Joachim Krol bei einer Lesung in Köln im Jahr 2016 (Quelle: dpa/Horst Galuschka)
Bild: dpa/Horst Galuschka

Lesung | "Der erste Mensch" - Joachim Król holt Camus in die Gegenwart

Der Schauspieler Joachim Król ist seit Anfang Januar auf Lesereise mit dem Buch "Der erste Mensch" von Albert Camus. Im Berliner Renaissance-Theater macht er die Geschichte lebendig. Von Magdalena Bienert

Joachim Król sitzt in einem hellen Jackett in der Mitte der Bühne, umrahmt vom "Orchestre du Soleil". Mit Akkordeon, Klarinette und Oud, einer arabischen Laute, schaffen die fünf Musiker und Musikerinnen beschwingte Rhythmen, die die brütende Sonne Algiers in den trüben Berliner Februarabend bringen.

Król erzählt mit vollem Körpereinsatz von Camus' Kindheit

Król erzählt von Albert Camus' Kindheit, wie er in armseligen Verhältnissen mit seiner Großmutter und Mutter aufwächst. Die beiden Frauen können weder lesen noch schreiben und Camus soll so schnell es geht sein eigenes Geld verdienen.

"Der erste Mensch", Camus' letzter, nicht vollendeter Roman, ist eine Autobiografie, die erst lange nach seinem Unfalltod veröffentlicht wurde. Joachim Król erzählt sie mit vollem Körpereinsatz und höchster Konzentration. Er schlängelt seinen Körper auf dem hohen Hocker von links nach rechts, greift kontrolliert in die Luft, zeigt, winkt und holt Camus Kindheit mit Leichtigkeit in die Gegenwart. Der neunjährige Junge ist zerrissen, einerseits sehr wissbegierig und klug, andererseits aber auch gehemmt durch die Umstände, in denen er aufwächst.

Monsieur Germain erkennt die Begabung des kleinen Albert

Als sein Lehrer, Monsieur Germain, ihm ein Stipendium anbietet, damit er es auf das Gymnasium schaffen kann, wiegelt seine Großmutter ab: "Wir sind zu arm". Erst als Germain persönlich den beiden Camus-Frauen einen Besuch abstattet, willigen sie in die Bildungschance ein.

Albert Camus, der sich im Buch Jaques nennt, besteht seine Prüfung und schafft es später auf das Lycée. Ohne seinen Lehrer wäre Camus wohl nie ein berühmter Schriftsteller geworden. Als er 1957 den Literaturnobelpreis erhält, schreibt er seinem ehemaligen Mentor einen demütigen Brief und bedankt sich rührend für dessen Unterstützung.

Viel Pathos zwischen Hoffnung und Nachdenklichkeit

Das Orchestre du Soleil schrammt mit seiner musikalischen Untermalung oftmals scharf am Pathos vorbei. Die zwei Mal 60 Minuten Lesung fordern nicht nur Joachim Król, sondern auch dem Publikum höchste Konzentration ab. Am Ende gibt es vom vollen Haus Standing Ovations.

Im Foyer des Renaissance-Theaters klärt eine Kampagne über Analphabetismus auf: 7,5 Millionen Deutsche können nicht richtig lesen oder schreiben. Ein Gedanke, der nach diesem Abend hängen bleibt: Viele Kinder treffen keinen Monsieur Germain, der an ihre Fähigkeiten glaubt - unzählige verpasste Chancen auf mehr Nobelpreisträgerinnen und -träger.

Sendung: Inforadio, 06.02.2019, 7:55 Uhr

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