Die US-amerikanische Indie-Rock-Band aus Philadelphia, The War on Drugs, gaben am 10.12.2018 ein Konzert in der Berliner Verti Music Hall (Quelle: imago/Thesing)
Audio: Inforadio | 06.12.2018 | Jakob Bauer | Bild: imago/Thesing

Konzertkritik | The War On Drugs in der Verti Music Hall - Diese Band muss man mögen wollen

Vor vier Jahren haben sie noch im kleinen Berliner Bi Nuu gespielt, 2017 war es schon das Tempodrom - Montagabend die noch größere Verti Music Hall. Und bei diesem Konzert haben The War On Drugs ihren Fans viel abverlangt – aber auch viel zurückgegeben. Von Jakob Bauer

Zeit und Geduld. Das brauchen Hörer von The War On Drugs, das hat die Band in der Pressemitteilung zu ihrer aktuellen Platte "A Deeper Understanding" selbst so formuliert. Es ist also eine Einstellungssache, diese Band schätzen und mögen zu können und zu wollen.  Denn Zeit und Geduld – das brauchen die Zuschauer in der fast ausverkauften Verti Music Hall auch am Montagabend.

Epigonen mit eigenem Dreh

Über zwei Stunden geht das Konzert, obwohl die Band nur 15 Titel spielt – aber unter zehn Minuten macht’s kaum einer der Songs. Dabei stecken eigentlich nicht genug kompositorische Ideen in den Titeln, die diese Länge rechtfertigen würden. Aber das ist es auch nicht, was The War On Drugs zu einer der zurzeit am meisten geschätzten Band von Fans und Kritikern macht.

Es ist die Liebe zum Detail, im Sound, in der Produktion, in der Instrumentation und nicht zuletzt die Liebe zu den Vorbildern. The War On Drugs spielen mit Americana- und Classic-Rock-Stilmitteln der 1970er und 1980er. Mal als bloße Epigonen, stilecht mit Mundharmonika und Saxofon, die unverkennbar und mit großem Talent Bruce Springsteen und Tom Petty zitieren. Mal als legitime Nachfolger, die der ganzen Geschichte ihren eigenen Dreh hinzufügen.

Abschweifungen epischen Ausmaßes

Und dieser Dreh heißt: Abschweifungen epischen Ausmaßes. Sänger und Gitarrist Adam Granduciel ist umringt von Effektgeräten und er setzt sie alle ein, in seinen minutenlangen Gitarrensoli, die über dem goldenen, warmen, vielschichtigen Soundbett kreisen, das seine Band unter ihm ausbreitet. Zwischen den Songs gibt’s ein paar nette Ansagen, aber meistens bleibt ein einzelner Klang stehen, der die Atmosphäre konserviert und schwebend zum nächsten Titel überleitet. Das führt zu vernebelten Halbrauschzuständen im Publikum – zumindest wiegen sich die Menschen hier eher selig bedröppelt hin und her, als dass sie wirklich tanzen würden.

Verstärkt wird dieser Zustand durch die atemberaubenden Lichtinstallationen. Zwei Halbkreise wölben sich über den Köpfen der Band, an ihnen sind kleine Dreiecke befestigt, durch die strahlende Lichter jagen. Lichtstarke Laser bilden einen tanzenden Käfig um die Band. In Momenten höchster Intensität erstarrt die Band im Flackerlicht wie ein dreidimensionales Gemälde. Ein riesiger Scheinwerfer wirft derweil einen 20 Meter hohen Schatten von Bandleader Adam Granduciel an eine graue Betonwand. Die Bewegungen seiner Finger über die Gitarre, die wirbelnden, langen Haare, überhaupt, die ganze körperliche Präsenz, aus weiterer Entfernung nur zu erahnen, werden in dieser überdimensionalen Schattenrepräsentation auf eine eigenwillige Art plastisch und nachvollziehbar.

Laute Meditationen

Ein Fest für alle Sinne. Allerdings, und damit wären wir auch wieder beim Anfang, nur, wenn man sich auf eine gewisse musikalische Gleichförmigkeit einstellen kann und will. Einzelne herausragende Höhepunkte gibt es zwar, zum Beispiel das sich immer weiter aufbäumende "Under The Pressure" gegen Ende des Konzerts. Aber häufig genug sind es auch einfach minutenlange, laute Meditationen auf wenigen Akkorden mit kaum Dynamik, dafür umso mehr Spielereien im Sound. Es ist der Zusammenklang als Band, in dem alte Americana-Helden weiterleben, den The War On Drugs perfektioniert haben und den sie hier auch in beeindruckender Präsenz und mit Leidenschaft widergeben. Und wer diesen Klang in sein Herz lässt, der hat hier einen fantastischen Abend. Die besseren Songs hat trotzdem Springsteen geschrieben.

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