Edgar Selge spielt in der Volksbühne die Hauptrolle in Michelle Houllebecqs "Unterwerfung" (Bild: Klaus Lefebvre)
Klaus Lefebvre
Audio: Inforadio | 19.12.2018 | Nadine Kreuzahler | Bild: Klaus Lefebvre

Theaterkritik | "Unterwerfung" in der Berliner Volksbühne - Das Kreuz mit dem weißen, alten Macho-Mann

Die Volksbühne bringt die Skandal-Geschichte "Unterwerfung" von Michel Houellebecq auf die Bühne - und kommt mit nur einem einzigen Schauspieler aus: Edgar Selge. Die Berliner Premiere am Dienstag fing allerdings mit einem Schrecken an. Von Nadine Kreuzahler

Klaus Dörr, Interimsindentant der Volksbühne, greift vor Beginn der Vorstellung zum Mikrofon und erklärt entschuldigend, dass Schauspieler Edgar Selge leider seit Wochen eine schlimme Bronchitis habe. Er sei zwar auf dem Weg der Genesung, aber noch angeschlagen. Man könne ihm von hier aus nur gute Besserung wünschen. Sorge macht sich breit im Publikum: wird Edgar Selge die folgenden zweieinhalb Stunden durchhalten?

Immerhin hat er riesige Textflächen zu bewältigen und auch körperlich Einiges zu leisten. Immer, wenn der 70-Jährige nun unter Kraftanstrengung das Bühnenbild erklettert, hält so mancher deshalb kurz mal die Luft an. Aber der Schauspieler nimmt's mit Humor, trinkt viel Wasser und holt sich für Requisitenschlepperei kurzerhand Hilfe aus dem Publikum. Seinem Spiel kann das alles nichts anhaben. Er liefert eine beeindruckende Ein-Mann-Show ab.

Das Kreuz - nur noch eine Leerstelle

Seine Spielwiese dafür ist die Bühne von Olaf Altmann, die aus einer schwarzen Wand mit einer runden Scheibe in der Mitte besteht. In dieser Scheibe klafft ein Loch in Form eines Kreuzes. Hier in diesem Loch sitzt, liegt, kriecht, steht und hockt Edgar Selge.

Immer muss er seine Bewegungen und Positionen anpassen und ausbalancieren, weil sich das Kreuz fast die ganze Zeit langsam dreht oder hin- und her schaukelt. Volle Einkaufstüten purzeln darin durcheinander, werden zu Chaos und Müll. Genial ist dieses Bühnenbild - obwohl die Symbolik nicht gerade unaufdringlich daherkommt: das Kreuz - es ist nur noch eine Leerstelle.  Das Abendland löst sich auf.

Von der Demokratie zur islamischen Diktatur

Das Bürgertum guckt untätig und passt sich willig an die neuen Regeln an, die seit der Wahl im Land herrschen. Und die sind radikal. Nachdem die bürgerlichen Parteien den muslimischen Kandidaten Mohammed Ben Abbes, einen Mann mit Ausstrahlung, zum neuen französischen Präsidenten gemacht haben - vor allem, um eine rechtsnationale Regierung unter Marine Le Pen zu verhindern - wird aus dem Land ein islamischer Staat.

Frauen dürfen nicht mehr arbeiten und müssen sich verschleiern. Christen müssen konvertieren, um ihren Job zu behalten, die Trennung von Staat und Kirche wird aufgehoben.

Die Krise der westlichen Welt verkörpert im weißen Macho

Edgar Selge spielt Francois, einen abgehalfterten Literaturprofessor Mitte 50 und Macho durch und durch, der mit seinen Studentinnen schläft und das Patriarchat begrüßt. Ein abstoßender, aber gleichzeitig völlig jämmerlicher Typ. Dieser Francois ist einsam, asozial, hypochondrisch, voller Selbstmitleid, meistens alkoholisiert und: zynisch. Ein typischer Houellebecq-Charakter also. Er verkörpert die Krise des mittelalten weißen Mannes der westlichen Welt. Die Aufführung stellt diese Krise in den Mittelpunkt. Zum Glück. Denn Houellebecqs Roman ist nicht umsonst umstritten. Die Angst davor, dass der Westen von Islamisten überrannt wird? Dass Fremde die Macht übernehmen und das Abendland untergeht? Ein Szenario, dass auch Rechte nur zu gerne entwerfen und verbreiten.

"Unterwerfung" erschien außerdem 2015 zufällig am Tag des Anschlags auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo". Auch deshalb gab es heftige Diskussionen rund um das Buch.

Standing Ovations für Edgar Selge

Karin Beier inszeniert "Unterwerfung" vor allem als Drama des weißen Mannes auf dem absteigenden Ast und der übersättigten, überheblichen westlichen Gesellschaft. Dabei kommt die Regisseurin und Intendantin des Hamburger Schaupspielhauses mit wenigen Mitteln aus. Licht und Musik setzen unaufdringlich Akzente.

Am Ende löst sich die Scheibe mit dem Kreuz aus der Wand und verschwindet im Bühnendunkel. Es bleibt ein Loch, alles ist offen. Der Opportunist Francois legt einen Kaftan an. Er unterwirft sich den Verhältnissen. Frauen in Burka sammeln die Requisiten ein. "Unterwerfung" ist vor allem wegen Edgar Selge überzeugend. Zweieinhalb Stunden trägt er ganz allein durch den Abend. Und holt sich dafür zu Recht am Ende Standing Ovations ab.

Sendung: Inforadio, 19.12.2018, 6:55 Uhr

Beitrag von Nadine Kreuzahler

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7 Kommentare

  1. 7.

    Ich habe Ihren Eintrag gerade jetzt erst entdeckt.

    Zugestanden: Den Mitläufereffekt habe ich mit einer recht negativen Konnotation geschrieben, denn in der Tat gibt es auch positive Mitläufereffekte in dem Sinne, die Sie beschrieben: Sich auf der Basis eines eigens Empfundenen mit anderen gemein machen. Gewerkschaftliche Aktionen sind damit genauso gemeint wie politische, bspw. wie seinerzeit die Großdemonstrationen der Anti-AKW-Bewegung.

    Dennoch und auch das haben Sie umrissen: Es gibt ein Spannungsfeld. Das sehe und empfinde ich auch so. Es kann umkippen in Richtung eines simplen Dranhängens, ohne sich im MIndesten über etwas klar zu werden. Das simple Dranhängen würde ich als Konsequenz eines Weltbildes begreifen, das simpel zwischen "Gut" und "Böse" scheidet, zwischen "Wahr" und "Falsch", zwischen "Weiß" und "Schwarz".

    Ich glaube, dass alles, was mit Menschen zu tun hat, sich nur kraft gedankl. und irgendwann auch phys. Gewalt in diese Kategorien pressen lässt.

  2. 6.

    Es heißt "Es gibt viele Lampen, aber nur ein Licht." und "Religion spaltet. Spiritualität nicht."

    Kann es sein, dass unsere geprägte Kultur oder Tradition nahelegt, sich entscheiden zu sollen zwischen "richtig oder falsch", "schwarz oder weiß" und dass manche vermuten, sie sollten sich dort einordnen? "Sowohl als auch" scheint in der Welt das Normale zu sein, bietet aber auf den ersten Blick weniger Sicherheit als für "richtig oder falsch", "schwarz oder weiß" zu bekennen. Wozu auch?

  3. 5.

    "Der Mitläufereffekt (auch Musikwagen-Effekt oder Bandwagon-Effekt, der Mensch möchte dort sein, „wo die Musik spielt“) ist ein Kommunikationseffekt, der beschreibt, dass Menschen ihr Verhalten am von ihnen wahrgenommenen Umfeld ausrichten. ... Besonders Menschen, die Teil eines Kollektivs sein möchten, richten ihr Verhalten – ggf. unbewusst – nach dem Mitläufereffekt aus." Quelle ist Wikipedia - "Mitläufer" -
    hre Frage ist eine schwierige. Mein Versuch, im Nebel zu stochern:
    Könnte der "Lohn" des Mitläufertums sein, dass er glaubt, keine Verantwortung und keine Rechtfertigung aufbringen zu müssen (etwa "Wenn ich nur Teil von etwas Größerem bin, dann kann ich nichts falsch machen. 'Die werden schon wissen, was sie tun.'")?
    Könnte der "Preis" des Mitläufertums sein, dass er den Preis des Durchschnittlichseins mit Verzicht auf eigene Ideale, den Verzicht auf besondere "Selbstverwirklichung" oder so etwas wie "Ich-Selbst-Sein" mit eigenen Gipfelerlebnissen zahlt?

  4. 4.

    Keine Religion und keine politische Idee ist gefeit davor, von Hitzköpfen in eine fundamentalistische Richtung geführt zu werden. Und das liegt nicht an der Idee selbst, sondern an den Menschen, die ihr bloß nachlaufen. Gleich ob Christentum, Judentum, Islam oder so bezeichneter wissenschaftlicher Sozialismus.

    Mithin ist das Mitläufertum das eigentliche Problem. Anders ausgedrückt: Die Idee des bloßen Anhangs. Anstatt, dass jeder Mensch selber ginge und selber schaute. Auch so herum lässt sich das sehen: Weit mehr, als bewusst etwas herbeizuführen, wird etwas billigend in Kauf genommen. Mithin ist die offene Frage diejenige des Preises, im direkten und mehr noch im übertragenen Sinne.

    Wer ermuntert zu dieser In-Frage-Stellung?

  5. 3.

    ... und auch die „weißen alten Männer“ erscheinen mir in diesem Sinn mutlos. Ihre Kriecherei beginnt, wenn Sie erkennen, dass sie auch unter einem Regime der Buckelei, wie sie rigide Religionen in letzter Konsequenz fordern, bestens gedeihen. Am Ende wollen sie Mitläufer gewesen sein.

  6. 2.

    Wie „nah“ sind sich zwei zunächst scheinbar so entfernte Subjekte: Hier die auf Gefolgschaft ausgerichtete Religion und der zunächst Widerspenstige, der seine Herrschaft ebenfalls auf die Unterwerfung anderer stützt. Beide finden uns Einzelne nicht spannend. - Schade, dass so viele so mutlos sind.

  7. 1.

    Ob mann frau sich dem Islam oder dem Christentum unterwerfen muss ist ja eigentlich egal. Der christliche Fundamentalismus hat ja auch zur Zeit ziemlichen Zulauf ( Evangelikale , Neuapostolische Kirche, Stadtmission ... ) . Keine Macht für Religonen ! ( und niemandem anderes )

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