Daniel Barenboim während einer Pressekonferenz an der Berliner Staatsoper (Quelle: Eventpress Hoensch)
Audio: Inforadio | 22.02.2019 | Maria Ossowski | Bild: Eventpress Hoensch

Barenboim reagiert auf Anschuldigungen - "Wenn er so gelitten hätte, wäre er nicht 16 Jahre geblieben"

Mehrere Musiker unterstellen dem Dirigenten Daniel Barenboim, sich sein Orchester durch Machtspiele gefügig zu machen. Von Ausrastern und Demütigungen ist die Rede. Im Gespräch erlebt Maria Ossowski einen nachdenklichen Barenboim.

Schlechte Laune, Wutanfälle, Ausraster: Drei Musiker, die auch mit ihrem vollen Namen genannt werden wollen, erheben schwere Vorwürfe gegen Daniel Barenboim, den Generalmusikdirektor der Staatsoper unter den Linden. Keine physische Gewalt, nichts, was vor Gericht Bestand hätte, sondern vor allem Machtspiele.

Daniel Barenboim wirkt ernst und gefasst, als ich ihn mit den Beispielen konfrontiere. Ob er rauchen dürfe, fragt er, wirklich? Und zündet sich eine Zigarre an. Die zunächst zahlreichen anonymen und nun auch konkret namentlichen Vorwürfe beschäftigen den Maestro sichtlich. Ich bin erstaunt, dass er sich detailliert mit den Vorfällen beschäftigt. Er reagiert nicht nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung", womit ich gerechnet hatte. Er sei nicht besser als andere Menschen, sagt er, bloß weil er ein Musiker ist. 

"Jeder kennt sich selbst besser als er andere Leute kennt. Ich bin in Argentinien geboren, also ein bisschen lateinamerikanisches Blut ist in meinem Körper, und ich rege mich auf. Ab und zu. Und um ganz ehrlich zu sein, sagen Sie das bitte nicht weiter, ich finde das nicht falsch."

Bluhochdruck, Depressionen, Angst, Demütigungen

Zwei ehemalige Musiker der Staatskapelle berichten im Bayrischen Rundfunk, sie hätten Angst gehabt vor Demütigungen in den Proben. Nein, so Barenboim, dies sei eine Grenze, gedemütigt habe er keinen Menschen. Wie erklärt Dirigent dann, dass ein Bassposaunist oder ein Schlagzeuger seine Kritik fürchteten?

"Mein Interesse ist doch, dass er sein Bestes liefert. Ich werde ungeduldig, wenn ich glaube, er kann das liefern, und aus irgendeinem Grunde tut er es nicht. Da bin ich manchmal ungeduldig, natürlich, aber ich finde das nicht anormal."

Der Schlagzeuger Willi Hilgers berichtet von Angst, Bluthochdruck, Depressionen wegen der Zusammenarbeit mit Barenboim. Nach seinem Wechsel in ein anderes Orchester sei es ihm schlagartig besser gegangen.

"Ich erinnere mich an ihn", entgegnet Barenboim. "Er kam 1999, er hätte einen sehr schönen Klang. Was selten ist auf der Pauke. Und er konnte deswegen auch sehr, sehr empfindsame Farben machen. Aber er hatte einen sehr schwachen Rhythmus. Und die Hauptfunktion der Pauke ist eine rhythmische Funktion. Und ich habe versucht, mit ihm zu sprechen, er hat dann gesagt, ja, so und so, und ich habe gesagt, das muss stimmen. Und wenn er wirklich so gelitten hätte, was ich ihm nicht glaube, wäre er hier nicht 16 Jahre geblieben."

Alle sind sich einig: Barenboim ist ein genialer Musiker

Das ehemalige Staatskapellenmitglied, der Posaunist Martin Reinhardt erinnert sich an eine Walküre in London, wo Barenboim vor dem Publikum wütend geworden sei. Barenboim gibt zu:

"Es ist nicht eine schöne Eigenschaft, es passiert mir nicht oft, ab und zu ist es passiert. Das war das Schlimmste bei Celibidache, und ich habe mich so geärgert über ihn, als ich das beobachtet habe. Und Sie können sich vorstellen, dass ich mich doppelt aufgeregt habe, wenn das kommt, und ich kann das nicht kontrollieren. Es passiert mir selten, und es tut mir leid, nicht wegen einer bestimmten Person, sondern für das ganze Orchester, denn wenn wir auf der Bühne sind, sind wir eins. Und da hat niemand das Recht, sowas zu zeigen."

Alle Orchestermusiker sind sich in einem einig: Barenboim ist ein genialer Musiker. Das Ergebnis harter Arbeit sind grandiose Konzerte und Opernabende. Müssen wir dann die Launen eines Dirigenten ertragen um hinreißender musikalischer Momente Willen? 

"Das Ergebnis justifiziert nicht alles, und das Ergebnis kann nur so gut sein im Falle der Staatskapelle, weil wir gemeinsam das schaffen. Ich schaffe das nicht allein. Das heißt, wenn das Ergebnis so positiv ist, ist es nicht das Verdienst von einer Person, auch wenn er genial ist. Es ist das Ergebnis von einer Zusammenarbeit, das heißt: eins werden."

Zeitpunkt: Vertragsverhandlungen

Keiner der Vorwürfe gegen Barenboim ist justitiabel. Es geht um Zwischenmenschliches, um Stimmungen, um Allianzen, um Macht. Vielleicht, so Barenboim, auch um eine unkäufliche künstlerische Autorität, die manche Leute ärgert. Und er sei kein Lamm, das wisse er durchaus. Daniel Barenboim, dem das Berliner Musikleben unendlich viel zu verdanken hat, sieht in diesen Anwürfen eine Kampagne. Jeder wisse, dass der Senat und er in Vertragsverhandlungen stünden. Warum seien seine Kritiker nicht in den vergangenen 27 Jahren gekommen, fragt er. So sehr verändert habe er sich nicht. Fest steht: Die Kritik an seinem Führungsstil geht an Barenboim nicht spurlos vorüber. Ein Zeichen der Schwäche ist das nicht, ich nehme seine Haltung nicht als Rechtfertigung, sondern als Stärke wahr und als Chance, die Probleme mit dem Orchester zu lösen. 

"Ich weiß nicht, ob ich intelligent bin, aber total dumm bin ich nicht. Ein dummer Mensch würde jetzt sagen: Ich bin so, wie ich bin. Macht damit, was Ihr wollt, ich bin eben so. Wenn das Orchester oder Sie mich zu dem Punkt bringen, dass ich meine Eigenschaften, meinen Charakter verbessern kann, bin ich nur dankbar"

Sendung: Inforadio, 22.02.2019, 09.05 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 7.

    Die Besonderheit liegt darin, dass Barenboim weltweit nicht nur als herausragender Künstler, sondern eben auch als vorbildhaft agierender Humanist und Versöhner bewundert und respektiert wird, was mit dem im Raum stehenden Vorwurf einer eher laxen Haltung zur Unantastbarkeit der Menschenwürde schlicht unvereinbar ist.

  2. 6.

    Ob etwas dran ist oder nicht, jedenfalls fiel mir sofort wieder die Geschichte von Herrn Christ und dem Orchester vom Staatstheater Cottbus ein. Die hörte sich ähnlich an.

  3. 5.

    Angesichts der Geschehnisse um Dercon und Knabe frage ich mich schon, wieviel Anteil der Kultursenator Lederer am Hochkochen dieser orchestralen Yellow-Press-Attitüde hat...

  4. 4.

    Quasi verbeamt. Tingeln. Hohe Nebeneinkünfte. Da weiss ja einer offenbar so richtig Bescheid. Mich ärgert, dass in solchen Debatten immer die am lautesten krähen, die überhaupt keine Ahnung haben

  5. 3.

    Barenboims Ruf eilt ihm voraus, soviel ist mal klar. Dass andere ebenfalls regelmäßig aus dem Anzug steigen und damit hochgradig Druck erzeugen ist bekannt - es gibt einige Musiker, die auch unter namhaften Dirigenten zu leiden haben oder hatten.
    @Toni Guenkel: berichten Sie vom Hörensagen oder aus welcher Quelle stammen Ihre Erkenntnisse, an denen Sie uns hier teilhaben lassen? Dass Musiker (der Sptzenorchester) gut bezahlt werden ist kein Geheimnis. Wie wenige das aber sind im Vergleich zu denen, deren Gehalt sich durchaus mit dem eines Angestellten vergleichen lässt, das lassen Sie außer acht. Und welchen Weg sie gehen müssen, um eine solche Position wie die eines Musikers der Staatskapelle Berlin zu erreichen, das dürfte ihnen ja wohl auch klar sein. In der Tat ist es so, dass Musiker einen anderen Tagesablauf haben als andere. Dass sie nach Probenende aber zu Hause im Liegestuhl liegen und Geld zählen ist angesichts der Enge der Spielpläne Blödsinn.

  6. 2.

    Der Preis für ein hochklassiges Musizieren ist extreme Anspannung, vergleichbar mit Leistungssport auf höchstem Niveau. Diesem Anspruch, diesem Druck, den er erzeugt, standzuhalten kann auf beiden Seiten - Dirigent und Orchestermitglied - enormen Stress auslösen und das führt dann zu den beschriebenen Effekten. Ich glaube nicht, dass es sich hier um eine Besonderheit handelt.

  7. 1.

    Man muss wissen, dass die bei den großen Kulturorchestern fest angestellten Musiker sehr gut bezahlt sind, relativ wenig arbeiten müssen und nebenbei durch Tingeln und Einspielungen hohe Nebeneinkünfte erzielen. Sie sind quasi verbeamtet und kennen ihre Rechte und Ansprüche oftmals besser als ihre Pflichten - kein einfach zu führender und zu motivierender Menschenschlag.
    Das entschuldigt nicht, wenn Chefs Grenzen überschreiten. Aber sie haben es nicht leicht.

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