Die Hauptcharaktere von "Westend": Anja Schneider als Sängerin Charlotte und Ulrich Matthes als ihr Mann, Chirurg Eduard. (Quelle: imago/Martin Müller)
Audio: Inforadio | 21.12.2018 | Anna Pataczek | Bild: imago/ Martin Müller

Theaterkritik | "Westend" am Deutschen Theater - Vorsicht, Klischeefalle mit Nervensägen!

Moritz Rinkes neues Stück lässt sechs Nervensägen aufeinanderprallen - und kommt über Oberflächlichkeiten nicht hinaus. Daran konnte am Freitag bei der Uraufführung nicht einmal der gekonnt berufsjugendliche Ulrich Matthes etwas ändern. Von Fabian Wallmeier

Ulrich Matthes hebt den Vorschlaghammer. Nur ein bisschen. "Soll ich?", fragt Matthes' Figur Eduard ihre Frau Charlotte. Noch ein Durchbruch durch die hintere Wand und die gerade neu gekaufte Villa könnte "noch eindrucksvoller" sein. 

Eduard wird den Hammer nicht schwingen - und wenn er drei Stunden später, am Ende dieses größtenteils zähen Premierenabends, wieder allein auf der Bühne steht, wird sich sein Leben auf den Kopf gestellt haben. Doch begriffen haben wird er nach den drei Wochen, die im Stück verangen sein werden, nichts.

"Westend": Anja Schneider (als Charlotte), Paul Grill (als Michael), Ulrich Matthes (als Eduard) und Linn Reusse (als Lilly) (Quelle: imago/ Martin Müller)
Bild: imago/ Martin Müller

Zu Figuren gewordene Klischees

Moritz Rinkes "Westend", das am Freitagabend am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt wurde, lässt sechs Nervensägen aufeinanderprallen. "Wir müssen aufpassen, dass wir hier nicht in die Klischeefalle rennen", heißt es an einer Stelle, doch genau das tut Rinke mit seinem Stück.

Alle sechs Figuren sind wandelnde Klischees: Eduard (Ulrich Matthes) ist Schönheitschirurg, liebt die Frauen und die finanziellen Möglichkeiten, die er hat. Seine Frau Charlotte (Anja Schneider) ist eine zu Geld gekommene, aber theatralisch unglückliche und frisch an den Stimmbändern operierte Sängerin. Die beiden sind kein Herz und keine Seele, sind einander reine Projektionsflächen, die Nähe zwischen ihnen ist nur zur Schau gestellte Behauptung. Dahinter lauert eine, von Rinke nur grobschlächtig gezeichnete, wechselseitige Verachtung.

Wo sitzt die Seele?

Eduards Freund Michael (Paul Grill), zugleich der Ex seiner Schwester, ist ebenfalls Arzt, aber das Gegenmodell zu Eduard: Er kommt aus dem Einsatz in Afghanistan, verzweifelt großspurig an der Dekadenz der wohlsituierten westlichen Welt - und er hat, wie sich wenig überraschend herausstellt, eine Vergangenheit mit Charlotte. Auch in Liebesdingen scheint er das Gegenmodell zu Eduard zu sein. Er weiß, dass Charlotte Magnolien liebt, Eduard hat davon noch nie gehört - und schafft es nicht einmal, an ihren Geburtstag zu denken.

Linn Reusse als Lilly im Stück "Westend" von Moritz Rinke. (Quelle: imago/Martin Müller)
Nachbarstochter Lilly (Linn Russe)Bild: imago/Martin Müller

Kaum weniger klischeehaft ist Nachbarstochter Lilly (Linn Russe), Medizinstudentin an einer Privatuni in Salzburg, tief gekränkt von ihrem Vater und voller Hass auf dessen neue Freundin. Außerdem hat sie einen für eine angehende Medizinerin ungesunden Hang zum Esoterischen: "Ich würde so gerne wissen, wo die Seele sitzt", sagt sie einmal zu Eduard. "Im Kopf, im limbischen System oder doch im Herzen?" Wo auch immer die Seele nun sitzt, Eduard greift zu. Ihn interessiert aber vorrangig nicht Lillys Seele, sondern ihre jugendliche Frische.

Die am oberflächlichsten gezeichneten Figuren, die auch nur im dritten der vier Akte auftreten, sind Lillys Vater Marek (Andreas Pietschmann) und seine Freundin Eleonora (Birgit Unterweger). Marek ist ein Regisseur, so unverstellt selbstverliebt ist, dass er seiner Tochter allen Ernstes ein Porträt von sich selbst schenkt. Eleonora spricht nur Englisch und Russisch - und versteht von den Konstellationen, Konflikten und Eigenheiten der anderen fünf auf wundersame Weise dennoch mehr als diese selbst. Und natürlich hat auch sie wahrscheinlich mal etwas mit Eduard gehabt.

Unter der Oberfläche ist nichts

Natürlich macht es phasenweise Spaß, den Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie dem größtenteils auf Gags geschriebenen Text ein paar interessante Nuancen abzuringen versuchen. Toll zum Beispiel, wie Ulrich Matthes seinen Eduard mit genau der peinlich verkrampften Berufsjugendlichkeit in viel zu weiten Hosen über die Bühne schlurfen, schlendern und tänzeln lässt, die dieser an einer Stelle im Text so vehement ablehnt. Aber Tiefe schimmert hinter den darstellerischen Leistungen nicht durch, obwohl der Text das zumindest in seiner Themensetzung behauptet. Selbstmord, tote Kinder, Krieg, Betrug und so weiter werden angerissen, zerschellen aber auch dann an der Oberfläche des Textes, wenn dieser gerade mehr will als nur die Oberflächlichkeit seiner Figuren zu präsentieren.

Wie bei Uraufführungen üblich, lässt DT-Hausregisseur Stephan Kimmig dem Text den Vortritt. Seine Inszenierung beschränkt sich darauf, ihn originalgetreu auf die Bühne zu stellen. Das macht die Sache nicht spannender, aber immerhin hat Katja Haß' Bühnenbild einen Schauwert. Zu sehen ist ein modernistischer, aber komplett leergeräumter und stark sanierungsbedürftiger Protzbau. Es gibt ein riesiges Oberlicht und weite offene Räume - aber die schachtartigen Flure, die dorthin führen, sind grotesk beengt. Gemütlich wird es hier ganz sicher niemals werden.

Rinkes Stück spielt in einem Villenviertel in Berlin-Westend. Aber wenn nicht hin und wieder Berlin-bezogene Schnipsel eingestreut würden (Avus, Bleibtreustraße, "tipp", Philharmonie, Kulturkaufhaus), könnte es auch in jeder anderen Wohlstandsgegend Deutschland angesiedelt sein. Mit "Westend" meint Rinke aber dem Programmheft zufolge zugleich auch "eine Gesellschaft, die immer noch glaubt, so weiterleben zu können wie bisher", es sei ein Stück über "einen geistigen Untergang". Leider ist davon wenig zu spüren. Vielleicht hätte Ulrich Matthes doch den Vorschlaghammer schwingen sollen.

Beitrag von Fabian Wallmeier

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