"Black Maria" am Deutschen Theater, auf dem Bild: Astrid Meyerfeldt (Projektion) (Quelle: Arno Declair)
Bild: Arno Declair

Theaterkritik | "Black Maria" am Deutschen Theater - Nah am perfekten Pollesch-Glück

René Pollesch hat seine neue Arbeit am Deutschen Theater Berlin vorgelegt. "Black Maria" ist ein typisch verwinkelter, sehr komischer und fast perfekt gespielter Abend über die Frühgeschichte des Films - und natürlich über sehr viel mehr. Von Fabian Wallmeier

Das Haus steht im Weg. Das Ungetüm aus schwarzer Teerpappe nimmt einen Großteil der Bühne ein an diesem Premierenabend von René Pollesch in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Aber manchmal ist alles einfacher, als man denkt - das Ding ist beweglich: Stemmt man sich am einen Ende dagegen, beginnt es, sich auf Rollen um seine eigene Achse zu drehen. "Man muss es einfach ein bisschen schieben, tut ja auch gut, mal in Bewegung zu sein", sagt Astrid Meyerfeldt - und setzt damit eine Diskursschleifenherrlichkeit in Bewegung, die es locker mit Polleschs Großtaten aus der Spätphase der Castorf-Volksbühne aufnehmen kann.

Nach deren Ende hatte Pollesch eine Spielzeit lang gar nicht in Berlin inszeniert und war dann im vergangenen Jahr wie vereinbart ans DT gekommen. In "Cry Baby" näherte er sich zusammen mit Volksbühnen-Wegbegleiterin und DT-Neuzugang Sophie Rois liebevoll und noch etwas verschlafen dem neuen Haus mit seinen Begebenheiten und seinem so anderen Theaterraum an. An diesem Mittwochabend nun inszeniert Pollesch in den deutlich kleineren Kammerspielen. In "Black Maria" arbeitet er mit anderen Stammschauspielern: Astrid Meyerfeldt und Franz Beil sind als Gäste dabei, aber auch mit Ensemble-Mitglied Karin Wichmann verbindet ihn eine langjährige Zusammenarbeit aus ihren Hamburger Zeiten.

Drei ganz eigene Pollesch-Personas

Diese drei machen den Anfang. Erst kommt die mit mehreren Waffen beladene Astrid Meyerfeldt als Cowboy auf die Bühne, dann Franz Beil in einem sinnlosen, eng anliegenden Jogginganzug in breiten, schwarz-weißen Längsstreifen. Aus dem Haus tritt Katrin Wichmann dazu, in einem funkelnden Blumenkleid. Sofort ist er wieder da, der typische Pollesch-Sound: die komplizierten, theoriedurchzogenen, aus- und abschweifenden und dabei hochkomischen und absolut gegenwärtigen Gespräche und Gesprächs-Parodien. Diese drei Spieler haben das verinnerlicht, alle haben ihre ganz eigene wiederkehrende Pollesch-Persona entwickelt und perfektioniert.

Benjamin Lillie und Jeremy Mockridge, bislang keine Pollesch-Regulars, sind dann auch erst einmal im Weg - im wörtlichen Sinn: Sie knien sich vor das Haus und von der anderen Seite setzen Meyerfeldt, Beil und Wichmann es in Bewegung, scheuchen die beiden auf.

Lillie entpuppt sich - man hätte es ahnen können - als wie gemacht für das Pollesch-Theater. Wie er linkisch mit den Armen rudert, sich großäugig-aufgeregt in irrwitzige Monologe hereinsteigert - all das hat genau die richtigen Hampelmann-Qualitäten, die ein Schauspieler für Polleschs ganz spezielle Mischung aus diskursiver Durchdringung, stark artifizieller Überdrehtheit und lustvoller Pointensetzkunst braucht. Der sonst so frisch agierende Mockridge dagegen wirkt bei aller Anstrengung meist wie ein Fremdkörper. Er bleibt zu sehr in seiner ungebrochenen Ernsthaftigkeit, um mit den vier anderen mithalten zu können.

Anschlussfehler als Running Gag

Aber worum geht es denn nun eigentlich an diesem Abend? Das ist, wie so oft bei Pollesch, nicht leicht zu beantworten. Leitmotiv ist das Haus, die titelgebende "Black Maria". So hieß das erste Filmstudio der Welt  in den 1890er Jahren: ein Haus auf Rädern und mit Dachluke, das sich nach der Sonne richten ließ. Davon ausgehend spinnen sich die Diskurse um das Wesen des Films, etwa um das, was passiert oder nicht passiert, wenn jemand "Action" ruft. Anschlussfehler, die im Film zum Beispiel entstehen, wenn beim Schneiden eine in der vorigen Szene schon abgebrannte Zigarette auf einmal wieder glimmt, sind ein Running Gag des Abends: Ständig setzen sich die Spielerinnen und Spieler unvermittelt andere Perücken und Kopfbedeckungen auf.

"Black Maria" am Deutschen Theater, auf dem Bild: Katrin Wichmann, Franz Beil, Benjamin Lillie (Projektion), Marion Rommel (Souffleuse), Astrid Meyerfeldt (Quelle: Arno Declair)
Bild: Arno Declair

Die Debatten gehen dabei weiter, in gedanklichen Winkelschlägen und Querbezügen, unter anderem zu Lars von Trier und Platon. Diese Bezüge lassen sich im Detail beim Sehen kaum begreifen und im Nachhinein nicht annähernd so federleicht beschreiben, wie sie in Polleschs Text voranfließen und wie sie von diesem hochkomischen Ensemble dargeboten werden. Es geht unter anderem um das Prinzip des Knackses, um "das filmisch-semiotische Repertoire", um Repräsentationspraktiken, um das Privileg der Unsichtbarkeit, die der weiße Mann gegenüber allen anderen Menschen genießt, um Grenzkontrollen und Pässe, um das Erinnern und das Vergessen - und immer wieder um die Frühgeschichte des Films.

Film ist folgerichtig nicht nur Thema, sondern auch Mittel der Inszenierung: Was im Haus passiert, wird größtenteils auf die Fassade oder eine davor heruntergelassene Leinwand projiziert. So diskutieren sich die fünf mal drinnen, mal draußen in ständiger Bewegung von einer Idee zur nächsten, greifen dabei immer wieder fallen gelassen geglaubte Themen wieder auf, drehen sich im Kreis und kommen doch irgendwie gedanklich voran. Wenn sich dann noch zu dramatischer Filmmusik die Black Maria dreht und die Scheinwerfersonne erst das Publikum und dann wieder das Maria-Innere erleuchtet, kommt dieser Abend dem perfekten Pollesch-Stück verdammt nahe.

Beitrag von Fabian Wallmeier

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren