Collage zum Kulturjahr 2018 rbb|24 (Quelle: Imago/Zeitz/ Gudath/ Owsnitzki/ epd/ Müller)
Video: Abendschau | 29.12.2018 | Petra Gute | Bild: Imago/Zeitz/ Gudath/ Owsnitzki/ epd/ Müller

Rückblick 2018 | Berliner Kulturjahr - Avenidas, Intendanten und ein gescheitertes Riesen-Event

Berlin streitet um ein Jahrzehnte altes Gedicht, die Ära Dercon an der Volksbühne geht zu Ende - und das gigantische Projekt "DAU" scheitert an den Behörden. Doch es war nicht alles schlecht. Ein Rückblick auf das Kulturjahr 2018. Von Fabian Wallmeier

Ist ein Gedicht sexistisch, weil Frauen darin für ihre Schönheit angehimmelt werden? Und darf eine Hochschule es von seiner Fassade entfernen, weil die Studierendenschaft das so will? Um diese Fragen ging es im ersten kleinen Berliner Kulturskandal des Jahres: Die Alice-Salomon-Hochschule in Hellersdorf beschloss im Januar, das Gedicht "Avenidas" von Eugen Gomringer übermalen zu lassen, nachdem sich das Studierendenparlament und der AStA dafür ausgesprochen hatten.

Die Fassade der Alice Salomon Hochschule, noch mit dem Gedicht versehen (Quelle: rbb/ Pedersen)
avenidas, avenidas y flores ... | Bild: dpa/ Pedersen

Alleen und Blumen und Frauen

"Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer" – so lautet das gesamte Gedicht aus dem Jahr 1951 in deutscher Übersetzung, ein aus heutiger Sicht offenkundig arg altherrenhafter Text.

"Avenidas" würdige Frauen zu Objekten männlicher Bewunderung herab und erinnere "unangenehm an sexuelle Belästigung", argumentierten die Studierenden. Wohlgemerkt forderten sie nicht etwa ein Verbot des Gedichts, vielmehr wollten sie die Zeilen schlicht nicht jeden Tag als Statement an der Fassade ihrer Hochschule lesen müssen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), die übrigens ihren Wahlkreis in Marzahn-Hellersdorf hat, nannte die Entfernung dennoch einen "erschreckenden Akt der Kulturbarbarei". Unterstützung bekam sie von der Akademie der Künste und von Kultursenator Klaus Lederer (Linke). Das Gedicht verschwand trotzdem von der Fassade. Die hitzig geführte Debatte blieb noch ein bisschen.

Teilnehmer nehmen an einer Kundgebung zu der Zukunft der Berliner Volksbühne vor dem Theater teil. (Quelle:Carsten Koall/dpa)Volksbühne Berlin

Dercon geht, Dörr übernimmt

In der Berliner Theaterszene dominierte wieder einmal die Volksbühne die Schlagzeilen – allerdings wohl zum vorerst letzten Mal. Im April gab der umstrittene Intendant Chris Dercon nach wenigen Monaten seinen Rücktritt bekannt. Ganz freiwillig ging er nicht, Kultursenator Klaus Lederer (Linke) sprach von einem unvermeidlichen Schritt.

Das indes belegten auch Recherchen von rbb, NDR und "Süddeutscher Zeitung", die das ganze Ausmaß der kulturpolitischen Misere anschaulich machten, die schon mit der Ernennung Dercons begonnen hatte. An der Volksbühne wurden derweil die Weichen neu gestellt: Klaus Dörr, der im Sommer ohnehin als Geschäftsführer ins Haus kommen sollte, übernahm kurzfristig die Interims-Intendanz. Seither versucht er sich an einem Konsolidierungskurs, um die zuletzt kläglichen Auslastungszahlen zu verbessern. Neben den noch mit Dercon verabredeten Inszenierungen füllt Dörr das Programm mit wenigen Neuproduktionen wie Leander Haußmanns "Staatssicherheitstheater" sowie mit Konzerten, Gastspielen und Übernahmen. Dabei profitiert er auch davon, dass anderswo gerade die Intendanten gewechselt haben, und dort einiges Repertoire heimatlos geworden ist. Richtig proppenvoll ist der Übergangs-Spielplan damit noch nicht. Doch es wird langsam: Im Januar sind etwa im Großen Haus an immerhin 17 von 31 Tagen Veranstaltungen buchbar - zu Dercons Zeiten sah es teilweise erheblich düsterer aus.

Berliner Ensemble | Parallelwelt © Birgit Hupfeld"Die Parallelwelt" am Berliner Ensemble

Theaterwagnis des Jahres: "Die Parallelwelt" in Dortmund und Berlin

Dass ein Intendanzwechsel auch ohne große Skandale laufen kann, zeigte sich weiterhin am Berliner Ensemble. Dort hatte gleichzeitig mit Dercon an der Volksbühne im Sommer 2017 Oliver Reese das Ruder übernommen hatte.

Die Neuauflage des BE hat sich gut auf dem hauptstädtischen Theatermarkt etabliert. Reese bietet eine kluge Mischung: Gefälliges Massentaugliches steht neben dem Mut zum Ausprobieren. Er hat Michael Thalheimers düstere Klassiker-Adaptionen im Programm, setzt in seinen eigenen Inszenierungen auf gefälliges Schauspieler-Theater, gibt Frank Castorf eine neue Berliner Heimat und holte den Jung-Star Simon Stone erstmals an ein Berliner Haus.

Vor der Sommerpause überließ er Thomas Bo Nilsson und Julian Wolf Eicke das Kleine Haus für eine begehbare Mitmach-Theater-Installation – und zum Auftakt der neuen Spielzeit öffnete er das große Haus für das Theater-Wagnis des Jahres: Für "Die Parallelwelt" ließ der Dortmunder Intendant Kay Voges sein Haus per Glasfaserkabel mit dem BE verbinden. Das Ergebnis war ein klug verschachtelter, allenfalls etwas kitschiger Theaterabend, der interaktiv und parallel an zwei Orten  stattfindet – eine Weltneuheit.

Berlin: Ein Wegweiser mit der Aufschrift "Dau" führt in den Schinkel Pavillon; © dpa/ Jörg Carstensen

"DAU" scheitert an Berliner Behörden

Ein Kunstspektakel von noch viel größerem Ausmaß ging dagegen zugrunde, bevor es überhaupt richtig entstanden war: das Projekt "DAU". Ein Team um den Filmemacher Ilya Khrzhanovsky wollte im Herbst ein Straßenkarree in Mitte vier Wochen lang mit einer Betonmauer abriegeln lassen. Dahinter sollte ein diktatorisches System erfahrbar gemacht werden, das Publikum sollte sogenannte Visa kaufen, um das Gelände zu betreten. Geplant war eine gigantische installative Mischung aus unterschiedlichen Kunstformen, mit einem alle Grenzen sprengenden Film im Mittelpunkt: Khrzhanovsky hatte mit einer Vielzahl internationaler Künstler drei Jahre lang daran gearbeitet, 700 Stunden Filmmaterial waren entstanden, die auf 13 Spielfilme und einige Serien zusammengeschnitten worden waren. Weltpremiere sollten sie alle in Berlin feiern.

Doch "DAU" scheiterte letztlich an den Berliner Behörden: Sie erteilten dem Projekt keine Genehmigung und begründeten das unter anderem mit nicht eingehaltenen Fristen und einem fehlenden Konzept für Fluchtwege. Zuvor hatte es bereits heftige Kritik gegeben: Den Machern wurde unter anderem vorgeworfen, mit dem Bau einer Mauer in Berlin die Unterdrückung durch das DDR-Regime zu banalisieren. Die Berliner Festspiele, die "DAU" in Berlin veranstalten wollten, kündigten dennoch an, das Projekt 2019 nachzuholen. Doch erst einmal sollen nun in neuen Jahr die anderen beiden "DAU"-Stationen absolviert werden, die eigentlich auf Berlin folgen sollten: Paris und London.

Die Rapper Kollegah und Farid Bang bei der Echo-Verleihung 2018 (Quelle: imago/Simon)

"Echo" wird eingestellt

Ein anderes Spektakel dagegen wird im kommenden Jahr ganz sicher nicht nach Berlin zurückkehren – und auch sonst nirgendwohin: Ende April gab der Bundesverband Musikindustrie bekannt, dass es den Musikpreis "Echo" in seiner bisherigen Form nicht mehr geben werde. Wochenlang hatte es heftige Auseinandersetzungen um den Preis gegeben. Die Rapper Kollegah und Farid Bang hatten eine der Auszeichnungen erhalten – trotz vorheriger Proteste gegen die antisemitischen und sexistischen Inhalte ihrer Texte. Bei der kläglichen Verleihung Mitte April blieb der Eklat zwar aus, einzig Campino brachte lautstark sein Missfallen zum Ausdruck. Doch nach der Verleihung gaben Künstler reihenweise ihre "Echos" zurück. Schließlich sah sich auch der Bundesverband Musikindustrie dem Druck nicht gewachsen und legte den Preis auf Eis – eine richtige Entscheidung, auch wenn sie viel zu spät und kleinlaut daherkam.

Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, neue Doppelspitze der Berlinale (Quelle: imago/Christian Ditsch)

Berlinale bekommt neue Doppelspitze

Doch es gab auch positive Meldungen im Berliner Kulturjahr – zum Beispiel für die Berlinale: Im Sommer wurde die neue Leitung der Berlinale präsentiert. Auf Dieter Kosslick folgt eine Doppelspitze: Künstlerischer Leiter wird Carlo Chatrian, der sich als Leiter des Filmfestivals von Locarno einen Namen als exzellenter Kenner eines aufregenden, anspruchsvollen Weltkinos gemacht hat. An seiner Seite steht künftig Mariette Rissenbeek als Geschäftsführerin. Letztere Entscheidung hat mindestens ein kleines Geschmäckle, wenn man sich die dreiköpige Findungskommission für die neue Spitze des Festivals ansieht. Die bestand nämlich aus Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), dem ehemaligen Berliner Staatskanzleichef Björn Böhning (SPD) - und Mariette Rissenbeek. Vielleicht ein Skandalthema auf Wiedervorlage für das Berliner Kulturjahr 2019? Dann nämlich, nach Kosslicks letzter Berlinale im Februar, übernimmt das neue Duo offiziell.

Sendung: Abendschau, 29.12.2018, 19:30 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeyer

Kommentar

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1 Kommentar

  1. 1.

    Da muss ich doch glatt noch mal die "Mujeres" hervorheben und bewundern.

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