Steven Wilson bei dem Konzert im Tempodrom in Berlin, 5. Februar 2019. (Quelle: imago)
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Audio: Inforadio | 06.02.2019 | Jakob Bauer | Bild: imago

Konzertkritik | Steven Wilson im Berliner Tempodrom - Tiefe Melancholie beim lustigsten Konzert des Jahres

Steven Wilson gehört zu den umtriebigsten Künstlern der englischen Rockszene. Mit seiner Band Porcupine Tree wurde er weltbekannt, daneben betreibt er vier Seitenprojekte und hat auch solo acht Alben veröffentlicht. Am Dienstag war der Engländer im Berliner Tempodrom zu sehen. Von Jakob Bauer

Es ist erschreckend wenig los im Tempodrom. Die Halle ist vielleicht zur Hälfte gefüllt und bei einem so großen Saal ist das schon ein Problem. Als die Band auf die Bühne kommt ist der Applaus zögerlich, fast schon unhöflich leise. Keiner traut sich so recht, als erstes auszurasten. Und das merkt auch Steven Wilson – nach zwei Songs macht der aus der Not eine Tugend und nimmt sich das Publikum zur Brust. "Ihr seid nicht wirklich scharf auf den Ruf 'leisestes Publikum der Tour', oder?" tadelt er, halb neckisch, halb ernst, das schwächelnde Publikum. "Kommt Leute, zur Hölle, die Engländer sollten sich unterdrückt fühlen, nicht ihr. Ihr solltet voller Leidenschaft sein!"

Steven Wilson (mittig) und Band bei dem Konzert im Tempodrom in Berlin, 5. Februar 2019. (Quelle: imago)
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"Das ist sehr unhöflich, ich weiß"
Harte Worte, allerdings mit so viel trocken-sarkastischem Humor vorgetragen, dass man dem Briten nicht böse sein kann. Zumal alle ihr Fett wegbekommen, nicht nur das deutsche Publikum. In der gleichen Ansage erzählt Wilson die Anekdote von der Asien-Reise der Band, bei der das dortige Publikum es tatsächlich geschafft habe, vollkommen unbeirrbar synchron im falschen Takt zu klatschen. "Als lebten sie in einer anderen Dimension. How the fuck did they do this?" Die Berliner fordert er auf, es den Asiaten gleich zu tun, um seinen Drummer durcheinander zu bringen. "Das ist sehr unhöflich, ich weiß. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, das ist Mobbing. Tja, und so gehe ich mit meiner Band um." Was die scharfzüngig vorgetragenen Ansagen des Konzerts betrifft, ist es das wohl lustigste des noch jungen Jahres. Musikalisch hingegen, und das ist ein sehr hübscher Kontrast, geht’s bei Wilson häufig tief melancholisch und ernst zu. Die Songs behandeln unendliche Ermüdungszustände, Tod oder Verlust, aber auch Kritik an Musikindustrie, Politik und Gesellschaft. Die Musik dazu schweift weit durch düstere Klanglandschaften, durch die sich traurige Melodien winden, die sich nach und nach zu alles zerberstenden Gitarrengewittern erheben.

Den Prog-Rock tanzbarer machen
Aber es ist eben nicht alles traurig. Wilson ist ein Musik-Fan, der weit über den eigenen Kosmos hinausschaut. Er kommt aus der Progressive Rock-Ecke, war aber schon immer auf der Suche nach Neuem. Und wie viele Stile der 51-jährige mit seiner Band mittlerweile beherrscht, ohne jemals die eigene, tief-emotionale Handschrift verloren zu haben, das ist einfach beeindruckend. Eine kleine Auswahl dieses Abends: Jazz, Ambient, Funk , Prog-Rock, Metal, Electro, Drone, Soul, Pop und, ja, auch Disco.

Wilson will den Prog-Rock ein bisschen tanzbarer machen, das sieht man auch auf den großen Leinwänden vor und hinter der Bühne, auf denen sich Tänzerinnen in abstrakten, kunstvollen Choreografien zu den Rhythmen bewegen. Und er freut sich euphorisch über die Menschen in den Metal-Shirts, die zu den Pop- und Disconummern abgehen. Das tun sie nämlich mittlerweile. Zumindest vorne, in den ersten Reihen. Dahinter bleibt es ruhig, aber hochkonzentriert, fast ehrfürchtig. Mit gutem Recht. Denn viele der Songs sind wahre Epen, lange Stücke mit fein ausgearbeiteten, wuchtigen Rhythmus-, Lautstärke und Tempi-Wechseln. Technisch anspruchsvoll, aber, und das ist die große Stärke von Wilson, nie um der Komplexität Willen sondern immer im Dienste der Songs.

Steven Wilson (mittig) und Band bei dem Konzert im Tempodrom in Berlin, 5. Februar 2019. (Quelle: imago)
Steven Wilson (mittig) und Band bei dem Konzert im Tempodrom in Berlin, 5. Februar 2019.Bild: imago

Duett mit der Konserve
Außerdem gibt es auch einfach so viel zu sehen. Die vordere Leinwand ist transparent vor den Musikern angebracht. Auf sie projizierte Bilder wirken dreidimensional. Das funktioniert einnehmend gut, als Wilson ein Duett mit der Künstlerin Ninet Tayeb singt, die eigentlich gar nicht da ist. Die Stimme kommt vom Band, nur ihr Gesicht ist auf der Leinwand zu sehen. Viel größer als in Realität, aber zusammen mit der stimmungsvollen Lichtshow und durch die bewusste künstlerische Überspitzung gelingt dieses eigentlich zum Scheitern verurteilte Duett mit der Konserve.

Steven Wilson ist sowieso ein visueller Mensch – seine Kompositionen gleichen klingenden Kurzfilmen. Ergänzend gibt’s dann noch echte Kurzfilme auf den Leinwänden zu sehen. Die sterbenstraurige Geschichte eines alten Mannes, der sich am Ende seines Lebens nach seiner jung verstorbenen Schwester sehnt. Oder eher abstrakten Ideen, wenn die Kamera tief in das Auge einer Frau hineinzoomt, in dem sich erneut dieselbe Frau befindet, nur in anderer Umgebung und anders gekleidet. In deren Auge befindet sich wiederum dieselbe Frau und so weiter.

Mit Herz und Seele
Das Konzert ist ausschweifend, in seinem visuellen Design genauso wie in musikalischer Hinsicht. Aber auch wenn die Band sich ab und an in etwas zu langen Echoschleifen verheddert und im hemmungslosen Gitarrengewitter sogar das Schlagzeug im Lärm verloren geht: Das hat Herz und Seele. Und als Steven Wilson am Ende der Zugabe nach zweieinhalb Stunden Konzert die Stimme verliert und trotzdem noch alles gibt, um die letzten Töne mit Leidenschaft herauszukrächzen, dann haben sich Künstler und Publikum doch noch gefunden.

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Huch! Da war eine Zugabe?
    Ich fand es streckenweise viel zu laut. Lautstärke ist auch nicht alles. Vielleicht hätte man auch eine andere Lokation wählen können? Man fühlte sich dort streckenweise echt alleine gelassen, auch vom Musikkonzept her. Ich wusste oft nicht, ob die Band für das Puplikum spiel oder für sich selbst.
    So richtig ist der Funke nicht übergesprungen,fand ich.

  2. 1.

    Warum ist Text nicht als Kommentar gekennzeichnet? Musik ist Geschmackssache. Eine Konzertkritik die Meinung eines Einzelnen - nicht mehr und nicht weniger.

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