Der Rapper Capital Bra (Bild: imago/Photopress Müller)
Bild: imago/Photopress Müller

Chart-Erfolg des Berliner Rappers - Darum wird Capital Bra bald größer sein als die Beatles

Er hält die deutsche Chart-Spitze besetzt wie ein Mallorca-Tourist seine Liege per Handtuch: Der Berliner Rapper Capital Bra könnte schon bald die legendären Beatles bei der Zahl der Nummer-1-Hits schlagen. Nur warum? Von Arne Lehrke

Mit Journalisten muss der Berliner Rapper Capital Bra gar nicht mehr reden. Der 24-Jährige kommuniziert mit seinen Followern - allein bei der Social-Media-Plattform Instagram folgen ihm 2,6 Millionen - über seine eigenen Kanäle, nutzt sie als Marketingtool, genauso wie als Einblick in sein Leben und gibt sich nahbar. Er ist greifbar für die größtenteils minderjährigen Fans, obwohl er mit seiner aktuellen Single "Prinzessa" seinen bereits neunten Nummer-1-Hit in den deutschen Charts feiern durfte.

Damit ist er mit der schwedischen Popgruppe ABBA gleichgezogen, die gefühlt zum musikalischen Weltkulturerbe gehört. Wiederholt er seinen Erfolg noch zweimal, zieht er in Deutschland mit den Beatles gleich. Und trotzdem weiß kaum jemand, der älter als 30 Jahre alt ist, wie man seinen Künstlernamen überhaupt ausspricht. Wie konnte das passieren?

Enormer Output und schneller Konsum

1994 wird Capital Bra - der von Ahnungslosen oft wie das englische Wort für Hauptstadt ausgesprochen wird, sich aber eigentlich trocken wie die deutsche Vermögensangabe spricht - als Vladislav Balovatsky in Sibirien geboren. Über den Umweg Ukraine landet er im Kindesalter mit seiner Mutter in den Blocks von Berlin-Hohenschönhausen.

Musikalisch beginnt seine Karriere 20 Jahre später, sozusagen als kleiner Schneeball auf den Bühnen der Live-Veranstaltungsreihe "Rap am Mittwoch". Sie nimmt langsam Fahrt auf - und ist heute eine Lawine, die Klicks, Views und Rekorde umreißt und mitschwemmt.

Neben einem enormen Output von fünf Alben und über 100 Songs in den letzten zwei bis drei Jahren ist der zweifache Vater Nutznießer veränderter Mechanismen in der Musikindustrie und dem digital-nativen Konsumverhalten der Millenials. Sie erfahren über den Künstler direkt oder über seine Künstlerfreunde, über deren Freunde oder einfach nur ihre eigenen Freunde innerhalb weniger Stunden von neuen Veröffentlichungen. Denn diese werden auf allen denkbaren Kanälen - von Youtube über Streaminganbieter wie Spotify - zeitnah ins Netz geschossen.

Streaming verändert alles

Sobald die Information auf dem mobilen Endgerät angekommen ist, wird mit zwei Klick- und Wischbewegungen in die Musik-App gewechselt und sofort konsumiert. Das dauert nicht mal wenige Sekunden. ABBA und die Beatles hingegen waren noch auf physische Verkäufe angewiesen - da mussten Fans den mühseligen Gang in den Plattenladen des Vertrauens auf sich nehmen und eine heute fast horrend hoch wirkende Summe von mehreren Mark oder Euro für eine Platte oder CD mit wenigen Songs berappen. Heute reicht ein digitales Abonnement oder ein Download.

Hans Schmucker von GfK Entertainment, die die offiziellen Charts in Deutschland ermitteln, erklärt, dass physische Verkäufe für die Chartplatzierung mittlerweile weniger relevant sind. Gekaufte Downloads spielen zwar noch eine Rolle, Streaming habe 2018 aber erstmals den größten Anteil ausgemacht - und der Trend gehe weiter in diese Richtung. Und das, obwohl in den umsatzbasierten Charts nur Premium-Abonnements und keine kostenlosen, werbebasierten Streams von Spotify bis Youtube eingerechnet werden. So oder so sind Songs heutzutage jederzeit verfügbar, können auch aus einem Album heraus in den Charts landen, ohne je als Singles ausgekoppelt zu werden. Der Hörer kann viel schneller und einfacher konsumieren.

Schnell, direkt - das liegt Capital Bra

Gleiches gilt natürlich auch für den Vertriebsweg des Künstlers: Ist ein Song gemixt und gemastert, muss er nicht mehr übers Label beim Presswerk landen und kommt Wochen später endlich im CD-Regal an. Stattdessen kann er theoretisch innerhalb weniger Stunden im Netz landen und steht bereit, genauso wie das passende Musikvideo, das notfalls per Handy gefilmt, geschnitten und auf Youtube gestellt wird. Alles geht schneller und direkter - und darin ist Capital Bra ein Genie.

Ohne technisch zu tief einsteigen zu wollen: Natürlich bemessen wiederum Algorithmen seinen Erfolg, sie schlagen den Künstler bevorzugt vor, die Veröffentlichungen von Capital Bra werden immer mehr Leuten in die Listen und Timelines gespült. Auch wenn man da immer noch nicht von einem Selbstläufer reden kann - dem umtriebigen Berliner spielt das natürlich in die Karten.

Trotz allem ein komplexer Künstler

Trotzdem: Wer all diese technischen Faktoren heranzieht, um Capital Bras Erfolg zu banalisieren, sieht nicht das große Ganze und ignoriert die Bandbreite, die er im Genre Hip-Hop abzubilden weiß. In den vielen Dutzend Songs zeigt sich der Rapper experimentierfreudig. Neben brachialem Straßenrap stehen Neo-Balladen und Popstücke mit verspielten Melodien, die schwer aus dem Kopf zu kriegen sind.

Capital Bra erzählt von der kriminellen Energie auf der Straße in den Blocks, macht Liebeslieder zwischen Hochgefühl und Leichtsinn für Jugendliche und junge Heranwachsende, genauso wie er den alkoholgetränkten Sound für die Party mit Freunden schreibt. Dabei wirft er so gekonnt mit Catchphrases um sich, als wäre er ein hochbezahlter Werbetexter in einer Agentur. Und das alles bleibt trotz massenhaft Effekten auf der Stimme vor allem eins: ungefiltert. Der kritische Erwachsene darf sich dabei gerne mal an seine Gefühlswelten erinnern, als er in dem Alter war. Denn Capital Bra macht Musik für Leute, die noch jünger sind als der 24-Jährige selbst.

Musikalische Nebenschauplätze, wie die öffentlich ausgeschlachtete Trennung von Kurzzeit-Labelchef Bushido, tragen weiter zum Mythos Capital Bra bei, dominieren die Kommentarspalten und die Schulhofgespräche. Hip-Hop und im speziellen deutscher Rap sind längst die größte Jugendkultur. Aus allen schon genannten Gründen tummeln sich diverse Sprechgesangskünstler seit Monaten in den Charts und geben sich die Top-Ten-Klinke in die Hand.

Der Berliner Capital Bra stellt unter all diesen Künstlern den gewaltigsten Auswuchs dieses Erfolges dar - und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Auch wenn es alteingesessenen und ewig gestrigen Musikliebhabern ein Dorn im Auge sein wird: Nach ABBA ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch die gigantischen Beatles - zumindest in punkto Nummer-1-Hits - dem Jogginghosen tragenden Capital Bra geschlagen geben müssen.

Beitrag von Arne Lehrke

Kommentar

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Antwort auf [Stefan] vom 15.02.2019 um 14:40
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19 Kommentare

  1. 19.

    Was für ein schwachsinniger Kommentar. Man merkt, dass Sie sich zu keiner Zeit mit dem "Künstler" (bewusste Bezeichnung) auseinandergesetzt haben und in einer Welt leben, die mit der heutigen Realität sehr wenig zu tun hat. Auch Sie sollten so langsam verstanden haben, dass Künstler wie Sie damals zu Zeiten der Beatles erfolgreich waren, heute neue Wege gehen und Musik / Kunst anders definiert wird, als vor 50 Jahren...

  2. 18.

    Was denken Sie, was bei mir im Freundeskreis oder in meinem Berufsumfeld so alles beliebt ist! Davon haben Sie so wenig gehört wie ich von diesem Herrn, der sich jetzt solcher Reklame durch den RBB erfreut.

    Das ist ja das Schöne am Zersplittern der Gesellschaft in immer mehr, immer kleinere Milieus, die miteinander kaum mehr Berührung haben und voneinander nur wenig wissen: Sie können Ihre jeweiligen Szenehelden feiern und ich brauche mich eigentlich überhaupt nicht mit der bizarren Behauptung auseinandersetzen, Knittelverse oft fragwürdigen Inhalts über einem dudelnden Klangteppich herauszurülpsen hätte etwas mit Musik zu tun.

    Suum cuique (deutsch zu sprechen verbieten mir in diesem Fall die Wächter der Political Correctness).

  3. 17.

    Capital Bra ist kein Künstler, sondern nur ein besonders geschickter Selbstvermarkter. Überhaupt gehören die Begriffe "Kunst" und "Konsum" zwei sehr unterschiedlichen Sphären an - und anders als Capital Bra musste sich Paul McCartney auf der Bühne auch nicht in den Schritt fassen.

  4. 16.

    Abba und Beatles müssen sich geschlagen geben? Unsinn. Diese Bands, wie einige andere auch, haben Alleinstellungsmerkmale, sind unverwechselbar, haben neue musikalische Wege beschritten und hinterlassen unvergleichliche Spuren. CB ganz sicherlich nicht. Ist ganz witzig, die Kids flippen derzeit drauf aus, mag ja sein. Aber es wird nichts bleiben. Was sollte das auch sein? ;-)

  5. 14.

    Witzig: Als Abba Fan hab ich 1980 die gleichen Kommentare gehört, die nun hier dem Rapper zuteil werden: "Abba? Ja ach gott, verkauften viele Platten aber in 4 Jahren kennt die keiner mehr, diesen kommerziellen Mist" Nun dem war offenbar nicht so, daher würde ich mir nicht erlauben, dies von den Rapsongs zu behaupten.
    Alles hat seine Zeit und die heutige Zeit hat ihre eigenen Spielregeln.
    P.S.: Immerhin bekommen die Abba Fans in diesem Jahr die Möglichkeit die neu angekündigten Songs zu streamen was das Zeug hält !

  6. 13.

    Danke. Ich dachte auch als erstes: wer?

    Auch wenn die Millenials austicken (warum auch immer), kennen mindestens 90% der Menschen in Deutschland, diesen Typen nicht. Das wird auch so bleiben.

  7. 12.

    Capital Bra wird niemals auch nur ansatzweise ein so großer Künstler werden,wie die Beatles oder ABBA.
    Er ist obszön und ein Prolet.Ich bin froh,das meine Kinder soviel Verstand haben,das sie sich solch eine Art der "musikalischen Unterhaltung"nicht geben.
    Ich bin sicherlich nicht weltfremd,höre viele Arten von Musik.
    Nur,was dieser Mensch und viele andere aus seiner Sparte als Musik bezeichnen,ist eine Schande für alle,die sich wirklich mit Musik usw. auseinandersetzen.

  8. 11.

    Genauso ist es. Von den Beatles und Abba wird man noch in Jahrzehnten reden und die Musik hören. Dieser Rapper wird bestimmt bald wieder
    sang und klanglos in der Versenkung verschwinden.

  9. 10.

    Über Geschmack läßt sich nicht streiten. Wenn die Verkaufszahlen über Ruhm entscheiden, wird es wohl so sein. Jede Generation hat nunmal ihre Musik, viele seiner Fans werden sich später dafür genieren ;-) Aber weltbewegend, für immer in den Herzen und Erinnerungen-da hält dieser Künstler niemals mit Größen wie den Beatles stand. Zumal es Rapper wie Sand am Meer gibt, sie ziemlich austauschbar sind und die Pilzköpfe einzigartig waren. Entspannt Euch- in 5 Jahren ist er Vergangenheit ;-)

  10. 9.

    Ich finde, dass man diese Typen boykottieren sollte, zumindest öffentlich rechtliche Sender. Es gibt in der Szene niemanden, der nicht mit irgendwelchen Clans verbandelt ist und damit mit organisierter Kriminalität. Bushido sieht gerade was er davon hat. Wenn man die Clans bekämpfen will, muss man auch diese Geldflüsse trocken legen.

  11. 8.

    Seine Musik klingt wie eine Kreuzung aus Cher, lateinamerikanischem Reggaeton und etwas Sprachgesang. Kommt er damit nicht gefühlte 15 Jahre zu spät? Für meine Ohren klingt es viel zu synthetisch und gewollt! Aber er wird sicher seine Hörer finden.

  12. 7.

    Wer ist Capital Bra ?

  13. 6.

    Ach herrje, da werden schon die Beatles mit Rapgrößen verglichen. Sie haben vollkommen recht damit wenn Sie schreiben, an die Beatles wird man sich auch zukünftig noch erinnern.

  14. 5.

    Die Songs von diesem Capital Bra haben eine ungefähre Haltbarkeitsdauer von zwei Wochen. Wegwerfware, sorry. Und für eine Nummer 1 muss man auch nicht mehr so viel verkaufen wie Beatles oder Abba. Eines ist aber sicher. Die Beatles und Abba wird man auch in Jahrzehnten noch hören. Das ist von diesem Möchtergern-Rapper nicht zu erwarten, der hat nichtmal das Charisma oder das Talent eines 2Pac, Biggie oder Eminem.

  15. 4.

    Sehr gut analysiert und leicht ironisch dargestellt! Genauso ist es im heutigen digitalen Musikgeschäft. Nebenbei: Von den lichtgeschwindigkeitschnellen Verbreitungswegen profitieren nicht nur Teenie-Jappler wie Capital Bra, sondern Musiker aller Genres, wenn sie sich dieser Vermarktungsart anschließen.

  16. 3.

    Echt jetzt liebe rbb24 Redaktion? Eine Pushmeldung für so eine "Eilnachricht"?
    Das muss nun wirklich nicht sein.
    Dann auch noch mit einer Clickbait Überschrift. Das hat mit Seriösität leider nichts zu tun.
    Bitte nur wirklich wichtiges als Pushnachricht weiterleiten. Und im Idealfall nur einmal. Nicht, wie hin und wieder mal, mehrfach innerhalb von Minuten.

  17. 2.

    Bevor hier das große Nörgeln los geht. Das ist nicht nur Musik für die kleinen Kids. Bei mir an der Uni und im dementsprechenden Freundeskreis sind Rapper wie Capi, Haftbefehl oder 187 sehr beliebt und auf deren Konzerten findet man mehr Akademiker als im Bundestag.

  18. 1.

    Wenn man die Verkaufszahlen vergleicht, mit denen man heutzutage die Chartspitze erreichen kann, ist das eher belanglos wie die Musik, die derzeit die Charts überflutet. In 50 wird sich niemand an diese "Künstler" erinnern, an die Beatles aber immer noch.

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