Symbolbild: Die Band Setabuhan beim CTM-Festival 2019. (Quelle: ctm-festival.de/S. Ranadila)
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Audio: Inforadio | 04.02.2019 | Nadine Kreuzahler | Bild: ctm-festival.de/S. Ranadila

Konzertkritik | CTM-Festival für elektronische und experimentelle Musik - Im Proberaum der Nachtkreaturen

Das Berliner CTM-Festival will sein Publikum mit voller Absicht überfordern. Am Sonntag war nach zehn Tagen der Abschluss  – mit einem Konzert im Heimathafen Neukölln. Wenig abenteuerlich, dafür geheimnisvoll. Von Nadine Kreuzahler

Proberaumfeeling kommt auf, als das Curl Collective aus London am Sonntagabend die Bühne des Heimathafens Neukölln in Besitz nimmt. Die fünf Musiker sitzen und stehen im Halbkreis, ihre Augen sind auf sich oder ihre Geräte gerichtet - elektronische Mixer, analoge Synthesizer, Gitarre, Bass, Schlagzeug. Das Gefühl, bei einer Session im Proberaum dabei zu sein, entsteht dabei nicht etwa, weil sie dilettantisch spielten, sondern weil sie es versunken und unaufgeregt tun, ein Stück fließt ins andere über und es entsteht ein mitreißender Flow.

CURL sind Plattenlabel und Musikerkollektiv. Dazu gehört Mica Levi alias Micachu von Micachu and the shapes. Sie komponiert auch Filmmusik und war 2016 für ihren Soundtrack zum Hollywoodfilm "Jackie" für einen Oscar nominiert. Außerdem sind noch die MCs, Sänger und Musiker Brother May und Coby Sey dabei.

Archivbild: Pressefoto Tirzah für das CTM-Festival 2019. (Quelle: ctm-festival.de/C. Shilland)
Von Essex raus in die Welt: Die Musikerin Tirzah Mastin. | Bild: ctm-festival.de/C. Shilland

Geheimnisvoll schön und kraftvoll

Mica Levi hat auch "Devotion" coproduziert, das Debütalbum der britischen Sängerin Tirzah. Als es im vergangenen Jahr erschien, wurde Tirzah dafür von der Musikpresse sehr gefeiert. Irgendwo zwischen R’n’B und Clubmusik ist ihr Stil anzusiedeln, verstolpert und verträumt.

Live steht Tirzah in einem weiten Strickpulli und einem Vorhang aus halblangen, braunen Haaren hinter dem Mikrofon. Ihre Stimme trifft sofort ins Herz, ist aber dabei nicht glatt und schon gar nicht süßlich. Hinter Tirzah auf der Bühne sitzen Mica Levi und Coby Sey vom Curl Collective hinter einem schwarzen großen Pult und drücken geheimnisvoll Knöpfe, drehen an Reglern und zupfen Gitarre. Die Beats drehen sich ab und an in die Magengrube, dann wieder streichelt Tirzah die Chimes, also das Windglockenspiel hinter sich, und alles wirkt zerbrechlich - aber gleichzeitig kraftvoll. Geheimnisvoll schön ist ihre Musik. Ganz verträumt taucht man ab und vorschnell wieder auf, weil leider überall drum herum so viel und so laut geredet wird.

Symbolbild: Yves Tumor. (Quelle: ctm-festival.de/J. Hemingway)
Pressefotos sehen interessanter aus, wenn man sie auf einem Kopierer macht: Yves Tumor macht es vor. | Bild: ctm-festival.de/J. Hemingway

Durchschaubar und blutleer

Yves Tumor ist der letzte Künstler an diesem Abend. Es ist 23.15 Uhr, als er die Bühne entert.  Sie bleibt dunkel, der US-Amerikaner ist nur als Silhouette zu erkennen. Wie ein unheimliches Geschöpf der Nacht tanzt Tumor, der bürgerlich Sean Bowie heißt und aus dem Bundesstaat Tennessee im Süden der USA stammt, mittlerweile aber in Europa lebt, mit erhobenen Stinkefingern durch die bunten Laserlichtstreifen  auf der Bühne. Als der Beleuchter ihn doch mal mehr ins Licht setzen will, protestiert der queere Sänger: Nein, bloß nicht!

Eigentlich spielt Yves Tumor mehrere Instrumente. Aber im Heimathafen kommt alles außer seiner Stimme aus der Konserve. Das macht es leider auf Dauer etwas langweilig, auch wenn Tumor ins Publikum steigt, Zuschauer anrempelt, wie über einen Laufsteg durch die geteilte Menge läuft und lasziv mit seinen Fans tanzt. Er will eine Kunstfigur sein, geheimnisvoll und unwiderstehlich, bleibt dabei aber leider so durchschaubar wie blutleer.

Im Herzen bleiben die gelungenen Auftritte von Tirzah und dem Curl Collective und die schöne Gewissheit, dass das CTM im nächsten Jahr wiederkommt - mit seinem Anspruch, Musik jenseits des Mainstreams zu liefern – in entspannter Atmosphäre. Es lohnt sich in jedem Fall, neugierig zu bleiben.

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