Moby Dick nach Herman Melville, Textfassung & Regie: Anita Vulesica (Quelle: Volksbühne/Vincenzo Laera)
Audio: Inforadio | 09.01.2019 | Susanne Bruha | Bild: Volksbühne/Vincenzo Laera

Theaterkritik | Moby Dick in der Volksbühne - Fünf Frauen jagen den Wal

Moby-Dick-Erfinder Herman Melville Ismael hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass der weiße Wal einmal von einer Frauenbesatzung gejagt würde. Aber so ist es: Am Dienstag gaben fünf Schauspielerinnen in der Volksbühne die Walfängerinnen - und sie gaben alles. Von Susanne Bruha

Im kleinen Saal im dritten Stock der Volksbühne steht das reine Frauenensemble aus dem dritten Studienjahr der Ernst-Busch-Schauspielschule auf einem riesigen Kreuz. Das dreidimensionale Kreuz in Marmoroptik liegt schief auf der Bühne und ist die Spielfläche.

Alles im Chor

In weißen kunstvoll geschneiderten Kostümen, einer Mischung aus Reifröcken und Seemannskluft spielen die fünf Spielerinnen (Therese Lösch, Eva Maria Nikolaus, Sarah Quarshie, Milena Schedle, Julia Zupanc) die Besatzung des Walfängers Pequod und gleichzeitig ihren Käpten Ahab. Sie sind ein Chor und machen alles zusammen. Also peitschen sie einerseits als Käpten Ahab die Besatzung des Walfängers gegen den Wal auf und fürchten sich gleich danach als eben jene Besatzung vor dem weißen Wal genauso wie vor ihrem rachsüchtigen in Walwahn verfallenen Käptn.

Sprechen, brüllen, fürchten - formvollendet

Denn der ist hinter dem weißen Wal her, der ihm dazumal das Bein abbiß und in diesem Rachefeldzug ist ihm sein Mannschaft nur willfähriges Kampfmaterial, das er manipuliert und steuert wie er es braucht. Die fünf Spielerinnen zeigen vor allem als Ensemble, wofür der Ernst-Busch-Schauspielschule der Ruf vorauseilt die beste des Landes zu sein. Sie sprechen, brüllen und fürchten sich formvollendet mit eng zusammengesteckten Köpfen wie aus einem Munde. Dabei zeigen sie aber gleichzeitig fünf verschiedene Haltungen, Regungen, Gefühle, Facetten. Da wird quasi die Innenwelt eines Käpten auf fünf Gesichter verteilt sichtbar oder waren sie jetzt schon wieder die Mannschaft?

Was ist eigentlich der Wal?

Dass fünf Frauen die männliche Walfangcrew verkörpern, bleibt leider jenseits der Kostüme weitgehend unkommentiert. Jede Einzelne darf sich aber den im Roman so ausführlich behandelten naturwissenschaftlichen Ergüssen, kunstgeschichtlichen Exkursen oder philosophischen Fragen hingeben. "Was ist eigentlich der Wal?" ist und bleibt die Frage und es werden die unterschiedlichen Talente der Spielerinnen sichtbar. Eine sticht heraus. Eva Maria Nikolaus spielt und singt mit ernstem sowie komödiantischem Talent die anderen an die Wand. Von dieser Schauspielern werden wir noch hören.

Moby Dick nach Herman Melville, Textfassung & Regie: Anita Vulesica (Quelle: Volksbühne/Vincenzo Laera)
| Bild: Volksbühne/Vincenzo Laera

Als Eva Maria Nikolaus dann den Wal zu verstehen sucht, wird die dichte Bootsatmosphäre spürbar. Drei Jahre auf so einem Schiff, da spielen sich die Alphamännchen oder in diesem Fall -weibchen hervor, die denen die anderen folgen, warum auch immer, mit oder ohne Wa(h)l.

Eine energiegeladene Inszenierung von Anita Vulesica  und ein sehenswertes Stück über Mensch, Tier, Macht und Führung und Geführtsein.

Sendung: Inforadio, 09.01.2019, 6:55 Uhr

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