Symbolbild - Ein Dirigent dirigiert ein Orchester (Bild: dpa/Catherine Leblanc)
Bild: dpa/Catherine Leblanc

Hierarchien in Orchestern - Das Orchester bin ich

Wirbel um den Berliner Star-Dirigenten Daniel Barenboim: Musiker werfen ihm ungewöhnlich offensiv Schikane und Machtmissbrauch vor. Ob Barenboims Führungsstil in der Unternehmenskultur in Orchestern wirklich heraussticht, erläutert Vanessa Klüber.

Die Sekunden vor einer Sinfonie in einem Konzertsaal, der Dirigent hebt den Taktstock, die Musiker sind konzentriert, still, unter Spannung. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf einen Mann – denn Dirigentinnen gibt es nach wie vor nur in extremen Ausnahmefällen – die Stühle, die Köpfe, die Instrumente, alles ist auf den Dirigenten ausgerichtet. Wenn die Sinfonie beginnt, folgen die Musikerinnen und Musiker seinen Bewegungen, ähnlich dem Körper einer Marionette, die von einem Puppenspieler geführt wird.

Ein "bald verschwundenes System"

Es ist heute immer noch das Prinzip klassischer Orchester, dass der Dirigent die Autorität hat, zumindest während des Konzerts. Wenn sich auch Beziehungen zwischen Dirigenten und Musikern außerhalb des Konzerts, bei Proben, bei organisatorischen Entscheidungen, verändert haben. Ein System der Macht wie unter dem 76-jährigen Daniel Barenboim ist "ein bald verschwundenes System", kommentiert Manuel Brug, Redakteur beim rbb-Kulturradio.

Barenboim, einer der weltweit bekanntesten Dirigenten, Chefdirigent und Gründer des West-Eastern Divan Orchestra, Dirigent an der Staatsoper Unter den Linden und der Staatskapelle, ist nach den Beschreibungen einiger seiner Musiker, die in den letzten Wochen bekannt wurden, der Gipfel an Autorität, um nicht zu sagen ein Tyrann, der seine Musiker schikanieren soll.

"Wer wollte, wusste das längst", kommentiert Brug. Da liegt es nahe, dass ein Dirigent, der für seine Ausfälle im menschlichen Umgang bekannt sein soll, durchaus mindestens toleriert wird, da er gleichsam für seine musikalische Exzellenz bekannt ist und hoch geschätzt wird.

"Verhalten wie die Axt im Walde nicht mehr möglich"

Dirigenten wie Barenboim, die so hart durchgreifen, sind nicht nachgewachsen. "Weil-ich-es-so-will"-Antworten auf die Frage, warum etwas so oder so gespielt werden soll, gebe es nicht mehr, sagt auch Kai Luehrs-Kaiser, Orchester-Experte beim rbb-Kulturradio. Er hat über viele Orchester deutschland- und weltweit berichtet. "Ein Verhalten wie die Axt im Walde ist nicht mehr möglich", ist seine Meinung. Und laut dem ehemaligen Rektor der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler, Stefan Willich, auch gar nicht sinnvoll: "Es bringt nichts, einzelne Musiker unter Druck zu setzen. Unter Druck funktionieren Musiker in der Regel nicht mehr bestmöglich", sagte er am Freitag im rbb.

Und es geht noch weiter: Dirigenten könnten nicht einmal mehr über die Köpfe von ihren Musikern hinweg entscheiden, sagt Luehrs-Kaiser, der in Wien und in Berlin lebt.

Zwar seien Dirigenten weiterhin das Zünglein an der Waage bei Entscheidungen, bei denen je nach Orchester die Intendanz, der Kultursenat, oder auch der Orchestervorstand treffen. Aber ohne die Mitsprache von Orchestermusikern geht es offenbar nicht.

Berliner Philharmoniker als demokratischer Ausnahmefall

Laut Luehrs-Kaiser stehen die Dirigenten zunehmend mit dem Rücken zur Wand, wenn sie zu hart durchgreifen. Orchester chassen sogar ihre Dirigenten, schmeißen sie raus. Das Staatstheater Cottbus trennte sich von seinem Generalmusikdirektor Evan Christ, weil er seine Musiker über Jahre hinweg beleidigt und bedroht haben soll.  

Besonders viel Macht haben die Berliner Philharmoniker. Sie sind ein demokratischer Ausnahmefall und wählen traditionell ihren Dirigenten selbst. Daniel Barenboim war mehrfach im Gespräch, wurde aber nie angenommen.

Rattle: Anerkennung durch unkonventionelle Art

Den Paradigmenwechsel in der Orchesterkultur gibt es nach dem Tod von Choleriker Herbert von Karajan, der ab 1955 auch die Berliner Philharmoniker dirigierte. Claudio Abbado und Simon Rattle, Berliner-Philharmoniker-Dirigenten ab 1989 beziehungsweise 2002, waren im Verhältnis dazu Softies.

Rattle war für einige Musiker gar zu nett, habe nie mit der Partitur aufs Pult gehauen. Waren die musikalischen Ergebnisse dadurch schlechter? Seine unkonventionelle Art brachte dem Chefdirigenten international Anerkennung ein, er war dafür bekannt, das Orchester zu beschwingen, schaffte es, ihm eine neue Richtung zu geben. Die Musiker standen insgesamt hinter ihm. Der Absolut-Herrscher war er nie, aber trotzdem folgten die Philharmoniker seinem Taktstock.   

Orchester ohne Dirigent

Es gibt heutzutage Orchester, die noch viel weiter gehen, gar keinen Dirigenten mit Taktstock in ihrer Mitte haben, sondern sich scheinbar selbst dirigieren. Spira Mirabilis, das in verschiedenen europäischen Ländern residiert, ist so ein Beispiel. Oder in Berlin das Andromeda Mega Express Orchestra unter der Leitung von Daniel Glatzel, der keinen exponierten Platz in den Sitzreihen der Musiker hat geschweige denn mit Händen oder Stock dirigiert.

Ein Orchester, das Jazz, Klassik und moderne Musik spielt, das teilweise improvisiert, allerdings nur 18-köpfig. Während eines Konzerts wechselt dann die musikalische Führung mehr oder weniger unsichtbar, durch minimale Bewegungen des Körpers. Bei 70 Leuten und mehr, wie im klassischen Orchester, wird das schon schwieriger.

Orchester weit entfernt von hierarchiefreier Unternehmenskultur

Von demokratischen Verhältnissen oder gar einer hierarchiefreien Unternehmenskultur, Arbeiten auf Augenhöhe, kann im klassischen Orchesterbetrieb sicherlich nicht die Rede sein. Es gibt in der Regel eine stramme Rangordnung: Intendant, Dirigent, Stimmführerin, einfacher Musiker. Disziplin und Präzision zählen.

"Es ist nicht gewollt, dass das gesamt Orchester mitbestimmt", sagt Luehrs-Kaiser. Auch Willich bestätigt, wenn es im Orchester schwieriger und hektischer wird, "hat natürlich der Dirigent den Hut auf, das muss er auch." Trotz aus seiner Sicht notwendiger Kollegialität: Ein Dirigent müsse das Orchester führen, es motivieren, seiner Interpretation zu folgen.

Und so ist der Dirigent, und in naher Zukunft hoffentlich auch häufiger die Dirigentin, mit Taktstock, klare*r Chef*in während eines Konzerts.

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4 Kommentare

  1. 4.

    Ohne die Angelegenheit "zu verwässern": Zu allen Zeiten gab es Probleme zwischen jenen, die das genaueste Bild der Gesamtsituation im Kopf hatten, die gemäß eigenem Vermögens schalteten und walteten und denen, die mal als Mitschaffende an einem Kunstwerk, mal aus bloße Erfüllungsgehilfen betrachtet wurden.

    Der Erfolg gibt noch lange nicht recht, so lange nicht nach dem Preis im übertragenen Sinne gefragt wird, den das hat.

    Leitende haben mal einen schlechten Tag, das Orchester oder Singende auch. Es wäre unmenschlich, dass Menschen wie ein Computerprogramm funktionieren sollten, den größten Anteil ihrer Zeit, den sie außerhalb des Orchesters, außerhalb des Chores verbringen, von einer Sekunde auf die andere abstreifen und sich jedesmal zu 100 % zu konzentrieren hätten.

    Vielleicht so: Die nackte Wahrheit hat Menschen immer schon brüskiert. Im Gewand der Liebe kommt sie zu den Mitmenschen.

  2. 3.

    "Dirigenten wie Barenboim, die so hart durchgreifen, sind nicht nachgewachsen. " Das stimmt doch nicht. Am Cottbusser Staatstheater hatte der Dirigent Christ jahrelang Mitarbeiter aggressiv angegangen. Als das nach Jahren öffentlich gemacht wurde, gab es sofort eine Entlassung, nur weil der Mitarbeiter die Wahrheit gesagt hatte. Das wurde noch gedeckelt, bis der Dirigent endlich gehen musste und die Entlassung rückgängig gemacht wurde.
    https://www.rbb24.de/studiocottbus/kultur/2018/04/zoff-staatstheater-cottbus-evan-christ.html
    https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2018/05/staatstheater-cottbus-chefrepetitor-kehrt-zurueck.html

    Unter Musikern war das Barenboim im Vergleich dazu noch zu Gute gehalten worden, dass der wenigstens nicht derart grundlos ausgerastet ist, sondern bei fachlichen Sachen wirklich "sehr streng" war.

  3. 2.

    Traurig genug, wenn die Sehnsucht nach der starken Hand bis in die Kunst ragt. Noch trauriger, anderes gar nicht erst zuzulassen.

  4. 1.

    Da bin ich aber froh dass die Autorin am Schluss auch noch das Adjektiv korrekt gegendert hat.

    Und so ist auch ihr Kommentar, im Tenor unangreifbar politisch korrekt mit modischer
    Anti-elitärer Attitude.
    Da werden die Vorwürfe gegen den Maestro aufgebauscht, als ob sie bewiesen wären, mal im vorsichtigen Konjunktiv, und dann auch wieder mit handfester Behauptung.
    Metoo lässt grüßen

    Barenboim ist nicht umsonst in der ganzen Welt anerkannt und hat nicht ohne Leistung die Staatskapelle zu dem gemacht was sie heute ist.

    Mit der von der Autoren angedachten Stuhlkreis Mentalität ist das nicht zu haben, und daran besteht kein Zweifel.
    Barenboim hat die richtige Frage gestellt Komma wenn es so gewesen sein sollte, warum haben denn die Orchestermusiker das alles 16 Jahre ausgehalten und nicht vorher den Mund aufgemacht?

    Mit zeitgeistiger Weichspülung ist vielleicht Neuköllner Szene -Niveau zu erreichen, aber keine Weltklasse, und das wird auch so bleiben.
    Die von ihr genannten Gegenbeispiele habe ich noch nie gehört ,wahrscheinlich zu Recht..

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