"Charité" - Die Geschichte des berühmten Berliner Krankenhauses wird im Ersten mit sechs neuen Folgen weitererzählt. (Quelle: ARD/Julie Vrabelova)
Audio: Radioeins | 28.01.2019 | Interview mit Ulrich Noethen | Bild: ARD/Julie Vrabelova

Interview | Schauspieler Ulrich Noethen - "Er hat seine Empathie partiell einfach ausgeschaltet"

Die zweite Staffel "Charité" beginnt im Jahr 1943: Hauptfigur ist Professor Ferdinand Sauerbruch, ein gefeierter Chirurg, mit dem sich aber auch die Nazis gern schmücken. Ein Urteil über ihn zu fällen, sei schwer, sagt Darsteller Ulrich Noethen im Interview.

rbb: Haben Sie die erste Staffel von "Charité" eigentlich gesehen?

Ulrich Noethen: Ich hatte mal kurz reingeschaut und bärtige Männer mit Nickelbrillen gesehen, die mit Reagenzgläsern operieren, in irgendwelchen Labors - und konnte mich nicht wirklich damit anfreunden. Ich bin nicht hängengeblieben.

Ulrich Noethen, ein deutscher Theater- und Filmschauspieler.
Schauspieler Ulrich Noethen | Bild: imago/Spöttel Picture

Und als Sie das Angebot bekamen, für die zweite Staffel Professor Sauerbruch zu spielen - ist es Ihnen schwergefallen?

Nein, das ist mir nicht schwergefallen. Arno Saul, der Regisseur, hat mich gefragt und gesagt: Ich möchte, dass Du spielst, und ohne Dich kann ich es nicht machen. Sowas hört man natürlich wahnsinnig gern. (lacht)

TV-Tipp

Ulrich Noethen als Prof. Ferdinand Sauerbruch in Charité
ARD/Xiomara Bender

ARD-Fernsehen - Charité - zweite Staffel

Die zweite Staffel von "Charité"
ab Dienstag, 19.02., 20:15 Uhr im Ersten.

Die Geschichte über das berühmteste Krankenhaus seiner Zeit beginnt in der zweiten Staffel im Jahr 1943. Dabei treten wieder reale und fiktive Charaktere auf. Zu den realen gehört Professor Ferdinand Sauerbruch - gespielt von Ulrich Noethen.  

Sauerbruch, ja, irgendwas klingelte da bei mir: ein Arzt. Zeitlich konnte ich den nicht einordnen. Da habe ich mir Bilder angeschaut und ein bisschen was durchgelesen und dann kamen die Zweifel - die ersten waren ganz äußerlicher Art. Ich habe gesagt: Das ist nicht euer Ernst, oder? Das können wir aber kleben, den Schnurrbart und die Frisur, oder? Konnten wir leider nicht, die Haare musste ich wachsen lassen.

Das sind die äußerlichen Nebensächlichkeiten. Dann habe ich mich mit der Person Sauerbruch beschäftigt, und dann war sehr schnell klar: Das ist ein weites Feld, das ist ein komplexer Charakter, das ist ein schwieriges Thema.

"Charité" - Die Geschichte des berühmten Berliner Krankenhauses wird im Ersten mit sechs neuen Folgen weitererzählt. (Quelle: ARD/Julie Vrabelova)
| Bild: MDR/ARD/Julie Vrabelova

Man muss sich nur mal den Wikipedia-Eintrag über Ferdinand Sauerbruch durchlesen, dann wird einem klar, dass es wahnsinnig schwer ist, da eindeutig Stellung zu beziehen und den Stab über ihn zu brechen. Er war ein Charismatiker, ein international vernetzt hoch angesehener Wissenschaftler, eine Koryphäe auf seinem Gebiet und kein einfacher Chef: Es war nicht einfach mit ihm zu arbeiten, er war ein Choleriker, hatte aber auch ein großes Herz und viel Humor. Also eine sehr komplexe Persönlichkeit.

In den Jahren 1943 bis 1945 war er Leiter der Charité, Staatsrat, ein Aushängeschild des Nazi-Regimes. Dann auch Staats-Forschungsrat, und er war eben auch mitverantwortlich für Euthanasie-Projekte - diese Sachen sind zumindest über seinen Schreibtisch gegangen.

Es gibt kein Dokument mit einer Unterschrift, keine "smoking gun". Es ist sehr schwer zu sagen: schuldig. Es ist aber auch sehr leicht zu sagen: schuldig. Es gibt so viele andere Stimmen: Mitarbeiter, Zeitzeugen, Patienten, die in dieser Zeit sehr gut über ihn gesprochen haben.

"Charité" - Die Geschichte des berühmten Berliner Krankenhauses wird im Ersten mit sechs neuen Folgen weitererzählt. (Quelle: ARD/Julie Vrabelova)
| Bild: ARD/Julie Vrabelova

Sauerbruch ist eine ambivalente Figur. Einerseits sagt er, Hitler sei geisteskrank - andererseits dient er sich selbst dem System an. War es diese Ambivalenz, der Sie an dieser Rolle interessiert und fasziniert hat?

Ich weiß nicht. Im Nachhinein muss ich sagen, bin ich sehr dankbar dafür, denn das ist für mich eine prototypische deutsche Karriere. In dieser Figur zeigt sich so viel. Ich würde mal sagen: Er hat seinem Beruf, seiner Berufung, seinem Arzt-Sein alles andere untergeordnet.

Er hat seine Empathie - so wie viele seiner Mitbürger zu der Zeit - partiell einfach ausgeschaltet. Er hat gesagt: Um diese Aufgabe, die ich habe - und von der ich überzeugt bin, dass ich sie sehr gut machen kann - gut zu erledigen, muss ich missliche Umstände - um einen Euphemismus zu verwenden - in Kauf nehmen.

Und wenn ich jetzt überlege: Was hat es mir denn heute zu sagen? Dann ist das ja immer die Frage: Wie weit bin ich bereit, irgendwas mitzumachen? Wann kommt der Punkt, an dem ich sage: Bis hierhin und nicht weiter?

"Charité" - Die Geschichte des berühmten Berliner Krankenhauses wird im Ersten mit sechs neuen Folgen weitererzählt. (Quelle: ARD/Julie Vrabelova)
| Bild: ARD/Julie Vrabelova

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Marion Brasch, Radioeins.

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