Archivbild: Ex-Puhdys-Sänger Dieter "Maschine" Birr und die 10-jährige Violinistin Gina-Sophie Gaebelein stellen bei einem Presstermin Birrs neues Album "Alle Winter wieder" vor. (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Audio: Inforadio | 10.12.2018 | Hendrik Schröder | Bild: dpa/Jens Kalaene

Dieter "Maschine" Birr im Berliner Tempodrom - Lieder aus dem Deutschrock-Baukasten

Dieter "Maschine" Birr ist seit der Auflösung der Puhdys solo unterwegs, aktuell mit seinem Weihnachtsalbum "Alle Winter wieder". Im Berliner Tempodrom überzeugte er Hendrik Schröder weniger mit den neuen Songs als vielmehr mit seiner Persönlichkeit.

Am Anfang sieht alles nach einem katastrophal langweiligen Konzert aus. Der Platz vor der Bühne ist natürlich bestuhlt, das Berliner Tempodrom nur halbvoll und zehn Minuten vor der Show von Dieter "Maschine" Birr herrscht Begräbnisstimmung. Ganz still ist es, nur leises Tuscheln ist zu hören, von Vorfreude keine Spur. Dann kommt Maschines Tourmanager auf die Bühne und macht eine Ansage zum fremdschämen. Lang und breit erklärt er, wo sich der Stand für Fanartikel befindet und was man da alles kaufen könne. Peinlich.

Braucht Maschine Geld oder warum macht der Tourmanager das? Vor ein paar Wochen erst wurde bekannt, dass die Ex-Puhdys sich seit einer Weile um die Rechte an ihren Hits streiten, Maschine beansprucht die meisten der bekannten Lieder für sich alleine, die anderen sehen das anders. Die Musiker äußern sich nicht mehr öffentlich dazu, aber bald geht es wohl vor Gericht. Dann gehen im Tempodrom aber zum Glück alle Spots an und Maschine legt samt Band los.

Unpersönliche Powerballaden

Auf dem Programm stehen hauptsächlich Songs von Maschines neuem Weihnachts- bzw Winteralbum "Alle Winter wieder". Die Lieder klingen wie schnell zusammengeschustert aus dem Deutschrock-Baukasten, Abteilung Powerballade, die man schon vergessen hat, bevor sie überhaupt zu Ende ist. Es geht um "Hallelujah" und "Weihnachtsstimmung" und "Silvesterspannung". Schwer zu sagen, ob Maschine die Texte so meint, aber man hat nicht das Gefühl, dass sie irgendwas mit ihm persönlich zu tun haben.

Doch die Stimmung steigt, der Saal klatscht im Takt, obwohl die Gitarren so laut sind, dass man das Klatschen gar nicht hört. Maschines Band, in der unter anderem der Silly-Gitarrist Uwe Hassbecker in weißem Sakko und mit wehendem Haar spielt, ist unglaublich gut. Der Schlagzeuger allerdings scheint derart unterfordert mit den simplen Songs, dass er ständig komplizierte und unnötige Breaks und Fills einbaut, die die Songs eher ausbremsen, aber natürlich die beeindruckenden Fähigkeiten des Drummers zeigen.

Lässig, lustig, naturcool

Und Maschine, tja, der ist einfach ein naturcooler Hund. In Lederjacke, mit Sonnenbrille, dem obligaten Vokuhila. 74 Jahre alt, verpeilt manchmal die Tonarten, nimmt sich selbst aufs Korn, macht Witze von 1978, bringt die aber so trocken, dass es echt lustig ist. Ständig nimmt er seine Mitmusiker und Bühnengäste in den Arm, dass die sich manchmal kaum wehren können. Das wirkt aber nicht übergriffig, sondern wirklich von Herzen und verbunden, schöne Gesten sind das. Und obwohl man sich tatsächlich nicht vorstellen kann, dass die Lieder der neuen Winterplatte wirklich irgendjemanden im Tempodrom tief berühren, ist der Applaus donnernd und die Stimmung den Umständen entsprechend geradezu euphorisch.

Super sind auch die Gäste: Die erst 10-jährige Geigerin Gina Sophie Gaebelein kommt auf die Bühne, Maschine erklärt zwar nicht, warum oder woher sie sich kennen, aber das Mädchen geigt wie aus einer anderen Welt. Dann kommt Kerstin Ott, die mit "Die immer lacht" zum Popstar wurde - und das, obwohl sie rein optisch der totale Gegenentwurf zum Popstar-Püppchen ist in ihrer Bomberjacke mit der burschikosen Frisur. Eine tolle Person, die jetzt mit Maschine ein kitschiges Seemanslied singt.

"Alles nur geklaut"

Auch Tobias Künzel von den Prinzen ist dabei. Und als später am Abend Künzel und Maschine gemeinsam "Alles nur geklaut" von den Prinzen singen und Maschine den Text vom Teleprompter abliest, immer wieder seine Einsätze verpasst und beide Sänger und das Publikum trotzdem so derart viel Spaß an der Nummer haben, da ist die Welt eigentlich ziemlich in Ordnung. Und natürlich geschieht auch, was alle heimlich erwartet haben. Natürlich spielen Maschine und Band auch ein paar Puhdys-Klassiker: "Geh zu ihr" und so.

Und was passiert? Die Leute springen von ihren Sitzen, tanzen und klatschen sich die Hände wund. Am Ende wollen eben immer alle die alten Hits hören, so bitter das ist. Aber Maschine spielt das schmerzlos runter und gibt den Leuten, was sie möchten. Das ist anständig, kein Gehabe von wegen heute nur die Weihnachtslieder. Ich persönlich finde ja, Maschine sollte die ollen Weihnachtslieder und den schwerfälligen Deutschrock eh weglassen und auf seine alten Tage noch mal Coverversionen von den Ramones, Rammstein oder Feine Sahne Fischfilet singen, so ähnlich wie Heino das gemacht hatte oder der späte Johnny Cash. Dann könnte Dieter Maschine Birr mit seiner knorrigen Stimme und seiner zeitlosen Lässigkeit wirklich zum Kult-Opa-Rocker werden.  

Beitrag von Hendrik Schröder, Inforadio

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

8 Kommentare

  1. 8.

    Ich war gestern zum Konzert "Alle Winter wieder" und war sehr begeistert. Es war ein toller Abend. Ich ziehe meinen Hut vor Maschine und bewundere seine Songs immer wieder. Sie fesseln mich. Kaum eine Band von heute schaffen es soweit. Respekt Maschine.

  2. 6.

    Einige können einfach nicht aufhören.

  3. 5.

    Hallo Herr Schröder,
    Maschiene spricht sein Publikum an und Sie gehören nun mal einfach nicht dazu. Es wären anständig, wenn Sie sich nicht ein Dinge anderer Menschen ungebeten einmischen würden. Meine Familie und ich hatten einen tollen Abend. Vielen Dank an Maschiene das er mit 74 Jahren noch so gut drauf ist. Wie sieht eigentlich Ihr Lebenswerk aus, Herr Schröder?

  4. 4.

    Keine Ahnung welches Konzert der Herr Schröder vom Inforadio besucht haben will, offensichtlich nicht jenes, auf dem wir gewesen sind! Weder war das Tempodrom halbleer noch herrschte vor dem Konzert Begräbnisstimmung! Ein wunderbarer Abend mit Stimmung vom ersten bis zum letzten Ton! Und dank der Ansage des Manager wussten alle, nach dem Konzert geben Maschine und Kerstin noch Autogramme. Auch ich schließe mich vollumfänglich meinen drei Vorrednern an.

  5. 3.

    Schließe mich meinen Vorrednern an und fand das Konzert zauberschön. Ihre Bewertungen, Herr Schröder, allerdings zum Fremdschämen.

  6. 2.

    Einerseits korrekt die Begeisterung des Publikums beschreiben und gleichzeitig das, was diese Begeisterung auslöst, pauschal in die Tonne treten: Wie selbstherrlich muss man eigentlich sein, um den Menschen, für die man arbeitet und die einem dafür ein gutes Leben finanzieren, mit solch kaltschnäuziger Verachtung zu begegnen? Und dann noch gönnerhaft dem Künstler, den man offensichtlich so gering schätzt, für seinen "Anstand" auf die Schulter klopfen, dass er den Leuten halt gibt, was sie wollen - wie schäbig, scheinheilig und arrogant! War denn im ganzen RBB niemand verfügbar, der sich wenigstens ein bisschen für diese Art von Musik interessiert? Dann hätte man es besser gleich ganz gelassen. Für's nächste Mal habt Ihr ja jetzt meine Email-Adresse...

  7. 1.

    Also ich fand`s (und viele andere auch) einfach fantastisch!
    Besser kann man immer was machen und meckern auch. Ich fand den Abend rund um schön und war einfach begeistert PUNKT

Das könnte Sie auch interessieren