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Konzertkritik | The Can Project in der Volksbühne - Endloser Beifall für von Hand produzierte Stücke

Zu ihrer Hochzeit war die Krautrockband Can mindestens so innovativ und einflussreich wie Kraftwerk. So berühmt war sie jedoch nie. Am Sonntagabend wurde die Gründung der Band vor 50 Jahren mit einem Tribute-Konzert gefeiert. Von Hendrik Schröder

Das Programm versprach Ungewöhnliches: Den ersten Teil des Abends bestritt das letzte noch lebende Gründungsmitglied von The Can Project, Irmin Schmidt. Gemeinsam mit dem Filmorchester Babelsberg spielte er Filmmusiken, die er mit seiner Band komponiert hatte. Im zweiten Teil sollte die Band Automat zusammen mit Berliner Sängerinnen eine Can Cover Show bieten.

In den Siebzigern war Can eine der innovativsten Avantgarde Bands überhaupt. Die Mitglieder haben alles infrage gestellt. Sie wollten nicht wie die damaligen Rockbands klingen und auch aus einer politischen Haltung heraus nichts mehr zu tun haben mit irgendwelchen Strukturen, die an die Nazizeit erinnern könnten. Sie wollten etwas Neues, alles anders machen.

Can war damals von der Neuen Musik und von Karlheinz Stockhausen inspiriert, nicht vom kommerziellen Beat, wie die anderen Bands ihrer Zeit. Heute, 50 Jahre nach der Gründung, klingt das natürlich oft nach Opas Plattenkiste. Damals war das jedoch revolutionär.

Agiler Taktgeber mit über 80

Zurück in die an diesem Abend fast ausverkaufte Volksbühne. Auf der Bühne nimmt das 50-köpfige Filmorchester Babelsberg Platz. Auf den Plätzen lümmelt aber alles andere als Klassik-Publikum. Gefühlt befinden sich im Zuschauerraum nur Leute aus dem "Ich-bin-cool-und-Indie"-Kulturbetrieb: 70 Prozent davon sind Männer über 50, keiner hat eine normale Brille auf, die Gestelle reichen von riesig bis durchsichtig, Hauptsache auffällig. Leute also, die alles und jeden kennen. Schauspieler Ben Becker kommt fünf Minuten zu spät und nimmt aufgeregt in der ersten Reihe Platz.

Dann kommt Irmin Schmidt. Ein kleiner Mann im zu großen Anzug, fast 82 Jahre alt. In Radiointerviews klingt Schmidt steinalt. Aber kaum schwingt er den Taktstock, wirkt er sehr agil, sehr vehement. Die Kompositionen sind von ihm und obwohl mit klassischen Instrumenten gespielt, hört man den Stil von Can immer wieder raus. Atonale, knirschende Passagen, zackiges Stakkato, Soundeffekte wie Hall und Fade out ohne Geräte, nur von Hand produziert. Irmin Schmidt ist studierter Dirigent und Komponist und hatte schon vor und mit Can, ähnliche Musiken für Filme produziert. Der Beifall am Ende der knapp 90 Minuten scheint endlos, der gestandene Musiker ist sichtbar gerührt.

Coverversionen, denen etwas fehlt

Nach 30 Minuten Pause beginnt der zweite Teil des Abends. Die Experimental Band Automat von Jochen Arbeit von den Einstürzenden Neubauten covert Can Songs. Gemeinsam mit verschiedenen Sängerinnen und einem Sänger, die abwechselnd auf die Bühne kommen. Die kanadische Wahl-Berliner Künstlerin Peaches erscheint in einer Art Jedi-Ritter-Umhang und mit silbernen Plateau Schuhen. Der Reggae Sänger Tikiman mit Sonnebrille und geschmeidigem Tanz. Die Musikerin Bettina Köster mit ganz rauchiger, tiefer Stimme. Und schließlich die wunderbare Sängerin Gemma Rey im Indianderinnenkleid. Plötzlich ist was los. Promi-Gast Ben Becker hält es gar nicht mehr auf dem Sitz. Can als Frauenband-Interpretation, so etwas gab es noch nie.

Und trotzdem fehlt etwas im zweiten Teil des Abends. Die Lieder klingen einfach zu sehr nach Coverversionen. Natürlich sitzt da Jochen Arbeit hinter komischen Geräten mit Tausend Knöpfen und ein abgedrehter Sound liegt in der Luft. Natürlich geben die Sängerinnen den Songs ihre ganz eigene Note. Aber es fehlt ein Weiterdreh. Was sagen uns diese Songs heute? Haben sie noch Gültigkeit? Sind sie zeitlos? Diese Fragen bleiben unbeantwortet, eine Einordnung fehlt.

Aber was soll's. Vielleicht geht es am Ende auch darum, diese legendären Stücke einfach am Leben zu halten. Das ist gelungen.

Sendung: Radioeins, 17.12.2018, 7.35 Uhr

Einen Mitschnitt des Konzerts sendet Radioeins voraussichtlich im Januar. Das Babylon Kino in Berlin-Mitte zeigt vom 17. bis 19. Dezember Filme, für deren Filmmusik The Can Project verantwortlich war.

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    und warum wurde Damo Suzuki nicht eingeladen?

  2. 3.

    Ein gelungener Abend, vor allem was das Orchester & ihren Dirigenten betrifft!

    Die Coverversionen war eher durchwachsen, bzw nicht durchwachsen genug um an die alten can heranzukommen,
    die ich einmal live erleben durfte. Mich nervte vor allem dieses nach tumber krautrocksession gestimmte drum, speziell die snare war zu untonal/matschig, etwas was man bei liebezeit nicht kannte, zumal dieser keine bsdrum mehr nutze und diese über eine tom, federnd getupft, spielte. Von Automat hätte ich schon mehr Einfühlungsvermögen erwartet. Von den Gastmusis hat mich Gamma Ray am ehesten überzeugt. Zeitweise hatte das jefühl die waren froh dass sie diese
    Cover bewältigt haben, statt sich Zeit zu nehmen um in die Session zu schwingen..

  3. 1.

    Sie meinen vermutlich "Tikiman mit Sonnenbrille" anstatt "Tickyman mit Sonnebrille".

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