Auf einem Fensterbrett stehen mehrere Zimmerpflanzen und eine Katze guckt aus dem Fenster (Quelle: imago/Westend61)
Audio: Radioeins | 08.12.2018 | Interview mit Patricia Rahemipour | Bild: imago/Westend61

Interview | Ausstellung "Phänomen Zimmerpflanze" - Vom Wohnzimmer bis ins Büro - das längste Fensterbrett Berlins

Manche finden sie spießig, für andere ist ein Wohnraum ohne sie ein totes Zimmer. Das Botanische Museum Berlin widmet der Zimmerpflanze nun eine große Ausstellung. Kuratorin Patricia Rahemipour gibt einen Einblick in das jahrhundertealte Phänomen.

rbb: FrauRahemipour, was ist so faszinierend an Zimmerpflanzen, dass man ihnen eine ganze Ausstellung widmet?

Patricia Rahemipour: Zimmerpflanzen sind eine besondere Art von Pflanzen. Sie sind der Natur entrissen worden, wo sie normalerweise heimisch sind. Sie sind nicht mehr in Südamerika oder in anderen tropischen Gegenden, sondern haben Einzug in unsere Zimmer gehalten. Wir haben uns die Natur in die Räume geholt und das fanden wir von Anfang an sehr interessant.

Vor allem Büropflanzen sind auch ein ganz spezielles Thema. Das war etwas, was wir auch über die Jahrhunderte betrachten wollten. Wir wollten wissen, was das für ein Phänomen ist, was die Beziehung zwischen Menschen und Pflanzen ist. Es gibt viele Menschen, die Pflanzen bis ins hohe Alter pflegen und hegen. Da ist also scheinbar etwas, was die Leute daran fasziniert, und dieses Faszinosum wollten wir in der Ausstellung darstellen.

Ich habe gelesen, dass sich die Welt der Zimmerpflanzen im Laufe der Jahrhunderte radikal geändert hat. Seit wann haben wir diese Pflanzen eigentlich, und kann man da Epochen festmachen?

Die Forschungen sind leider noch nicht so weit gediehen, dass wir wirklich sagen können: In dieser Epoche war die Zimmerpflanze im Haus, in der nächsten Epoche kam die nächste Pflanze dazu. Wir können die großen Linien sehen. Seit ungefähr 200 Jahren sind sie in Zimmern zu finden. Das hängt auch mit der Entwicklung des Wohnens zusammen. Die Fenster waren im Mittelalter viel zu klein, um dort größere Pflanzen zu hegen und zu pflegen. Die Pflanzen haben sich hier einfach nicht etablieren können, weil man nicht wusste, wie man Pflanzen vermehrt und sie aus den tropischen Gebieten nach Europa holt.

Das wurde erst mit den richtigen Pflanzen-Transportern hierher etabliert. Mit Beginn der Biedermeierzeit haben wir zum ersten Mal wirklich Zierpflanzen im Zimmer, die blühen und schön aussehen. Die Pflanzen standen am Fenster, und das bewegt sich bis in die 1870er-Jahre in eine bestimmte Richtung. In den 1920er-Jahren gab es einen Rückgang der Zimmerpflanzen. Das hängt damit zusammen, dass die Avantgarde einen räumlichen Minimalismus vorgelebt hat. In den 1960er Jahren waren sie wieder üppig. In den 70er-Jahren gab es sogar regelrechte Blumenfenster, die in Wohnungen eingebaut wurde, damit die ganze Dschungelnatur blühen und leben konnte.

Zimmerpflanze mit Funkturm; © Gudrun Reuschel
Bild: Gudrun Reuschel

Ich kenne Leute, die haben - überspitzt formuliert - einen halben Birkenwald über dem Bett hängen und das sieht wunderbar aus.

Das kann ich mir gut vorstellen. Aber das Thema Schlafzimmer und Pflanzen ist generell nochmal ein Thema für sich. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es einen Aufruf, dass Pflanzen die Atemluft im Schlafzimmer klauen und man deswegen vorsichtig sein müsste. Inzwischen gibt es Forschungen dazu: In der Nacht betreiben Pflanzen keine Photosynthese und geben entsprechend keinen Sauerstoff ab. Im Zweifel ist der Mensch, der neben einen liegt, derjenige, der den Sauerstoff klaut.

Zimmerppflanze © Christine Wolff
Bild: Christine Wolff

Zimmerpflanzen sind offenbar eine Art Wissenschaft für sich, und es lohnt, sie näher zu betrachten. Genau das haben Sie für Ihre Ausstellung gemacht. Wie  haben Sie das alles aufgearbeitet und dargestellt?

Die Ausstellung ist wirklich eine Publikation und Forschungsleistung. Wir haben gemerkt, es gibt sehr wenig zu Zimmerpflanzen, vor allen Dingen zur Kulturgeschichte. Außerdem muss sie gemeinsam mit der Kulturgeschichte des Wohnens betrachtet werden. Deswegen können wir in der Ausstellung vor allen Dingen Infusionen setzen.

Die Ausstellung ist das längste Fensterbrett Berlins. Besucher können durch unterschiedliche Zimmer laufen. Wir fangen mit dem Wohnzimmer an, dann folgen das Badezimmer, die Küche und natürlich auch das Büro und das Gewächshaus. Dort zeigen wir die unterschiedlichen Moden, aber wir zeigen vor allen Dingen auch, wie die Zimmerpflanzen zu uns passen. Denn jede Zimmerpflanze passt zu dem Menschen, der sie gekauft hat.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch mit Patricia Rahemipour führte Hendrik Schröder für Radioeins. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Beitrag im Player hören.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren