Konzertrückblick 2018 (Quelle: dpa/rbb24 Collage)
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Rückblick 2018 | Konzerte - Von 90er-Nostalgie, Offenbarungen und Sound-Fiaskos

Für Konzertgänger kann das Angebot in Berlin marathonartige Ausmaße annehmen. Das ist schön, endet manchmal aber in katastrophalen Abenden. Die High- und Lowlights aus 2018, die Sie beim nächsten Mal nicht oder erst recht verpassen sollten. Von Jule Kaden

+++ Achtung: Nachfolgend treffen Sie auf komprimierte, persönliche Meinungen zu Konzertabenden. Ausführliche Kritiken finden Sie zu allen erwähnten Künstlern - insgesamt 37 - jeweils bei Klick auf den Künstlernamen. Lesen Sie einfach alles, dann wissen Sie, wen Sie unbedingt noch sehen sollten und wen lieber nicht. +++ 

Als Hauptstadt bekommt Berlin in großer Regelmäßigkeit ganz große Künstler wie U2, Depeche ModeSantana, Kylie Minogue (mehrmals) und Britney Spears auf die Bühne gestellt. Aber auch die noch kleinen, immer bekannter werdenden Geheimtipps wie Her und Netta tanzen hier. Dieses Jahr schienen vor allem die zwischen 1965 und 1990 Geborenen wahlweise ihre Jugend oder Kindheit nocheinmal zelebrieren zu können. Etliche Acts einer musikalisch interessanten Zeit wie Lenny Kravitz, Ash, Garbage, Guns 'N Roses oder Ben Harper haben die 90er- und Folgejahre zurückgeholt. 

Die 90er haben angerufen und schicken ihre Besten vorbei: Pearl Jam und Reef

Collage: Eddie Vedder von Pearl Jam und die Band Reef bei einem Live-Auftritt. (Quelle: dpa)
Bild: dpa

Es macht schon wahlweise Gänsehaut, Klößchen im Hals oder wässrige Augen, wenn Eddie Vedder, der Frontmann von Pearl Jam, einer der, so heißt es, besten Livebands der Welt völlig fasziniert am Rand der Waldbühne steht und minutenlang einem Großteil der 22.000 Menschen zuschaut, wie sie plötzlich ihre Vierer-Bier-Pappträger wie graue Flugzeuge durch die Luft schießen, während die Band weiterspielt; wohlgemerkt einen ihrer an diesem Abend 30 Songs. Ein Abend auf das reduziert, worauf es ankommt: Livemusik. Und wie Vedder ergänzen würde: politische Haltung in der Musik. Die zeigt die Band aus Seattle an mehreren Stellen, sie würden Trump gern gegen Merkel tauschen und bezeugen: "Ja, wir leben noch, lasst uns das Leben feiern und die Musik."

Weit weniger bekannt und erfolgreich, aber vor allem in den 90er-Jahren in den Herzen von musikverrückten Menschen ganz groß, sind Reef aus England. Nach knapp 20 Jahren kehren sie nach Berlin zurück, spielen ihre Songs mit gleicher Euphorie wie damals und pumpen die Gäste mit Endorphinen bis zur Schädeldecke voll, wenn Sänger Garry Stringer voller Inbrunst und Liebe keine Sekunde stillstehend, sich immer wieder ins Publikum stürzt, mit den Fans tanzt und dabei durchgängig breit grinst. Eine Offenbarung und für manchen im Saal das erste Mal mit der musikalischen Jugendliebe.

Auf (noch) kleiner Bühne, riesig groß: Seinabo Sey und Das Paradies

Collage: Seinabo Sey und Das Paradies (Quelle: dpa/ Reimers7 Citypress)

Vom ersten Moment als sie die Bühne im Musik und Frieden betritt ist klar: Diese Frau muss auf die ganz große Bühne! Die schwedische Sängerin Seinabo Sey kommt im Goldpaillettenkleid. Sie sei selbstbewusst, talentiert und eine potenzielle Nachfolgerin von R'n'B-Diven wie Beyoncé oder Rihanna, sagt Radioeins-Musikredakteur Simon Brauer. Beindruckend ist während des gesamten Konzerts die Stimme: hoch, tief, immer mit viel Kraft und Wärme. Selbst ein Nina Simone Cover wuppt sie glamourös.

Auf einer etwas größeren Bühne im Lido: "Ich sehe eine goldene Zukunft, und nicht viel mehr" singt Das Paradies aka Florian Sievers, zuvor bekannt mit der Indie-Pop-Band "Talking To Turtles". Mit seinem Paradies hat er das "Indie" gestrichen und singt jetzt Deutsch. Für Inforadio-Konzertkritiker Jakob Bauer ist das Interessante, der selbstauferlegte Optimismus: "Denn wenn Sievers von der 'Goldenen Zukunft' singt, dann ist das weniger die Naivität eines realitätsverweigernden Eskapisten, als vielmehr die letzte Hoffnung eines Realisten." Denn Das Paradies singt weiter: "Ich muss es mir nur weitersagen, und einbetonieren, alle Kontras von Hauswänden wischen, es abtippen und kopieren."

Überflieger mit vereinenden Kräften: Kendrick Lamar, Anderson.Paak und Nile Rodgers

Collage: Kendrick Lamar Anderson.Paak und Nile Rodgers (Quelle: Imago/ Hoogte/ Zuma/ GlobalImagens)

Kendrick Lamar ist der beste Rapper der Welt. Das behaupten Musikjournalisten - ebenso in der ganzen Welt. In der Mercedes Benz Arena inszeniert sich der 30-jährige Kalifornier als Rap-Messias, gehuldigt von seinen textsicheren, mitgröhlenden Jüngern allen Alters. Der Wortakrobat rappt als Alter Ego "Kung Fu Kenny" komplett in Weiß, umweht von einem fransigen, leichten Mantel. Seine Texte sind sozialkritisch, manchmal aber auch einfach nur sexy. Lamar definiert Hiphop neu: mal eher jazzlastig, mal mehr Funk oder mit Trap- und Popelementen.

Ähnlich smarten "Hot-Appeal" und einen catchy Mix aus R'n'B und HipHop hat Westküstenkollege Anderson.Paak, der in Personalunion als Frontmann und Schlagzeuger mit seiner Band "The Free Nationals" die Hände in der ausverkauften Columbiahalle im Takt hoch und runtersausen lässt. Im Trainingsoutfit, mit Zahnpastagrinsen und Cap hüpft er wie ein Duracellhase zwischen Bühnenrand und Drumkit - seinem Heiligtum, seinem Fortsatz der Extremitäten - hin und her. Auch hier: Das Publikum reicht von Szene-Hipster-Kids, Anfang 20, die ganz nah an der Bühne mitjumpen bis zu Fünfzigjährigen, die ebenso euphorisch mitwippen und von weit hinten versuchen, einen Blick durch die ganzen Handydisplays zu erhaschen.

Nile Rodgers legt zahlenmäßig einen drauf: Allein 40 Jahre prägt er das Musikgeschäft und liefert ganz ohne Starallüren einen Abend mit "Herz und Hüftschwung" im Tempodrom. Es habe etwas berührendes, wie hier die Generationen gemeinsam ausrasten, sagt Inforadio-Kritiker Jakob Bauer. Ein Anfang 60-Jähriger, und damit etwa gleichalt wie Rodgers, "kann nicht mehr aufhören zu lachen, wirft die Hände in die Luft und springt im Rhythmus von 'Le Freak' höher als manch 15-Jähriger im Turnunterricht." Und auch etliche 20-Jährige schwingen die Hüften, deren Jugend Rodgers durch seine Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Popgrößen wie Daft Punk, Pharrell Williams, Avicii oder Lady Gaga ebenso beeinflusst hat.

Die Phänomene der coolen Kids: Yung Hurn, RIN und Billie Eilish

Collage: Yung Hurn, Billie Eilish und der Rapper Rin (Quelle: Imago/ Media Punch/ Gottschalk/ Future Image)

Oberkörperfrei, stilmäßig bunt tätowiert, ein paar Haare auf der Brust und Cloud-rappend: Mit seiner per Auto Tune verfremdeten Stimme singt Yung Hurn wenig poetisch über Drogen, Sex und Liebe. Aber die Crowd, die weitestegehend um acht am nächsten Morgen wieder in der Schule sein muss, feiert ihn ab; das Handy dabei permanent in der Luft und live auf Instagram dabei. "Wenn man über 25 Jahre alt ist, ist das Phänomen Yung Hurn zwar schwer zu begreifen, aber Spaß macht sein Auftritt trotzdem", sagt Inforadio-Kulturkritikerin Magdalena Bienert. Wer auf Youtube Klicks zwischen zwei und zwölf Millionen schafft, muss einiges richtig machen. Sein Cloud-Kollege RIN schafft sogar den Ausverkauf der Columbiahalle, auch wenn nach 30 Minuten ein Stromausfall das Konzert frühzeitig beendet. Dennoch: "Super Abend."

"Sweet 16" passt auf Billie Eilish - zumindest altersmäßig. "Gott, ist dieses Mädchen cool - wie sie da wie ein überheblicher Rapper über die Bühne schreitet" beschreibt sie Inforadio-Kritikerin Susanne Bruha bei ihrem Konzert im ausverkauften Lido. Das Publikum, überwiegend Mädchen zwischen 14 und 20 Jahren, singt jede Zeile mit. Manchmal kommt - zum Glück - süß kichernd auch die 16-Jährige bei Eilish durch. Im nächsten Moment ist sie wieder cool, mit Haltung: Zur letzten Zugabe fordert sie die Fans auf, so zu springen, als würde Donald Trump unter ihnen liegen. Das lässt sich das Publikum nicht zweimal sagen, und nach 50 Minuten und kurzer Eskalation sind alle Songs gesungen.

Enttäuschende (Teil)Katastrophen: Guns N' Roses und Fall Out Boy

Collage: Guns 'N Roses und Fall Out Boy (Quelle: dpa/ Kriemann/ DBR)

"Not In This Lifetime" wollte Axl Rose je wieder mit Slash und Co. als Guns N' Roses wiedervereint irgendwo stehen. Seit 2016 sind sie nun doch wieder unterwegs und nach 20 Jahren Wartezeit spielen sie im erschreckend schwach verkauften Olympiastadion. Ab der ersten Sekunde hat Rose die für ihn typische Haltung: Schultern nach hinten, Kopf und das schnurlose Mikro nach vorn und dabei diesen "Könnt ihr mich alle hören"-Ausdruck im Gesicht. Eine Aura. Wie damals. Nur hört man Rose nicht richtig - zumindest in weiten Teilen des Stadions. Irgendetwas stimmt mit dem Sound nicht. Kleine Rettung: Gitarrengott Slash, der gefühlt alle zwei Lieder, und das hörbar, wie ein Irrer seine Finger an wahlweise einem oder zwei Gitarrenhälsen hoch und runter tänzeln lässt. Kurzum: ein "soundtechnisches Fiasko trotz durchschlagender Band", bei dem viele Besucher frühzeitig gehen. Fans fordern später sogar in einer Petition ihr Geld zurück.

Enttäuschend seien Fall Out Boy Anfang des Jahres beim Exklusivgig im Lido gewesen, sagt Jakob Bauer. Stundenlang warten die Hardcore-Fans der 2001 bekannt gewordenen Alternative-Rocker in Kälte und Wind. Die vier Fall Out Boys gehen auf die 40 zu, haben aber immer noch das Kreischpotential einer Boyband. Die Fans sind jung geblieben, eher unter 30. Es wirkt alles etwas angestrengt, die Ansagen verlieren sich in "Ähs" oder hören einfach auf. Auch die Zugabe wird gespielt, ohne dass die Band die Bühne verlässt; mit dem Hinweis dass jetzt die Zugaben kämen, damit nachher, wenn sie in ihren Hotelzimmern Twitter checken, nirgendwo steht, Fall Out Boy hätten keine gespielt! Als die Band nach nur 80 Minuten abrupt die Bühne verlässt, ist die Party zu Ende, bevor sie überhaupt Fahrt aufgenommen hat. 

Musiker, auf die Sie sich 2019 freuen können

Sendung: Abendschau, 29.12.2018, 19:30 Uhr

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Beitrag von Jule Kaden

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