Szene aus der Theater-Sitcom "Gutes Wedding, Schlechtes Wedding" (Bild: imago/Gerhard Leber)
Audio: radioBerlin 88,8 | 10.01.2019 | Interview mit Oliver Tautorat | Bild: imago/Gerhard Leber

Interview | 15 Jahre "Gutes Wedding, schlechtes Wedding" - "Wedding soll seinen rauen Charme beibehalten"

Vor 15 Jahren startete Oliver Tautorat in Berlin-Wedding die Theaterserie "Gutes Wedding, schlechtes Wedding". Wie sich das Theater verändert hat und wie er die Entwicklung seines Stadtteils wahrnimmt, erzählt Tautorat im Interview.

rbb: 15 Jahre Prime-Time-Theater für ein Theater, das nicht gerade das größte von Berlin ist, ist eigentlich eine lange Zeit und ein fetter Erfolg.

Oliver Tautorat: Auf jeden Fall. Als wir vor 15 Jahren mit "Gutes Wedding, schlechtes Wedding" angefangen haben, habe ich das auch nicht erwartet. Die Zeit ist so schnell vergangen und jetzt ist quasi schon fast eine neue Generation Schauspieler mit dabei.

Wer sind Ihre Lieblings-Charaktere oder müssen Sie alle lieben haben?

Mein Lieblings-Charakter ist Kalle. Da ist ein zweites Ego offensichtlich. Wenn ich in der Sitcom existieren würde, dann wäre ich Kalle. Es gibt aber witzigerweise ganz viele Figuren, die Teile von meinem Charakter widerspiegeln. Es gibt auch richtig böse Charaktere. Ich habe erst vor kurzem den Polizeipräsidenten gespielt, der richtig böse war. Das war bisher der böseste Charakter, den ich von allen gespielt hatte.

Sie spielen immer den traditionellen Wedding - mit türkischen Einflüssen, mit Döner, contra Prenzlauer Berg. Es gibt noch diesen Wedding, aber irgendwie verändert er sich auch. Auch bei Ihnen?

Wir merken auch, dass er sich verändert sich - auch an unseren Zuschauern. Ich versuche am Eingang immer zu erraten, woher sie kommen und dann tippe ich teilweise daneben. Bei einem Pärchen dachte ich, dass sie hundertprozentig aus Charlottenburg kommen. Aber es waren Weddinger.

Trotz der Veränderungen sind die alten Konflikte immer noch da. Das funktioniert, macht Spaß und macht Laune. Diese neuen Einflüsse sind auch im neuen Programm. Es gibt zum Beispiel eine Szene, die heißt "Dünn's Bio-Markt", weil es im Wedding nun auch einen Denn's Biomarkt gibt.

Ist es eigentlich schön, dass Menschen, die Sie für Charlottenburger halten, im Wedding wohnen und vielleicht im Biomarkt einkaufen gehen?

Es ist überraschend. Wenn sich der Wedding so verändert, dass er letztendlich nicht mehr als ein Berliner Kiez erkennbar ist, dann will ich das nicht. Das ist schade, weil Berlin lebt von Berlin. Vor allem die Mietpreisentwicklung trifft die Weddinger. Ich kenne viele, die wegziehen müssen, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können. Was dann nachzieht und was sich an Geschäften verändert, ist nicht immer cool. Das passt auch nicht immer so rein. Aber offensichtlich gibt es ein Potenzial an Kunden, die dort kaufen - und so verändert sich Wedding halt.

Das Jubiläum feiern Sie ganz groß und die Zuschauerinnen - und Zuschauer haben etwas dazu beigetragen...

Wir haben im letzten Jahr unsere Gäste aufgerufen, uns Szenen und Ideen zu schicken, was sie schon immer bei "Gutes Wedding, schlechtes Wedding" sehen wollten. Wir haben 51 Einsendungen bekommen und waren völlig überrascht. Am Anfang kam gar nichts und im Dezember erreichten uns ganz viele Ideen.

Wir haben 15 Szenen ausgewählt, die zum Jubiläumsprogramm gehören. Ein Einsender hat uns zum Beispiel "Der Prozess" von Franz Kafka auf den Wedding übersetzt. Wir dachten zunächst, das ist überhaupt nicht machbar, weil es hochkulturelles Thema ist.

Aber es gibt auch Klassiker. Ich spiele beispielsweise auch die dicke Tina und viele Gäste haben sich gewünscht, dass ich einen Burlesque-Tanz mache. Dazu übe ich schon und versuche auch möglichst erotisch wie möglich rüber zu kommen.

Solange der Wedding sich entwickelt, entwickelt sich auch "Gutes Wedding, schlechtes Wedding" weiter

Oliver Tautorat, Gründer und Geschäftsführer

Ist der Prenzlauer Berg, der auch mal ein Arbeiterbezirk war, noch Ihr Feindbild Nummer eins?

Ja - daran ändert sich auch nichts. Das wird eher immer schlimmer. Witzigerweise kommen auch Tiergarten oder Moabit hinzu. Denn dort ändert sich auch wahnsinnig viel.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, möchten Sie zwar, dass der Wedding sich ein wenig verändert - aber seinen rauen Charme beibehält?

Wedding soll seine Fehler und seinen rauen Charme beibehalten. Es gab einen Grund, warum ich im Wedding bin und ich will den Grund eigentlich nicht verlieren. Dieses raue, grobe Wachsein müssen, einfach auch mal mit krassen Situationen rechnen müssen, aber auch letztendlich mit den ganz ehrlichen Menschen zu tun haben. Das soll sich nicht verändern.

Wie geht es mit Ihrem Theater weiter?

Es geht weiter. "Gutes Wedding, schlechtes Wedding" läuft weiter. Solange Berlin sich entwickelt, entwickeln wir uns auch weiter. Solange der Wedding sich entwickelt, entwickelt sich auch "Gutes Wedding, schlechtes Wedding" weiter.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch mit Oliver Tautorat führte Ingo Hoppe für radioBerlin 88,8. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Beitrag im Interview hören.

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