Archivbild: Daniel Barenboim in der Philharmonie Berlin. (Quelle: dpa/Bartilla)
Audio: Inforadio | 27.02.2019 | Jens Lehmann | Bild: dpa/Bartilla

Konzertkritik | Daniel Barenboim in der Philharmonie - Mit Musik aus der Krise?

Daniel Barenboim steht wegen seines Führungsstils an der Staatsoper heftig in der Kritik. Umjubelte Konzerte gibt er trotzdem – so wie am Dienstagabend mit seiner Staatskapelle in der Berliner Philharmonie. Von Jens Lehmann

Geht so eine Krise spurlos an Daniel Barenboim vorbei? An diesem Abend in der Philharmonie ist ihm zumindest nichts anzumerken. Man staunt wie immer über die Konstitution dieses Mannes, der mit seinen 76 Jahren und frisch operiertem Auge ein unglaubliches Pensum abspult. Los geht es an diesem bunten Abend mit Schuberts "Unvollendeter", von der der Dramaturg zugibt, man habe sie ins Programm gehievt, weil es sonst zu kurz gewesen wäre.

Leider klingt der Schubert auch genauso. Ein wenig zu routiniert, ein wenig zu glatt spielt die Staatskapelle in spätromantischer Großbesetzung ihren Schubert runter – titanisch, ja, aber ohne Brechungen und seelische Abgründe. Und da: War das nicht ein arg angsterfüllter Streicherabgang? Oder verwirrt mir die jüngste Debatte um Barenboims Ausraster vollends den Sinn?

Argerich spielt Prokofjew, als hätte sie ihn gerade neu entdeckt

Doch die Staatskapelle kann auch anders. Aus dem warmen, klanglichen Halbdunkel hin zum scharfen, fast plärrigen Prokofjew-Sound. Dessen drittes Klavierkonzert wird von Martha Argerich, der großen Pianistin und Kindheitsfreundin von Barenboim, gespielt, so als hätte sie es gerade neu entdeckt. Keck, perkussiv, volles Risiko - die Staatskapelle hat manchmal Mühe, ihren impulsiven Temposchwankungen zu folgen.

Der Saal tobt, erhebt sich zu Ehren dieser grandiosen Solistin. Dann kommt, was kommen musste: die berühmt-berüchtigte vierhändige Zugabe. Da ist Barenboim Machtmensch durch und durch. Ohne ihn geht eben doch nix.

So neu klingt Jörg Widmann gar nicht

Nach der Pause ist der eben noch proppevolle Saal plötzlich um ein Viertel leerer. Klar, steht ja auch Neue Musik auf dem Programm. Obwohl, so neu klingt das gar nicht. Jörg Widmanns "Babylon"-Suite ist eine Art amuse-gueule vor der Premiere der gleichnamigen Oper Unter den Linden. Die Besetzung ist riesig - und es tönt überraschend spätromantisch, immer wieder wehen Zitate aus der Musikgeschichte vorüber - oder werden einem in Form des leicht deformierten "Bayerischen Defiliermarsches" um die Ohren gehauen.

Mal klingt es nach Ravels La Valse, mal nach Strawinskys Sacre du Printemps - und zum Schluss geht dann das Pathos mit Widmann durch. Und mir kommt ein herrlich böser Artikel im "Van"-Magazin in den Sinn, in dem ein Kollege beklagte, dass bei Widmann "die weltweit besten Ressourcen des klassischen Konzertwesens für etwas verschwendet werden, das nicht mehr ist als 'ordentlich'". Dem ist nichts hinzuzufügen.

Sendung: Inforadio, 27.02.2019, 6:55 Uhr

Beitrag von Jens Lehmann

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2 Kommentare

  1. 2.

    Was für eine verpeilte Sichtweise. Herr Barenboim ist nicht an allem Schlimmen auf der Welt verantwortlich. Frau Argerich spielt schon seit sehr langer Zeit nichts mehr allein. War vermutlich ihre Entscheidung mit der gemeinschaftlichen, zugegebenermaßen etwas dünnen, Zugabe.

  2. 1.

    Endlich macht es mal jemand öffentlich, es war wohl kein Platz mehr unter dem Teppich. Die Staatsoper sollte in diesem Fall endlich mal ihre Unternehmerpflicht wahrnehmen und auch die psychischen Belastungen ihrer Mitarbeiter ermitteln und bewerten. Das Lagetsi hat auch eine Kontrollpflicht.

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