Plakatmotiv zu "Salomé" im Maxim Gorki - Theater Berlin
Gorki-Theater/Rotthoff
Audio: Inforadio | 3.12.2018 | Nadine Kreuzahler | Bild: Gorki-Theater/Rotthoff

Theaterkritik | Ersan Mondtag am Maxim-Gorki-Theater - Mit "Salomé" gegen Body-Shaming und Rollenklischees

Ersan Mondtag bringt am Gorki wieder einen klassischen Stoff auf die Bühne: Schauspieler des Jahres 2018, Benny Claessens, gibt Salomé. Die Prinzessin, die Johannes den Täufer köpfen ließ, ist hier eine verzogene Göre - zwischen Sexismus und Verführung. Von Nadine Kreuzahler

Der 31-jährige Ersan Mondtag ist für die einen ein Theatervisionär, für die anderen einfach ein überschätztes Enfant Terrible. Der Berliner hat sich "Salomé" in einer neuen Textfassung von Thomaspeter Goergen vorgenommen und macht daraus einen anderthalbstündigen Ritt durch Gendercrossing, Oper, Stand-up-Show und Trash.

Gendercrossing hat bei Ersan Mondtag Prinzip

Der wichtigste Clou dabei: Benny Claessens spielt Salomé. Der Belgier, in Deutschland 2018 als Schauspieler des Jahres ausgezeichnet, steckt also - wie schon in "Ödipus und Antigone" - wieder in Frauenkleidern. Bei Ersan Mondtag hat das Prinzip: Er möchte gegen Stereotype an Stadttheatern vorgehen, indem er konsequent Männerrollen mit Frauen besetzt und umgekehrt.

Benny Claessens ist jemand, der keinem Stereotyp entspricht. Außerdem kämpft er als homosexueller Schauspieler, Künstler und Regisseur selbst für eine diversere Besetzungspolitik.

Seine Prinzessin Salomé ist eine verwöhnte, verzogene Göre. Gleichzeitig ist sie Verführerin und Missbrauchte. Seine Salomé redet von Body Shaming und sein massiger Körper steckt dabei in einem bunten Kleidchen, das aussieht wie aus einem Märchenbuch geklaut, die falschen Haare sind zu zwei Hörnern aufgetürmt. Das Gendercrossing wird konsequent durchgezogen: Lea Draeger spielt Salomes Stiefvater König Herodes und Michael Gempert Salomes Mutter. Auch sie sehen aus wie Karikaturen von Märchenfiguren.

Stand-Up-Comedy im Märchenschloss

Dazu das Bühnenbild von Ersan Mondtag: eine schwarze Märchenschloss-Wand mit Türmen links und rechts, eingerahmt von naiv gemaltem Himmel. Zuerst mutet die Inszenierung wie eine extra trashige Oper an, inklusive einer Gesangseinlage von Claessens. Dann aber kommt die israelische Schauspielerin Orit Nahmias als Hofnarr auf die Bühne und kommentiert das Geschehen. Es ist ein Einschub á la Stand-up-Comedy. Orit Nahmias hat die Texte selbst geschrieben. Ihr Clown macht sich darin lustig über jüdische Rollenklischees, über die Inszenierung, den Stoff, das eigene Kostüm und Benny Claessens.

Gleichzeitig geht es um Religion, Fanatismus und unseren Begriff von Freiheit - auch in dem opernhaften Teil. Johannes, der Prophet, ist hier ein fünfköpfiger Chor aus hexenhaften Märchengestalten mit langen Nasen und aufgenähten Geschlechtsteilen. Der Körper, Weiblichkeit, Sexismus sind ebenfalls zentrale Themen.

Dazu thront in der Mitte der Bühne - die Märchenschloss-Wand hat sich jetzt gehoben - die überlebensgroße Skulptur des nackten Benny Claessens. Auch der echte Benny Claessens zieht sich nackt aus und umklammert seine Skulptur - also sich selbst. Salomé nimmt Kontakt zum eigenen Körper auf, der von so vielen anderen instrumentalisiert wird.

Ersan Mondtag traut sich nicht

Es steckt viel drin in Goergens Bühnentext nach Oscar Wilde und auch die Inszenierung von Ersan Mondtag hat immer wieder geniale Momente. Allerdings: Immer, wenn man gerade denkt, jetzt fügt sich alles zusammen und es wird spannend, fliegt es einem im nächsten Moment wieder um die Ohren, weil ein Einschub alles wieder ins Lächerliche zieht. Das macht oft Spaß, auch wegen der guten Schauspieler. Es ist aber auch schade, dass Mondtag und sein Team sich nicht mehr in die Tiefe trauen.

Am Ende hält der Hofnarr dem Publikum den Spiegel vor, wie man bei all den Katastrophen auf der Welt denn glücklich sein könnte? Das Universum sei ohnehin nur zu retten, sagt Orit Nahmias in ihrer Rolle, wenn man die Menschen abschaffe. Am besten wäre, wenn gleich alle von der Klippe sprängen. Da würde das Wort "Endlösung" auch endlich eine andere Bedeutung bekommen. Zwischendurch heißt es auch: Was soll das hier eigentlich alles? Das fragt man sich öfter mal und am Ende bringen die Buhrufe auf der einen und der Applaus auf der anderen Seite den Abend gut auf den Punkt.

Sendung: Inforadio, 3.12.2018, 7:55 Uhr

Beitrag von Nadine Kreuzahler

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