Zuschauer konnten bei "Coming Society" in der Volksbühne die Bühne betreten. Quelle: imago/Martin Müller
Bild: imago/Martin Müller

Theaterkritik | "Coming Society" in der Volksbühne - Schwindelerregender Trip durch Raum und Zeit

"Coming Society" ist kein klassisches Theaterstück, sondern eine installative Performance. Susanne Kennedy nennt es eine "Total-Erfahrung". Nadine Kreuzahler ist während der Aufführung in der Volksbühne ganz schwindelig geworden. 

Nur kurz ist alles wie sonst im Theater. Aber kaum haben sich alle einen Platz im Zuschauerraum gesucht, fordert eine Computerstimme dazu auf, auf die Bühne zu kommen.  Dort führt ein buntes Tor mit blinkendem Digital-Auge hinein in eine andere Welt. Und schon wird mir schwindelig. Nicht nur weil Farben und Formen rundherum explodieren, sondern auch, weil sich die Bühne - auf der sich jetzt jeder frei bewegen kann - nonstop dreht. "Coming Society" ist eine virtuelle Realität, in die man physisch eintaucht, ein Spiel - so verspricht es die Stimme aus dem Off - mit vielfältigen Möglichkeiten.

"Diese virtuelle Welt stellt dich vor Entscheidungen", so spricht die Stimme, "Entscheidungen, die die Entscheidungen der anderen beeinflussen und umgekehrt und am Ende dazu führen, dass du dich weiterentwickelst  - oder aber zurückentwickelst".

"Stalker", Nietzsche, Feminismus

Kennedy zitiert die utopische Feministin und Biologin Donna Haraway genauso wie Nietzsche. Seine Idee vom Übermenschen, der sich selbst überwindet und sich frei macht von den Zwängen der herrschenden Moral und Religion spielt eine große Rolle. Auch der russische Science-Fiction-Film "Stalker" von Andreij Tarkowski, in dem die Menschen in einer Sperrzone in ihr Innerstes reisen und sich selbst begegnen. Auch Susanne Kennedy möchte, dass sich die Teilnehmer, die "Spieler", in ihrer Installation vor allem selbst begegnen.

In Susanne Kennedys Zukunfts-Entwurf sind die Grenzen zwischen Natur, Technologie und Spiritualität aufgehoben, es scheint keine Geschlechter mehr zu geben, Raum und Zeit verschwimmen.

Ein begehbarer Drogentrip

Optisch erinnert diese "Coming Society" - an Drogentrips und Cyberuniversen. Herzstück ist die "Ars Mundi" - die Weltachse. Eine Stele in einem runden Raum, um den herum andere Räume organisiert sind. Gestaltet hat sie der Künstler Markus Selg, der zum zweiten Mal mit Susanne Kennedy zusammenarbeitet. Selg bringt in seinen multimedialen Installationen immer wieder das Archaische, die Mythologie und Computertechnik miteinander in Beziehung. So auch in Coming Society.

Sowohl der Boden, als auch die Stellwände sind mit großflächigen Drucken verzerrter Spuren der menschlichen Evolution überzogen. Höhlenmalerei, Muster, Zellkulturen in Petrischalen, Baumwurzelwerk, Wirbelsäulenknochen - all das über- und nebeneinander im Zusammenspiel mit Videos von wogenden Wäldern und abstrakten Formen. In dieser psychedelischen Landschaft bewegen sich die Performer. Sie wirken androgyn und künstlich, sie sprechen nicht live, sondern bewegen nur die Lippen zum Playback.

"Total-Erfahrung" mit Hindernissen

Das Publikum fließt hin und her, stolpert vorwärts und wieder zurück, muss sich entscheiden: lasse ich mir von einem Schamanen im weißen Gewand Weisheiten ins Ohr flüstern oder sehe ich dabei zu, wie im Inkubator zuckend ein neuer Mensch geboren wird? Oder setze ich mich einfach auf eins der Kissen auf dem Boden? Am besten funktioniert Susanne Kennedys Universum, wenn man sich einfach fallen lässt und nicht ständig über den Gehalt einer Szene nachdenkt, sondern sich der "Total-Erfahrung", wie sie sich die Regisseurin wünscht, einfach hingibt.

Dafür verspürt man aber zu oft den Drang, weiterzugehen, aus Angst, eine der Performances zu verpassen. Zwischendurch setzt auch Langeweile ein. Oder ist es eine Überforderung der Sinne? Oder die Anstrengung, Teil des Spiels zu sein? Vielleicht erschöpft aber auch das ständige Gewusel? "Coming Society" ist für den, der sich drauf einlassen kann, trotzdem ein spannender Trip, der es schafft, ein anregendes Rauschen im Kopf zu erzeugen. Und das nicht nur, weil die Drehbühne einen Drehwurm erzeugt.

Sendung: Inforadio, 18.01.2019, 6 Uhr

Beitrag von Nadine Kreuzahler

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