Hafen-Betreiber Ulrich Simontowitz (Quelle: rbb/Klaas-Wilhelm Brandenburg)
Video: rbb|24 | 03.01.2019| | Bild: rbb/Klaas-Wilhelm Brandenburg

Schwule Kneipe "Hafen" in Berlin-Schöneberg - Trotz Abschiedsfeier vielleicht doch kein Abschied

Eigentlich ist der Mietvertrag der schwulen Kneipe "Hafen" in Berlin-Schöneberg schon Ende Dezember ausgelaufen. Aber der Hafen ist noch da – und könnte vielleicht auch dauerhaft bleiben. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Donnerstagnachmittag, kurz nach 14 Uhr: Auf dem von Scheinwerfern erleuchteten Dancefloor tönt Discomusik aus den Lautsprechern, etwa 20 Männer wiegen ihre Körper dazu im Takt. Auch der Rest der Kneipe ist voll – so voll, dass gar nicht alle reinkommen, sondern vor der Tür noch einmal etwa 40 Menschen stehen. Manche haben einen Glühwein in der Hand, andere eine Zigarette.

Es ist eine ungewöhnliche Uhrzeit für so eine Party, selbst im bunten Schöneberg. Und der Anlass für die Feier ist ebenso ungewöhnlich: Ein Mietvertrag, der nicht verlängert wurde. Aber die Bar, in der gefeiert wird, ist halt auch keine gewöhnliche: Der "Hafen" in der Motzstraße, seit 28 Jahren eine Institution der schwulen Community.

Der Mietvertrag der Kneipe lief Ende Dezember aus – aber ein neuer war eigentlich schon in trockenen Tüchern, erzählt Ulrich Simontowitz, der Betreiber des Hafens: "Wir haben uns schon vor eineinhalb Jahren bemüht, einen neuen Mietvertrag zu bekommen." Er habe mit dem Eigentümer des Hauses ein "sehr gutes Gespräch" geführt, am Ende hätten sich beide auf einen neuen Vertrag geeinigt – Mieterhöhung inklusive. "Da waren wir richtig glücklich und dachten, es geht weiter mit dem Hafen."

Mit Elefanten durch die Straßen geritten

Aber plötzlich, so Simontowitz, habe der Eigentümer den Vertrag ohne Begründung zurückgezogen und den Kontakt abgebrochen. "Und dann haben wir eine Woche vor Weihnachten eine Räumungsaufforderung bekommen." Bis zum dritten Januar sollte der Laden – weiß gestrichen – an den Vermieter zurückgegeben werden. Über die Gründe für dieses Vorgehen kann Simontowitz nur spekulieren. Eine Anfrage von rbb|24 ließ der Hauseigentümer unbeantwortet.

Statt weiß gestrichener Räume oder gar einer Schlüsselübergabe gab es am dritten Januar aus Protest eine 15-stündige Abschiedsparty. Das passt zum Hafen, denn der war schon immer nicht einfach irgendeine schwule Kneipe: "Wir haben eine Andy-Warhol-Nacht gemacht, da sind wir mit drei afrikanischen Elefanten durch die Straßen geritten", erinnert sich Simontowitz. "Es war eine magische Nacht!" Auch das lesbisch-schwule Straßenfest, das alljährlich im Juni im Nollendorfkiez stattfindet, hat Simontowitz mit erfunden.

"Das macht schon sehr nachdenklich"

Dementsprechend groß ist der Abschiedsschmerz mancher Gäste. "Ich kenne den Hafen noch aus der Zeit, wo ich nicht in Berlin gelebt habe", erzählt Volker Beck, ehemaliger Bundestagsabgeordneter der Grünen. "Das war immer eine Anlaufstelle, wo man Freunde und Bekannte getroffen hat und sich nicht einmal dafür verabreden musste, weil man hier sich einfach immer wieder über den Weg gelaufen ist." Trotzdem sei der Hafen immer für alle offen gewesen, berichtet der queerpolitische Sprecher der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus, Carsten Schatz: "Alle sind willkommen, es wird mit allen geredet und alle können hier eine gute Zeit haben!"

Während die einen in Erinnerungen schwelgen, schauen die anderen aufs hier und jetzt: "Leider regiert das Kapital und die Verdrängung macht sich breit", meint Florian Beinhauer, regelmäßiger Gast im Hafen und von Beruf selbstständiger Kaufmann. "Das macht mich sehr betroffen und sehr traurig – zumal es jetzt wirklich schwierig wird, zu überlegen, wo man abends hingeht." Und auch Jörg Steinert, Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg, sagt: "Das macht schon sehr nachdenklich – denn der Hafen ist nicht die erste Institution, die schließen muss, und außerdem schon viele Jahre hier verankert."

Die Bar der Kneipe Hafen in Berlin (rbb/Klaas-Wilhelm Brandenburg)Die Bar der Schöneberger Kneipe "Hafen"

Der Eigentümer redet wieder mit Simontowitz – über Nachbarn

Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren immer wieder queere Kneipen, Clubs und Vereine, die schließen mussten oder gezwungen wurden, ihre angestammten Räume zu verlassen. "Der Hafen ist jetzt ein Beispiel dafür, dass Clubs und Kneipen auch von Gentrifizierung bedroht sind", meint Carsten Schatz, queerpolitischer Sprecher der Linken. "Das ist ein Problem, und da müssen wir politisch dagegen steuern." Aber Schatz weiß auch: Wer Kneipen und Clubs wirklich schützen will, muss das Gewerbemietrecht ändern – und das ist Sache des Bundes. Berlin als Land kann da also nur wenig ausrichten.

Vielleicht war es also intuitiv die richtige Entscheidung von Hafen-Chef Ulrich Simontowitz, mit seinem Problem an die Öffentlichkeit zu gehen – denn die große Solidarität vieler Menschen scheint auch den Hauseigentümer nicht ganz kalt gelassen zu haben. Der habe mittlerweile über Nachbarn wieder Kontakt zu ihm: "Der Eigentümer hat Signale über die Nachbarn gegeben, dass man über bestimmte Dinge jetzt reden könnte", berichtet Simontowitz. "Das macht uns große Hoffnung, und das ist bedeutend mehr als die Woche vor Weihnachten – da war es totale Verzweiflung."

Gefeiert, getanzt, gegessen - gekündigt

"Wir wollen weitermachen"

Vorerst soll der Betrieb deshalb weitergehen – auch wenn das nicht einfach wird. Simontowitz und seine Mitarbeiter haben gerade keine Planungssicherheit, was bei einer Kneipe wie dem Hafen auch deshalb problematisch ist, weil Veranstaltungen im Voraus geplant werden müssen. "Ich bin am Abwarten und Gucken und auch hoffnungsvoll, aber es muss auch irgendwann mal was Konkretes passieren", sagt er. Nur eines scheint für Simontowitz und sein Team derzeit klar: "Wir wollen weitermachen, das ist das allerwichtigste. Dafür haben wir die Kraft, wir haben die Ideen und wir haben die Leute."

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

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20 Kommentare

  1. 20.

    Oh den kenn ich gut. Immer sehr freundlich und hat eine ausgezeichnete Auswahl an Honig z.B. Im Ernst, leider ließ die Bewirtschaftung des Ratskellers zu wünschen übrig. Eigentlich sehr schade, da ich persönlich diese Räumlichkeiten sehr ansprechend finde. Aber schon beim vorbeigehen sah ich jedesmal nur trostlose Leere. Zugegeben, es ist auch bestimmt nicht einfach so ein gastronomischen Betrieb am laufen zu halten. Zumal das Wendel gleich gegenüber mit einer sehr guten Küche daherkommt. Die Bedienung, der Michael immer ein nettes Wort hat für seine Gäste und nicht spart mit ein,zwei Schnäppsen für seine Stammkunden.

  2. 19.

    Welche Rolle spielt bei dieser Auseinandersetzung eigentlich die TOMs Bar. Der Hafen habe angeblich einen Untermietvertag mit der TomsBar...also ist dort in diesem Dreiecksverhältnis Vermieter, Hauptmieter und Untermieter doch der Wurm drin. Welches Interesse z.Bsp hätte TomsBar an der Schließung des Hafens? Kann es nicht auch sein das TomsBar einfach nur die Konkurrenz ausschalten will? Schwule unter einande4 können auch sehr böse sein. We4 hat hier wen beeinflusst?

  3. 17.

    Mich wundert es überhaupt nicht, wenn im Rathaus Charlottenburg diese beiden gastronomischen Einrichtungen geschlossen sind. Da ich regelmäßig vorbeikomme und sogar dort die Kantine und das Restaurant schon aufgesucht hatte, kann ich nur davon berichten, wie grottenschlecht die Betriebsführung beider Stellen war. Beim letzten Auftritt im Ratskeller wollte ich ein Eisbein zu mir nehmen und zu meiner Überraschung wurden weder EC Karte noch Kreditcard akzeptiert. Obendrein saß ich vollkommen alleine in diesem sehr großen Raum. Also beließ ich es beim Bier und ging hinüber ins“Wendel“, denn dort wird man freundlicher bedient und das Essen ist dort echt spitze.

  4. 15.

    Dies ist eine Bitte und nicht zur Veröffentlichung gedacht. Ich finde es gut und wichtig, dass über das Club-Sterben berichtet wird. Aber was mich etwas wundert ist, dass es gar keine Infos zur Schließung des Ratsherrenkellers und der Kantine im Rathaus Charlottenburg gibt. Am 31.12. ist dort der Mietvertrag ausgelaufen und trotz der Bemühungen ihn verlängern zu lassen, auch mit Unterstützung der AnwohnerInnen, hat die Verwaltung abgelehnt, sie will die Räume zukünftig selbst nutzen, weil ihr angeblich Kapazitäten fehlen. Für viele AnwohnerInnen und SeniorInnen gehen damit gleich zwei gastronomisch fest verwurzelte, günstige und attraktive Institutionen im Bezirk auf immer flöten. Das ist doch eine Meldung wert, oder?

  5. 14.

    Wollen Sie mit dem Begriff rechtmäßig andeuten, dass Deutschland etwa ein Rechtsstaat ist? Fragt sich nur für wen das Recht gebeugt wird. Der Rechtsstaat ist schon lange begraben. Es lebe die Hafenbar.

  6. 13.

    Das Lesen eines Artikels ist oftmals recht hilfreich bei der Ausführung eines Kommentars. Nur so nebenbei, der Gewerbetreibende hat sich mit dem Vermieter in keinster Weise zerstritten, im Gegenteil. Man war sich schon einig über einen neuen Pachtvertrag, zuzüglich einer Mieterhöhung. Weshalb der Vermieter sich urplötzlich davon distanziert hat, bleibt weiterhin offen.

  7. 12.

    Ja, Vermieter haben es oft auch nicht leicht. Jede Medaille hat wie immer zwei Seiten. Ich finde es auch richtig und fair, dass sich wenigstens ein Kommentator als Buddy von "Südostler" erweist. Gute Idee. Besser spät als nie ;-)

  8. 11.

    Mein Mitgefühl! Wenn's ganz dicke kommt: Bei mir gibt's immer ein Tellerle Suppe. Für verarmte Immobilienbesitzer...

  9. 10.

    Sie haben den Kern erkannt. Privater Eigentümer zu sein macht keinen Spaß. Am besten das ganze Haus verkaufen, soll sich doch ein anderer mit den Mietern herumschlagen. Es gibt bessere Geldanlagen.

  10. 9.

    Na mal schauen. Es geht eig nur um einen Club. Eigentümer und Gewerbetreibender haben offenbar Probleme, die keiner in die Öffentlichkeit trägt. Wenn „man.... über bestimmte Dinge“ jetzt reden kann, dann ist da im Hintergrund wohl eher ein persönliches Ding.... Das Ganze wird etwas zu aufgebauscht.

  11. 7.

    Man merkt einfach immer deutlicher, wo bei vielen Mitbürgern das Verständnis und die Akzeptanz fehlt. Es handelt sich bei der Potse nach deren Empfinden "nur" um irgendwelche Punks und im Hafen "nur" um irgendeine Kneipe für homosexuelle Menschen. Das stimmt aber nicht. Das sind sehr wichtige Orte, wo viel mehr abläuft, wichtige Treffpunkte für Leute, die dort authentisch sein können und sich wohl fühlen. Ich drücke beiden Institutionen ganz doll die Daumen. Sollte der Hafen bleiben können, werde ich dort zeitnah einen Wein trinken kommen. Lieber Gruß zurück!

  12. 6.

    Exakt getroffen;-) In den USA haben die Gays die passende Bezeichnung für solch Scheuklappenträger: F......Straights.

  13. 5.

    Liebe Störenfrieda, danke für die Solidarität und ich wünsche weitere 28 Jahre für den Hafen. Wir brauchen solche Institutionen. Besonders jetzt wo Homophopie und Gewalt gegen Schwule und Lesben leider zunehmen. LG.

  14. 4.

    Nach dem, was Spekulanten sich in den vergangenen 10 Jahren in dieser Stadt rausgenommen haben, ist das auch überfällig. Jede Regierung, die sich nicht so verhalten würde, hätte in Berlin keine Chanc auf Wiederwahl mehr. dabei ist es schade, dass Rot/Rot vor Jahren den Ausverkauf der Stadt selbst maßgeblich befördert haben, auch wenn sie sich damals dazu zwecks Haushaltskonsolidierung durch den Bauskandal der Landowsky-Freunde gezwungen sah.

  15. 2.

    Nö. Das ist Berlin, weil es flexibel und kämpferisch ist. Ich finde es wunderbar, dass für den Hafen und die Potse gekämpft wird, Institutionen, die seit Ewigeiten gebraucht, geliebt und geschätzt werden. Und dass sie womöglich noch weiter unser sich immer montoner entwickelndes Stadtbild bereichern dürfen. "Failed State" ist für mich Zombie-Malls und Leerstand. Ick freu mir :-D

  16. 1.

    Irgendwie scheint es in Berlin immer mehr um sich zu greifen, dass rechtmäßige Beendigungen von Mietverhältnissen schlichtweg ignoriert werden. Und augenscheinlich wird das auch noch von den Regierenden geduldet. Naja, failed state Berlin eben...

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