Selbstportät von Vivian Maier (1955) (Quelle: Estate of Vivian Maier and John Maloof Collection/AP)
Audio: Inforadio | 04.01.2019 | Nadine Kreuzahler | Bild: Estate of Vivian Maier and John Maloof Collection/AP

Umsonst & Drinnen | Straßenfotografie - Vivian Maier, die Königin der Spiegelbild-Selfies

Zeit ihres Lebens hat Vivian Maier ihre Fotos nicht gezeigt. Die Aufnahmen wurden zufällig entdeckt - und Maier als "Kindermädchen mit der Kamera" posthum weltberühmt. Noch bis Sonntag sind ihre Bilder im Willy-Brandt-Haus zu sehen. Von Nadine Kreuzahler

 

Wer war Vivian Maier? Warum hat die US-Amerikanerin mit österreichischen und französischen Wurzeln ihre Fotos, Farbdias und Super-8-Filme Zeit ihres Lebens nie jemandem gezeigt? Diese Fragen stellen sich immer wieder aufs Neue.

Die Ausstellung "Vivian Maier. In her own hands" im Berliner Willy-Brandt-Haus zeigt Schwarz-Weiß- und Farbfotografien aus den 50er- bis 70er-Jahren, aufgenommen vor allem in New York und Chicago. Auf einem der Fotos, abgelichtet in Chicago 1953, steht sie ganz gerade da, ihre Rolleiflex um den Hals, und schaut in einen Spiegel. Neben ihr ein Mädchen im braven Matrosenkleidchen. Vivian Maier trägt einen großen, schwarzen Hut auf dem Kopf und ein langes burschikoses Hemdblusenkleid. "Sie sieht immer etwas gouvernantenmäßig aus, so bieder", sagt Gisela Kayser, Geschäftsführerin und Künstlerische Leiterin des Freundeskreises Willy Brandt Haus, der die Ausstellungen organisierte. "Gleich danach kommt einem dann der Satz in den Kopf: Aber sie war es nicht! Sie war selbstbewusst, sie war kess." Maier gucke auf dem Foto stolz in den Spiegel und auch das kleine Mädchen gucke stolz, so Kayser.

Auf der Jagd nach verborgenen Geschichten

Ein bisschen sieht Vivian Maier auf ihren Fotos immer so aus, als sei sie auf Safari. Und das war sie in gewisser Weise auch. In ihrem Job als Kindermädchen streifte Maier 40 Jahre lang durch die Straßen von Chicago und New York und fotografierte das, was andere nicht unbedingt mit dem bloßen Auge bemerkten. Ein Liebespaar, an eine Wand gelehnt, streitet miteinander. Eine intime Szene, wie im Vorbeigehen eingefangen. Und immer wieder Kinder. Ein Mädchen, schmutzig, verwahrlost, schaut trotzig und stolz in die Kamera. "Man hat immer so wunderbare Geschichten und kann sich gleichzeitig da reinversetzen und sich selber die Geschichte weiterspinnen, so offen ist ihr Blick, den sie einem da bietet", schwärmt Gisela Kayser.

Die Fotografie von Vivian Maier aus dem Jahr 1953 zeigt ein Paar in einer Pferdekutsche in New York (Quelle: Estate of Vivian Maier and John Maloof Collection/AP)

Die Königin der Selfies

120 Fotos sind im Willy-Brandt-Haus zu sehen, die meisten in Schwarz-Weiß, einige, aus den 70er-Jahren, in Farbe. Vivian Maier hat den Alltag abgebildet, soziale Missstände und Armut - aber auch den Filmstar Kirk Douglas bei der Premiere von "Spartacus" in Chicago 1960. Immer wieder hat sie Selbstporträts geschossen - Vivian Maier die Königin der Spiegelbild-Selfies. In der Ausstellung sind viele dieser Bilder zu sehen. Mal taucht das fotografierende Kindermädchen in einem großen schweren Spiegel auf, den ein Möbelpacker trägt, mal lichtet sie sich in kleinen runden Frisierspiegeln einer Schaufensterauslage in viele Einzelteile zerbrochen ab. Immer blitzt dabei Humor auf.

Freundeskreis Willy-Brandt-HausFreundeskreis Willy-Brandt-Haus

Was würde sie über ihren plötzlichen Ruhm denken?

"In her own hands" ist die Fortsetzung der Ausstellung "Vivian Maier. Street Photographer" von 2015. Seitdem wurde ihr Gesamtwerk weiter erforscht und neue Fotografien zusammengetragen. Die Abzüge stammen aus der Sammlung von John Maloof. Der Geschäftsmann, Filmemacher und Ex-Makler hatte einen Teil des Vivian-Maier-Nachlasses 2007 bei einer Zwangsversteigerung erworben.

2013 brachte Maloof den Dokumentarfilm "Finding Vivian Maier" in die Kinos. Ihr Nachlass umfasst 150.000 Fotos, Dias, Filmrollen, Kontaktbögen und Negative. Nur ein Bruchteil davon ist bisher gezeigt worden. Vivian Maier hat ihr Werk nie mit jemandem geteilt. Was würde sie darüber denken, dass nun die ganze Welt ihre Fotos kennt? "Das bleibt uns leider, leider, leider verschlossen", bedauert Gisela Kayser. Aber sie glaubt auch: "Da sie ja eigentlich nur positiv bewertet wird, hätte sie doch vielleicht ihre Freude daran."

Die aktuelle Ausstellung im Willy-Brandt-Haus läuft noch bis Sonntag. Der Eintritt ist frei.

Umsonst & drinnen: Wo geht das denn in Berlin?


Wo gibt es denn heute noch was umsonst? Das wollte die Inforadio-Kulturredaktion herausfinden - und hat für die Winterzeit nicht nur die Vivian-Maier-Schau ausfindig gemacht, sondern noch vier weitere "Umsonst & Drinnen"-Tipps gesammelt.
 

  • Museumswohnung Pankow

  • Open Screening im Kino Sputnik

  • Carte blanche (Karajan-Akademie)

Beitrag von Nadine Kreuzahler

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