Zauberflöte an der Berliner Staatsoper (Quelle: imago/Scherf)
Audio: rbb | 18.02.2019 | Maria Ossowski | Bild: imago/Scherf

Mozarts letztes Werk an der Staatsoper - Zauberflöte mit Spielzeugkrempel und Comic-Kram

Alle Personen und Figuren sind Marionetten und einer Playmobil-, Lego- oder Comicwelt entflohen. Die Musik? Leiert. Die Technik? Lässt es krachen. Mozarts Zauberflöte an der Berliner Staatsoper war zur Premiere eine Katastrophe, findet Maria Ossowski.

So ist das, wenn die leidenschaftliche Opernkritikerin in Vorfreude schwelgt: Ein Regisseur, den sie seit dem Bayreuther Lohengrin besonders verehrt, inszeniert mit herrlichen Sängern am bestalimentierten Haus der Hauptstadt, welches ein erfahrener, sympathischer Intendant leitet, die meistgespielte Lieblings-Oper.

Da hat sie zur Vorbereitung noch ein bisschen Fritz Wunderlich, Edita Gruberova und Kurt Moll gehört und nimmt summend und frohgestimmt hinter der zahlreichen Polit- und Kulturprominenz Platz, um so richtig einzutauchen in Mozarts letztes Werk, sein rätselhaftes Zauber-Märchen um Entführung und Prüfung, Liebe und Freimauerei. 

Playmobil lässt grüßen

Das Erwachen aus diesem Traum beginnt bereits bei der Ouvertüre. Hoppla. Das leiert. Und Stopp. Die mexikanische Dirigentin Alondra de la Parra ist eingesprungen für den kniekranken Franz Welser-Möst und Eingesprungene sollte die Kritik schonen, so ein altes Theatergesetz. Aber muss ich jeden verpatzten Einsatz entschuldigen? Arme Staatskapelle, arme Sänger - aber ok, kann passieren. Konzentrieren wir uns auf die Inszenierung. 

Alle Personen und Figuren hängen wie Marionetten an Fäden. Sie stammen aus verschiedenen Kult-Kontexten für Kinder und Jugendliche. Aus dem Oscar-prämierten Computeranimationsfilm "Toy-Story" von Pixar, aus der Playmobil- und Legowelt, Kasperletheatern und - etwas Futter für die Kunstkenner - aus dem prallen Figurenorbit der Niki de Saint Phalle. Etwas Manga-Comic ist auch dabei.

Beispiel: Die drei martialischen Damen der Königin der Nacht hängen in mehreren fetten rosa Pappbrüsten über der Bühne, unten stapfen oder schweben, stolpern oder fliegen in roten Plastikstiefeln, Playmobil lässt grüßen, Prinz Tamino und mit blonder Perücke Pamina über das Setting.

Es schweben und fliegen alle - außer Sarastro. Die neue Technik der Staatsoper lässt es krachen, da sind sämtliche digitalen Knöpfe gedrückt für hoch und runter schießende Sänger und Raketen, Phalli und Vogelkäfige – es ist ein Riesenspektakel. Deshalb ein extra Bravo bitte für alle Inspizienten, Techniker, Spielleiter und das gesamte Hinter-der-Bühne-Personal. Zwischendurch erzählen Kinderstimmen über Lautsprecher, wie es weitergeht.

Abendschau-Video vom 17.02.2019

Die Zauberflöte an der Staatsoper Berlin. (Quelle: rbb/Abendschau)
rbb/Abendschau

Schlimmster Buh-Sturm, den das Haus seit langem erlebt

Allein, die angejahrte Kritikerin mit den vielen älteren und jüngeren Zauberflöten-Inszenierungen im Koppe, hat nach zehn Minuten endgültig genug von den Bilderfluten aus Comicfilm- und Spielzeugzitaten und beginnt sich richtig doll zu langweilen. Sie ist nicht die einzige, Unruhe macht sich breit, bis immer mehr Buhrufe mittendrin zeigen: wir steuern hier auf ein riesiges Debakel zu. Eines, das im schlimmsten Buh-Sturm endet, den dieses Haus seit langem erlebt hat.

Yuval Sharon, der amerikanische Regisseur, kriegt allen Ärger ab. Es ist ja auch ein Unding, die Feuer- und Wasserprobe der Liebenden in eine billige Einbauküche zu verlegen. Was am meisten stört: Der Rhythmus zwischen Musik und Dialogen und flachgewitzten Kalauern stimmt nicht. Ja, Mozart war manierentechnisch kein Feingeist, das wissen wir, aber so - mit dem modernen Holzhammer - muss das niemand lernen. 

Geschwinde zu den Sängern: Papageno ist ein Schauspieler, ein guter, Florian Teichtmeister gibt den Vogelfänger, der allerdings nicht singt. Die Buhrufe fand ich fies, Schikaneder hat das zur Uraufführung vor 228 Jahren genauso gemacht und Papageno selbst gespielt. Anna Prohaskas Kehlkopf war entzündet, Serena Saenz Molinero aus dem Opernstudio hat sie ganz ordentlich ersetzt, mit etwas kleiner Stimme. Tuuli Takala als Königin der Nacht in Schattenspielen gefiel mir außerordentlich mit ihren schicken Power-Koloraturen. Kwangchul Yuns Sarastro bekam viele Bravos, das Publikum liebt ihn.

Vier Zauberflöten in Berlin

Und nu? Vier Zauberflöten hat Berlin jetzt, je eine an der Deutschen und der Komischen Oper, zwei an der Staatsoper. Die alte Everding-Inszenierung ist ein Selbstläufer. Die neue von Sharon war zur Premiere eine Katastrophe, muss aber keine bleiben.

Die Staatsoper sollte ordentlich feilen am Rhythmus, sie brauchen einen Dirigenten oder eine Dirigentin mit Opernerfahrung, und vielleicht kommt dann alles besser rüber. Kinder werden die Inszenierung mögen, die olle Kritikerin aber träumt weiter von einer tiefsinnigen Zauberflöte ohne Spielzeugkrempel und Comic-Kram.

Beitrag von Maria Ossowski

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

2 Kommentare

  1. 2.

    Eine Ergänzung nach all der herben Kritik. Die Aufführung am 01.03.2019 war ein voller Erfolg für das Ensemble und die Staatsoper.
    Langer Applaus und nur zwei schwache Buh-Rufer, die im Jubel untergingen.
    Kompliment an alle Künstler...

  2. 1.

    Hallo,

    ich war gestern Abend in der neuen Inszenierung der " Zauberflöte" . Es ist einfach grauenhaft, was sich die Staatsoper da hat einfallen lassen. In der Pause bin dann gegangen und ich war wohl nicht der einzige.
    So ein Mist ..! , Verzeihung, kann man nicht bringen - oder will man das Publikum verärgern.
    Bei nächsten Besuch werde ich wohl wieder auf die alte Version ( Schinkel ) zurückgreifen. Die habe ich schon mehrmals gesehen und ist hervorragend.

Das könnte Sie auch interessieren

"Girl From The Fog Machine Factory" Gessnerallee Zürich Regie, Bühne und Lichtdesign: Thom Luz. (Quelle: Sandra Then)
Sandra Then

Rückblick | Berliner Theatertreffen 2019 - Die um sich selbst kreisen

Das Theatertreffen hatte 2019 Herausragendes zu bieten - aber auch reichlich Déjà-vus, so sehr ähnelten einige der Inszenierungen früheren Arbeiten der Regisseure. Gut, dass es dank der Frauenquote für einige der Platzhirsche künftig eng werden dürfte! Von Fabian Wallmeier