Neneh Cherry bei einem Konzert im Astra Kulturhaus in Berlin, 20. Februar 2019 (Quelle: imago)
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Audio: Inforadio | 21.02.2019 | Raffaela Jungbauer | Bild: imago stock&people Download (mp3, 4 MB)

Konzertkritik | Neneh Cherry im Astra Kulturhaus - Eine Frau mit Haltung

30 Jahre nach ihrem Solodebüt ist Neneh Cherry mit ihrem fünften Studioalbum "Broken Politics" auf Tour. Am Mittwochabend hat die schwedische Trip-Hop-Ikone das ausverkaufte Astra Kulturhaus in sich verliebt gemacht. Von Raffaela Jungbauer

Neneh Cherry ist einer dieser Stars, denen man nachsagt, unfassbar gute Liveshows darzubieten. Ihr umjubelter Auftritt auf dem letztjährigen Popkulturfestival ist vielen der eingefleischten Gäste an diesem Mittwochabend noch bestens in Erinnerung, und so sind sie alle mit großen Erwartungen gekommen. Eigen und unvergesslich soll dieser Abend werden, auf dem die inzwischen 54-jährige Wahl-Londonerin ihr aktuelles Album performen wird.

"Broken Politics" heißt die Platte. Wer Oberflächlichkeit sucht, Texte ohne Gesellschafts- und Politikkritik, der ist bei Neneh Cherry falsch. In eindrucksvollen Liedern und Videos thematisiert sie zurzeit unter anderem die Situation geflüchteter Menschen oder vertieft die Diskussion rund um Waffengesetze.

Neneh Cherry bei einem Konzert im Astra Kulturhaus in Berlin, 20. Februar 2019 (Quelle: imago)
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Massiver Andrang auf die Tickets

Der Abend im Astra Kulturhaus beginnt mit der Sängerin Charlotte Adigéry, die von ihren tanzbaren und kleinteilig produzierten Stücken gekonnt ablenkt, indem sie auf dem Kopf ein schwarzes Designer-Etwas trägt, das stark an einen Imkerhut erinnert. Ob sie Bienenallergikerin ist, lässt sich während ihres halbstündigen Auftritts nicht abschließend ermitteln, aber Spaß macht ihre Darbietung allemal.           

Während des Vorprogramms verbringen noch viele Gäste ihre Zeit mit einem Bier im Foyer des ausverkauften Astra, in das das Konzert hochverlegt worden ist, weil es einen so massiven Andrang auf die Tickets gab. Dass Neneh Cherry auch nach so vielen Jahren große Venues ausverkauft, liegt sicher unter anderem an ihrer Aura. Sie ist die absolute Verkörperung einer starken Frau mit Haltung. Sie ist eine, die sich nicht verbiegt und die dann auch noch mit einer unverkennbaren, kraftvollen Stimme gesegnet ist.

Von Harfe bis DJ’s

Um 21:06 Uhr betritt die Band die Bühne. Sofort fällt die Harfe ins Auge, auf der das zuckerzarte Intro von "Fallen Leaves" vom neuen Album erklingt. Die Band ist bereits in Stimmung - E-Bass, E-Drums, Stagepiano, Percussions und einige elektronische Spielereien, die von mehreren tanzenden DJ’s abgefahren werden. Dann erscheint La Cherry. Ganz in Weiß mit zwei streng geflochtenen Zöpfen und jeder Menge Goldschmuck.

"Wow, die Halle ist voll", schmettert sie dem Publikum entgegen, und die Menge jubelt. Schon nach dem zweiten Song hält sie inne für eine ernste Ansprache. Ein Freund sei genau vor einem Jahr gestorben. Deshalb trage sie gerade seinen Schmuck. Sie widmet ihm den Abend.

Energiegeladen bis supersanft im rosa Licht

Erster Höhepunkt ist die Single "Kong". Bei "Blank Project", dem Titelsong des Vorgängeralbums springt gerade die gesamte Band im Strobolicht auf und ab, als die Technik kurz streikt. Neneh Cherry bricht ab, lacht und sagt: "Immer bin ICH es, die was vergeigt". Die Panne ist aber sofort wieder vergessen. Die Band spielt sich in Extase, Neneh tanzt umher, wiegt die Hüften, ihre Keyboarderin wechselt zu den Percussions und trommelt wunderbar mitreißend auf ein paar Snares ein.

In dem ruhigen Stück "Synchronized Devotion" besingt sie im rosanen Lichtkegel ihr Sternzeichen Fische. Bald, am 10. März, wird die dreifache Mutter 55. Man sieht ihr die Jahre nicht an.

Berlin ist begeistert - und sie ist es von Berlin

"Wir müssen alle das Recht haben, zu sein, wer wir sein wollen", sagt sie und erhält tosenden Beifall. "Frauen müssen das Recht auf Abtreibungen haben, es ist unser Körper", führt sie fort, erhebt die Faust und stimmt die Ballade "Black Monday" an, die diese Thematik aufgreift. Die ganze Halle kommt immer mehr in Fahrt. On Stage tauscht die Band wild die Instrumente, die Harfinistin spielt Bass und Keys, alle tanzen, Neneh gibt eine kurze Twerkeinlage.

Im letzten Drittel des Abends kommen die Gäste in den Genuss alter Hits wie "7 Seconds", "Manchild" und "Buffalo Stance" bei dem Neneh zeigt, dass sie immer noch fantastisch rappen kann. Ein Medley und zwei Zugaben später hat sich das Publikum in völlige Euphorie mitgeschwungen. Unter tosenden "Wir lieben dich"-Rufen endet der Abend mit "I’ve got you under my skin". Berlin ist begeistert. Und sie ist es von Berlin. "Wenn ich nicht so viele Kinder in London hätte, würde ich hierherziehen, weil es hier so toll ist", sagt sie. Und die Gäste wünschten, sie würde es wahrmachen.

Sendung: Inforadio, 21.02.2019, 07:55 Uhr

Beitrag von Raffaela Jungbauer

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