Die Schauspieler Jeanne Balibar (l) und Jürgen Holtz sitzen bei einer Fotoprobe des Theaterstücks "Galileo Galilei - Das Theater und die Pest" am 18.01.2010, einen Tag vor der Premiere, auf der Bühne des Berliner Ensemble. (Foto: dpa/Jörg Carstensen)
Audio: Inforadio | 20.01.2019 | Cora Knoblauch | Bild: dpa/Jörg Carstensen

Kritik | "Das Theater und die Pest" am Berliner Ensemble - Wie Frank Castorf Brechts "Galilei" verwandelt

Der ehemalige Volksbühnen-Intendant Frank Castorf inszeniert am Berliner Ensemble "Das Leben des Galilei" von Bertolt Brecht - und bleibt sich dabei treu, meint Cora Knoblauch. Es wird gesungen, gekotzt und noch einmal gegen Chris Dercon ausgeteilt.

Ein gigantisches, hölzernes Teleskop steht auf der Drehbühne des Berliner Ensembles. Es ist zwar nicht Galileis Erfindung, doch hat er das Gerät so weit verbessert, dass er damit 1610 als erster Mensch überhaupt die vier Monde des Jupiters beobachten kann. Jürgen Holtz ist dieser Galilei - zu Beginn des epischen Stücks von Brecht noch ein hoffnungsvoller Wissenschaftler, der fest an die Vernunft des Menschen glaubt.

Splitternackt steht der mittlerweile etwas fragil wirkende Holtz vor dem Publikum. Eigentlich sei er zu alt für den Galilei, sagte Holtz kürzlich in einem Interview. Ob er diesen langen Abend mit dem vielen Text durchhalten würde, daran hatte allerdings nur Castorf zu Probenbeginn kurz seine Zweifel. Holtz wollte keine abgespeckte Version des Galileo. Der 86-jährige Berliner Schauspieler wollte alles. Theater müsse Hoffnung geben in einer Welt ohne Trost, sagt Holtz.

Manch einem Brecht-Fan geht das zu weit

Bleibt die erste Szene noch weitgehend bei Brechts Fassung, nimmt die Castorfsche Unterwanderung des Stoffs bald ordentlich Fahrt auf. Es wird gesungen und geraucht, in Blecheimer geschissen und erbrochen. Manch einem Brecht-Fan geht das wohl zu weit. Nach der Pause jedenfalls bleiben einige Sitze leer. Er habe doch einen Galilei sehen wollen, murmelt ein älterer Herr. Und nun habe er das bekommen.

Höhepunkt des epischen Abends sind die oft komödiantischen Auftritte der beiden BE-Schauspieler Aljoscha Stadelmann und Wolfgang Michael. Die bringen Berliner Schnauze und Heiner Müller ins Stück - und einen fiesen Tritt gegen die Hassfigur Chris Dercon, dessen Ankunft in Berlin sie mit einem Pest-Schiff aus London vergleichen.

Blutige Pestbeulen und schwarze Masken

Überhaupt die Pest. Sie ist allgegenwärtig an diesem Abend: auf der Bühne in Form von Pestkranken, blutigen Beulen und schwarzen Masken, im Untertitel des Stücks als Verweis auf einen Text des französischen Dramatikers Antonin Artaud. Das Theater und die Pest, so schrieb Artaud, zwingen den Menschen, sein wahres Gesicht zu zeigen. Außerdem seien beide gleich grausam. Grausam zugerichtet werden die vier Frauen des Castorf-Stücks - Jeanne Balibar, Bettina Hoppe, Sina Martens und Stefanie Reinsperger – sie schreien und leiden, weinen und trösten in dieser Welt ohne Trost.

Und so galoppiert der Abend über Seiten- und Nebenwege, verläuft sich bisweilen in ellenlangen Monologen und verliert hier und da den Faden. Zusammengehalten wird die sechsstündige Tour de Force von der hellwachen Souffleusse Christine Schönfeld. Die steht nicht nur dem 86-jährigen Jürgen Holtz zur Seite, sondern hilft dem Ensemble auch über verpasste Einsätze hinweg. Wenn auch die Bühne des BE für das detailreiche und massige Bühnenbild des Castrof-Teams zu klein erscheint – mit den Schauspielern aus diesem Haus hat Castorf ein Ensemble der ersten Liga an der Hand.

Beitrag von Cora Knoblauch

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4 Kommentare

  1. 4.

    Eine gute Idee wäre, sich zuvor ein wenig zu informieren - wie auch in der Musik jeder Interpret aus einer Komposition etwas Eigenes macht, so ist auch bei Theaterregisseuren usw. Und wenn dieser dann Castorf heißt, weiß man doch, dass dann keine Inszenierung kommt, wie man sie vor 60 Jahren gesehen hat.
    Ich persönlich war sehr beeindruckt, von der Regie (auch wenn der zweite Teil m.E. einige unnötige Längen hatte) und den grandiosen Schauspielern. Wenn man richtig hinhörte und -sah, konnte man so einiges aus der Inszenierung mitnehmen. Mir hat auch gefallen, dass viel Schau-spiel dabei war, nicht überwiegendes Deklamieren, wie es in den letzten Jahren oft zu beobachten war.

  2. 3.

    ... inzwischen im Rhein-Main-Gebiet wohnend, wollte ich meinen Lieben ein Stück meiner Jugend zeigen - das BE - einen Brecht - mein Lieblingsstück ... statt dessen erlebe ich, das die sonst doch so kritischen Erben etwas "durchgewunken" haben, was mich sehr erstaunt ... und zwar nicht positiv. Wer in der heutigen Zeit klassisches Theater sucht - sucht lang ... uns stößt selbst bei "sicheren Häfen" auf ... tut mir Leid - modernen Müll. Hochachtung vor den Schauspielern ... und allen, die die 6 Stunden mit Ihnen leiden!

  3. 2.

    Stimme Ihnen absolut zu. Ich würde gerne häufiger ins Theater gehen, wenn ich nicht ständig mit der Nacktheit der anderen konfrontiert werden würde. Das ist nicht nur ekelhaft sondern inzwischen auch echt langweilig und wenig kreativ.

  4. 1.

    Als ich den Bericht in der Abendschau gesehen habe, stellte sich mir die Frage, ob eine Theaterinszenierung derart abstoßend sein muss und was die Protagonisten damit bezwecken. Dass die Welt keine kuschelige Schlafcouch ist, wissen wir auch ohne Darstellungen mit Ekelfaktor.

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