Ein Vorher-Nachher-Foto aus der am 21.02.19 erscheinenden App "berlinHistory" über Berliner Geschichte (Quelle: berlinHistory e.V.).
Bild: berlinHistory e.V.

Interview | Neue App "berlinHistory" - "Hier steckt unter jedem Pflasterstein ein Stück Geschichte"

Straßenkämpfe 1918, Geisterbahnhöfe, NS-Widerstand: Eine kostenlose App bündelt ab Donnerstag Berliner Geschichte. Initiator Rainer E. Klemke erzählt im Interview, wie die App die Generation Hashtag überraschen soll - und warum sie nie fertig sein wird.

rbb|24: Herr Klemke, wie sind Sie und der Verein "berlinHistory" auf die Idee zu dieser App gekommen?

Rainer E. Klemke: Wir haben 2012 eine App über die frühere Haftanstalt Rummelsburg veröffentlicht. Damit konnten wir zeigen, was da in den verschiedenen zeitlichen Ebenen passiert ist, mit QR-Codes, einem Audioguide-Rundgang, Fotos. Das ist gut angekommen und war "State of the art". Da haben wir gesagt: Jetzt machen wir so etwas für ganz Berlin. Daran sitzen wir seit gut zwei Jahren - wir freuen uns, dass wir die App jetzt ins Netz bringen können. Man muss mit der Zeit gehen, wir wollen ja auch junge Leute erreichen, die in dieser Hashtag-Kultur verfangen sind: Nur die Themen zu bekommen, die sie eingegeben haben. Wir wollen überraschen.

Was können Sie jetzt anbieten, was Sie damals nicht konnten?

Wir haben viel mehr Elemente: Biografien, Zeitzeugen-Interviews, Tonaufnahmen, historische Karten, Fotogalerien, Vergleichsbilder zwischen damals und heute. Wir haben Tools entwickelt, die die Geschichte lebendiger machen und den Zugang von vielen Seiten ermöglichen. Uns geht es vor allen Dingen darum, dass man per Zufall auf Themen stößt, von denen man gar nicht wusste, dass sie einen interessieren. Das richtet sich nicht nur an Touristen, sondern auch besonders an Berliner: Sie sollen durch einen Kiez gehen und sagen können: "Was war denn hier eigentlich? Ach guck mal, gegenüber hat Albert Einstein gewohnt, interessant!"

Für ganz Berlin stelle ich mir das ziemlich aufwändig vor. Wie sind Sie vorgegangen?

Das Erste was man macht: Man sucht sich Partner. Wir haben sowohl Themen als auch Orte identifiziert, die wir mit der App zeigen wollen. Dann haben wir unsere Partner, zum Beispiel die Stiftung Berliner Mauer oder die Gedenkstätte Deutscher Widerstand gebeten, uns Material zu geben. Etwa zu den Themen Geisterbahnhöfe, Orte der Spionage in Berlin oder Orte, an denen Willy Brandt gewirkt hat. So haben wir Themen aufgerissen, die wir jetzt fortlaufend bearbeiten - und wir präsentieren ja auch noch nicht das komplette Universum der Berliner Geschichte. Es wäre Hybris, wenn wir das sagen würden.

Wie viele Leute haben Sie, um diese Fülle von Material bearbeiten zu können?

Wir sind ein kleines Team von sieben Personen und haben um uns herum viele Praktikanten und Studierende aus den entsprechenden akademischen Fächern die daran arbeiten, außerdem drei Historiker. Jede Information muss mehrfach geprüft werden. Uns können zum Beispiel auch Heimatforscher und andere Bürgerinnen und Bürger historisches Material zuschicken. Aber wir stützen uns da im Wesentlichen auf unsere 50 Partner. Mit ihnen haben wir ein gemeinsames Content-Management-System, in das sie selber ihre Inhalte eingeben können.

Sie vertreten da einen "Open-Source-Ansatz", ähnlich Wikipedia. Wie soll das genau aussehen?

Wir wollen eine Plattform für alle  Einrichtungen und Initiativen bieten, die an dem Thema Stadtgeschichte arbeiten -  damit das alles nachhaltig präsentiert werden kann. Wissen Sie, in meinen 20 Jahren bei der Berliner Kulturverwaltung habe ich viele Millionen ausgegeben, um zu allen möglichen Anlässen immer wieder neu zu forschen. Dann wurde was präsentiert und das Thema war wieder vorbei.

Oder nehmen Sie Schulen: Da entstehen so tolle Projekte - und die landen dann trotzdem irgendwo im Orkus und keiner kann damit weiterarbeiten. Unsere Idee ist ja gerade, so etwas zu erhalten, damit andere sich darauf aufbauend weiter damit beschäftigen können. Wir wollen all die tollen Sachen dauerhaft im Netz zugänglich halten – für alle.

Wie wollen Sie die Schulen daran beteiligen?

Wir haben eine digitale Schultafel entwickelt, mit der Schüler ein Projekt machen können: Indem sie Bilder sammeln, Interviews machen, Dokumente einstellen, mit einem ganz einfachen Redaktionssystem. Das können sie dann bei der Projektvorstellung auf dem Smartphone in der Klasse präsentieren. Wenn das gut ist, sagt der Fachbereichsleiter uns Bescheid und sagt: "Guck mal, da ist was Tolles." Und dann nehmen wir das rüber in die App. 

Lehrer können darauf zugreifen wie auf ein digitales Museumsstück. Sie möchten ein bestimmtes Thema im Unterricht bearbeiten, dann sehen sie auf der berlinHistory-App, was es dazu für Orte und Geschichten in Berlin gibt. Sie können auch ihre Schüler damit auf Entdeckungsreise schicken und sagen: "Such doch mal was zu dem Thema".

Wenn ich die App starte, gibt es ein Thema, das Sie mir empfehlen würden?

In Berlin war die größte Ausstellung, die jemals in Deutschland stattgefunden hat: Die Kolonial- und Gewerbeausstellung 1896 im Treptower Park. Da wurde Kairo nachgebaut, die Altstadt von Berlin, Venedig. Die Berliner Wirtschaft, damals die bedeutendste der Welt, hat ihre neuesten Produkte gezeigt: Röntgen hat einen Apparat vorgestellt, Siemens seine Turbinen - all das stand dort im Treptower Park und mit unserer App kann man es wiederentdecken. Oder nehmen wir das Thema Gasag und die Energieversorgung: Wer unter 30 ist, weiß doch gar nicht, was ein Gasometer ist. Ich selbst habe dabei zum Beispiel gelernt, dass riesige Flächen der Stadt Gaswerke waren.

Nach dem Beginn am Donnerstag: Wie hoffen Sie, soll sich das Ganze entwickeln?

Wir haben 23 große Bereiche in Arbeit, die in den nächsten anderthalb Jahren da reinkommen. Es geht um den ganzen Organismus dieser Stadt, wie sie funktioniert, mit welchen Themen einzelne Orte aufgeladen sind. Dazu erzählen wir etwas. Der Nutzer hat den Vorteil, dass er immer wieder was Neues haben wird: Wir werden jeden Tag zusätzliche "Points of Interest" eingeben und dann die einzelnen Punkte thematisch bündeln. So kann man alle Orte in der Stadt aufrufen, die dazu passen. Diese App wird nie fertig werden. Denn bei einer Stadt wie Berlin, wo unter jedem Pflasterstein Geschichte ist, wird sie immer weiterwachsen. Das unterscheidet unser Projekt auch von anderen Apps.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sebastian Schneider, rbb|24

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Als Berliner, der sich für die Geschichte der Stadt interessiert, finde ich die Idee grandios. Nicht nur, dass man als Benutzer die vorhandenen Informationen konsumieren kann, sondern auch, dass man sein eigenes Wissen mit den anderen Benutzern und den Betreibern der App teilen kann. Nur, warum um Himmels Willen muss ich mich als App-Nutzer dazu den weltweit größten Datensammelkonzernen (Google mit Analytics und Youtube sowie Facebook mit Facebook selbst und Instagram) ausliefern? Und das, wo sich die App auch und gerade an Lehrer und Schüler richtet, die sich bei Benutzung gerade nicht frei für oder gegen eine Datenlieferung für Google und Facebook entscheiden können. Schade drum. :-(

  2. 2.

    Ein glattweg wunderbarer Ansatz und ich glaube auch, dass er seine durchschlagende Wirkung haben wird. Gerade in so einer abgehetzten Stadt wie Berlin, die Vergangenheit im glücklichsten Fall als bloßen Ausweis, im schlimmeren Fall als Abzuhakendes begreift.

    Dabei geht es nicht um rückwärts gewandte Geschichtslinien gemäß dessen, dass heutige Systematiken bloß als Folie über vergangene Zeiten gezogen werden, sondern Geschichte aus sich selbst heraus begriffen wird. Da ist dann auch viel Spontanes mit drin.

    Mündlich überlieferte Geschichte und die systematische Geschichtsaufarbeitung war noch niemal sein Widerspruch, immer nur Ergänzung.

  3. 1.

    Eine sehr gute Sache für geschichtsinteressierte Berliner und Touristen. Lehrer können sich auch für Exkursionen inspirieren lassen. In Berlin kann man so viel Geschichte erkunden, dass man es dadurch leichter hat. Danke!

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