Innenansicht der Villa Tugendhat in Brno (Brünn) in der Tschechischen Republik, aufgenommen am 06.02.2002. (Bild: dpa/Libor Hajsky)
Bild: dpa-Archivbild/Libor Hajsky

100 Jahre Bauhaus - Bauen, wohnen und leben ohne Firlefanz

Ornamente, Schnörkel und Firlefanz galten den Gestaltern der modernen Bauschule als altbacken und überholt. Der Berliner Architekt Walter Gropius trat vor 100 Jahren in Weimar an, um Architektur und Kunst neu zu denken. Von Cora Knoblauch

"Form Follows Function" - diese Parole stammt zwar originär nicht von Bauhauskünstlern, bringt aber deren Idee ziemlich gut auf den Punkt. Geprägt wurde dieser berühmte Leitsatz von dem US-Amerikaner Louis Sullivan (1856-1924), dem ersten bedeutendem Hochhausarchitekten. Die Bauhaus-Designer adoptierten den Spruch: Ornamente, Schnörkel und Firlefanz galten den Gestaltern dieser modernen Bauschule als altbacken und überholt. Klare Linien und schlichte, geometrische Formen wurden ihr Grundvokabular.

Radikaler Bruch mit allem Gewohnten

1919 – also vor genau 100 Jahren - trat der Berliner Architekt Walter Gropius (1883 - 1969) in Weimar an, Architektur, Kunst und Design neu zu denken. Die traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs steckten den jungen Architekten und Künstlern in den Knochen. Bauen, Wohnen, Leben - nichts sollte mehr so sein, wie es war. Dazu gehörte ein radikaler Bruch mit dem verspielt-lieblichen Jugendstil und nostalgischen-pompösen Baustilen des 19. Jahrhunderts.

Was Gropius wollte, war völlig neu: Bildhauerei, Malerei, Kunstgewerbe und Handwerk sollten wiedervereinigt werden. Das Handwerk galt ihm als "Königsdisziplin". Denn Handwerk kann man lehren, so Gropius, Kunst nicht. "Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück", forderte Gropius. Dafür holte er berühmte Lehrer an seine Hochschule: Lyonel Feininger, Johannes Itten, Ludwig Mies van der Rohe, Paul Klee und Oskar Schlemmer.

Zeitlos modern und überall

Immer wieder Gegenwind

Die Produkte des Bauhaus wie Stühle, Lampen, Geschirr und Tapeten sollten industriell gefertigt werden und für jedermann erschwinglich sein. Doch dazu kam es nicht mehr. Schon wenige Jahre nach dessen Gründung drohte dem Bauhaus die Pleite. Die avantgardistischen Lehransätze der Hochschule kamen in der Öffentlichkeit nicht gut an, die staatlichen Geldgeber drehten den Hahn zu. Also zog die Hochschule für ein paar Jahre um nach Dessau, später noch für ganz kurze Zeit nach Berlin. Dann machten die Nazis endgültig Schluss mit dem Bauhaus. Die Bauhauskünstler- und Architekten emigrierten, viele von ihnen in die USA.

Bauhaus in Berlin und Brandenburg

Außer der Hochschulgebäude in Dessau und Weimar haben die Bauhaus-Architekten viele - aus heutiger Sicht schlichte, aus der Perspektive der 20/30er Jahre spektakuläre - Gebäude hinterlassen. In Berlin entstanden in den 30er Jahren moderne Wohnsiedlungen, die zwar nicht direkt von Bauhaus-Architekten entworfen wurden, aber zur vom Bauhaus beeinflussten Moderne zählen: die Ringsiedlung in Siemensstadt, die "Weiße Stadt" in Reinickendorf, die Hufeisensiedlung in Britz und die Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg. Sie gehören zum UNESCO Weltkuturerbe.

Bauhaus-Ikonen in Berlin:

1968 wurde die Neue Nationalgalerie nach Entwürfen von Architekt Mies van der Rohe eröffnet. Zurzeit ist das Museum wegen umfangreicher Sanierungsmaßnahmen geschlossen.

Neue Nationalgalerie; Foto: Gregor BaronDie Neue Nationalgalerie in Berlin |

Das Haus Lemke in Alt-Hohenschönhausen ist das letzte in Deutschland entworfene private Wohnhaus von Mies van der Rohe vor dessen Emigration 1938 in die USA. Heute befindet sich dort ein kleines Museum.

Haus Lemke von Mies van der Rohe (Quelle: imago/Jürgen Ritter)Haus Lemke am Berliner Obersee |

Bauhaus-Ikonen in Brandenburg:

Die von Hannes Meyer und Hans Wittwer konzipierte 1930 eröffnete Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau-Waldfrieden.

Bundesschule Bernau bei Berlin (Quelle: rbb/Dominik Lenz)Die Bundesschule im brandenburgischen Bernau |

Gleich drei Bauhaus-Perlen stehen in der Villenkolonie Neubabelsberg (Potsdam): das von Ludwig Mies van der Rohe entworfene Haus Urbig in der Virchowstraße, Haus Mosler in der Karl-Marx-Straße sowie Haus Riehl in der Spitzweggasse – allesamt frühe Werke des Architekten, die zwischen 1907 und 1924 erbaut wurden.

Churchill-Villa, ehemalige Villa Urbig von Mies van der Rohe, Villenkolonie Neubabelsberg, Potsdam (Quelle: dpa/Karl F. Schöfmann)Ehemaliges "Haus Urbig" in der Villenkolonie Neubabelsberg |

Keine offizielle Bauhaus-Architektur, aber zum Umfeld zählen auch die zahlreichen Entwürfe von Erich Mendelsohn, der nicht nur die Schaubühne am Lehniner Platz entworfen hat, sondern unter anderem auch den Einsteinturm auf dem Telegrafenberg in Potsdam.

Schaubühne in Berlin Gebäude (Quelle: imago/Joko)Die Berliner Schaubühne am Lehniner Platz |

Bauhaus-Architektur in Berlin und Brandenburg:

Sendung: zibb, 16.01.2019 18:30 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Ich empfinde Bauhaus als ausgesprochen innovativen Ansatz, gerade zu einer Zeit oftmals verkünstelter Aufhübschung, doch liegt das "Manko", wenn ich es mal so nennen will, in der Ortsunbezogenheit. Der mit Bauhaus verbundene Aufbruch war nicht nur ein Aufbruch aus überkommenen, erstarrten Verhältnissen, er markierte auch einen Aufbruch von jeglicher Bindung, außer der des definierten Nutzens.

    Gute Architektur zeichnet sich für mich dadurch aus, dass sie auf den Ort Bezug nimmt oder eben erkennbare, empfindungsreiche Akzente setzt. Bauhaus war die Idee, überall zu bauen, in meinen Augen nicht hässlich, sondern nüchtern und unbezogen.

    Ist die Bezogenheit auf das Vorgefundene ein gefälligst zu überwindender Konservatismus? Oder ist es behutsame Entfernung und organisch anmutende Annäherung gleichermaßen?

  2. 4.

    Es steht Ihnen frei, in die Platte zu ziehen. Die ist ja so schön ehrlich. Oder Le Corbusiers Wohnmaschine an der Heerstraße. Das Zeug ist so "ehrlich", daß ich den Liebermann zitieren möchte.

    Sehen Sie sich dagegen z.B. die Bauten am Strausberger Platz/ Karl-Marx-Alle an. Das sind auch Wohnsilos. Aber die sind hundert mal ansehnlicher als das, was gemeinhin sonst so verbrochen wird.

  3. 3.

    Moderne Architektur ist ehrlich. Ein Wohnsilo, zum Beispiel, wird nicht besser indem man eine quietschbunte Fassade davorpappt, oder eine alberne Rotunde aufs Dach setzt.

  4. 2.

    Diesem hässlich schmucklosen Stil kann ich so gar nichts abgewinnen. Einfach nur ungemütlich und langweilig.

  5. 1.

    Also ich kann mit klassischer Moderne nichts anfangen. Ich empfinde diese monotone Bauweise als nicht auf den Menschen bezogen. Wer fühlt sich den wirklich in solchen sterilen Kästen aus Glas und Beton wohl? Das steht doch im diametralen Widerspruch zu hunderttausenden Jahren Kunst- und Architekturgeschichte.

    Mies van der Rohes Haus Urbig (1915), sein Erstlingswerk Haus Riehl (1907) sowie Haus Mosler sind NICHT Bauhaus. Das war noch deutlich vor der Bauhaus-Ära. Bzw. es handelt sich hier um Neoklassizismus und Um-1800-Bewegung (siehe Paul Mebes). Estorff und Winkler bauten ähnlich.

    Ich selbst habe mich längst von der brutalen, zeigenössischen Architektur verabschiedet, orientiere mich am Um-1800-Stil und greife bei meinen Bauten auf traditionelle Elemente wie möglichst kurze Dachüberstände, Gesimse, Lisenen, Mittelrisalite, klassizistische Giebel und dergleichen zurück. Der Erfolg gibt mir Recht. Die Nachfrage ist immens.

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