordnet sich das komplexe Spiel des Trios häufig genug den Songs unter, sodass keine kalte Technikwerkschau entsteht. Das musikalische Herz der Songs, die melodieselige Grundidee, bleibt meistens erkennbar. Und wenn man sich dann darauf einlässt, mit dem Kopf circa 100 Mal in der Minute hin und her zuckt und Füße und Hüfte sich ähnlich ruckartig zu bewegen beginnen, dann kann man hier ganz schön abtrippen. Es sind die Momente, in denen Thundercat seinen unendlichen Melodielinien freien Lauf lässt, in denen man denkt: 'Hey, ich hab zwar keine Ahnung, wo du damit heute noch hinwillst, aber mach die Tür auf, lass mich einsteigen, ich fahr mit!'

Gedenken an MacMiller

Wild wippend genießen Individualisten mit langen Pullis und getönten Sonnenbrillen diese Reise genauso wie beatverliebte Käppiträger und Casual-Normalos. Die Stimmung ist wirklich außerordentlich leicht und unverkrampft für diese Art von Musik, wozu auch immer wieder der Dude-Bro-Style von Thundercat beiträgt. In seiner Ansagen nerdet er über Videospiele ab, erzählt von kreativen Trinkgelagen mit Flying Lotus und gedenkt dem – ein eher trauriger Moment – kürzlich verstorbenen Rapper MacMiller. Noch dieses Jahr hatten die beiden an MacMillers neuestem Album zusammengearbeitet, der Rapper starb an einer Überdosis.

Aber dieser düstere Ton schwingt nur kurz, im Herzen bleibt das Konzert eine zutiefst fröhliche Angelegenheit. Und der Mann, der dieses Herz an diesem Abend so gekonnt und sympathisch zum Schlagen bringt, der hat sich eindeutig mehr Shows in der ersten Reihe verdient.

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ja Herr Bauer, bei all den“ fluffigen“ Sätzen und schön reden, wäre eine „Ehrlichkeit“ ihrerseits auch angebracht gewesen. Denn, Sie werden es mir verzeihen, werden bestimmt 1/3 der Leute im Publikum vorher etwas „geraucht“ haben, für den Wohlfühleffekt obendrauf. So etwas macht man eben ( Normalität in dieser Stadt ) und beschreibt es nicht auch noch im Artikel. Ist nicht negativ gemeint, hätte aber gut zum Artikel gepasst.

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