Herbert Grönemeyer bei einem Konzert in der Kieler Sparkassen-Arena (Quelle: Benjamin Hüllenkremer / xim.gs )
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Audio: Inforadio | 08.03.2019 | David Krause | Bild: xim.gs / Benjamin Hüllenkremer

Konzertkritik | Herbert Grönemeyer in Berlin - Der lustige Onkel wird manchen zu politisch

Herbert Grönemeyer ist bekannt für identitätsstiftende Stadion-Hymnen und anrührende, persönliche Texte. Auf seinem neuen Album "Tumult" wird der Großbarde plötzlich politisch. Bei seinem Konzert in der Mercedes-Benz Arena gefiel das nicht jedem. Von David Krause  

Die Halle verdunkelt sich, nur wenige Plätze sind frei geblieben. In der ersten Reihe blinken bunte Luftballons, geschwenkt von den Fans, die da schon seit zwei Stunden auf ihn warten. Herbert Grönemeyer betritt die Bühne, hinter ihm auf der Leinwand steht in grellen, runden Buchstaben: "Tumult", der Titel seines neuen Albums.

Grönemeyer trägt einen schwarzen Anzug mit schwarzem Shirt drunter und weiße Sneaker - Er könnte Berufsjugendlicher in den Medien sein. Ähnlich aufgekratzt wirkt er an diesem Abend jedenfalls. Immer wieder rennt er nach vorn auf die Bühne, die weit in den Zuschauerraum ragt. Seine Gesten sind einladend. Die Arme weit ausgebreitet, zeigt er auf die verschiedenen Sektionen der Arena, dann flitzt er schon wieder nach hinten zu seiner Band.

"Das, was im Mittelmeer passiert, ist eine Schande"

Man merkt sofort: Grönemeyer ist ein fester Teil der deutschen musikalischen Identität. Neue und alte Songs mischen sich, das Publikum singt, grölt mit – ausgelassen, wie bei einem Familienfest. Herbert ist der lustige Onkel, auf den sich alle freuen und einigen können. Es wird viel geklatscht. Nicht immer im Takt, aber immerhin.

Auch hier in Berlin nutzt der 62-Jährige seine Chance der großen Bühne, um politisch zu werden. Er betont zwar in Interviews immer, er wolle nicht diktieren, sondern verpackt seine Haltung in Entertainment. "Das, was im Mittelmeer passiert, ist eine Schande", sagt er auf der Bühne. Der ganz große Applaus bleibt allerdings aus. Es ist ein weißes Konzert.

"Einigen im Publikum ist das zu viel"

Viele Grönemeyer-Fans wollen ihn, wie er ist. Aber zu politisch darf es bitte nicht werden. Eine Besucherin sagt: "Ich finde seine Einstellung gut, er vertritt meine Werte. Ich habe aber gemerkt, dass das einigen im Publikum zu viel ist." Familienfest eben. Politik und Religion bleiben dabei draußen. Mutig also, dass Grönemeyer, der sein Publikum gut kennt, trotzdem den Kosmopoliten gibt.

"Keinen Millimeter nach rechts": Diese Textzeile seines Songs "Fall der Fälle" wiederholt er immer wieder. Herbert Grönemeyer zeigt mit dieser Tour, warum er einer der wichtigsten deutschen Künstler ist. Nicht nur musikalisch, sondern menschlich - indem er sein Publikum berührt, erreicht und im besten Falle zum Nachdenken bewegt.

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34 Kommentare

  1. 34.

    "Kein Standpunkt, nur kopierte Sprechblasen und, was bei solchen Menschen wie Sie symptomatisch ist, fallen Sie bei Gegenwind um. ". Aufschlussreich, Ihr Verständnis von einer Diskussion. Danke für diese grandios schlichten Pauschalvorwürfe! Ich bin also nur ernstzunehmen, wenn ich - egal was mein Gegenüber sagt - auf meinem Standpunkt beharre und Kontra gebe und außerdem bin ich verpflichtet, mich hier politisch zu positionieren, weil Sie das halt an der Debatte interessiert. Dass es gar nicht darum ging ist Ihnen wurscht, Sie wollen das halt jetzt auf Ihr Sandkastenniveau runterziehen. Wenn Sie nochmal aufmerksam lesen, werden Sie vielleicht verstehen können, dass Toleranz nicht gutheißen bedeutet - aber das muss es ja auch nicht. Sprich: "Frei.Wild", Naidoo und Co. sind nicht mein Ding, aber ich bezeichne deshalb ihre Hörer nicht als Vollidioten, gehirngewaschen oder rechte Marionetten. Aber möglicherweise ist bei Ihnen auch der Name Programm. Angenehmen Tag.

  2. 33.

    Zu Mittelmeerkatastrophe:
    Der Herbert soll doch besser seine Texte singen als sich politisch als Gutmensch zu zeigen. Es gibt nur im globalen miteinander eine Lösung. Jedoch der Herbert hat keine und macht auch keine realistischen Vorschläge, sondern verkriecht sich in dem selbst gewähltem Brexit-Land!!
    Prima!!!

  3. 32.

    Sie sind der Richtige! Kein Standpunkt, nur kopierte Sprechblasen und, was bei solchen Menschen wie Sie symptomatisch ist, fallen Sie bei Gegenwind um. "Ich habe mit keinem Wort gesagt, dass ich "Frei.Wild", Naidoo und Co. nicht tolerieren würde." - obwohl Sie Aussagen von dieser Band aus dem Jahre 2009 kopieren?
    Wie ist nun Ihr politischer Standpunkt? Ja, Nein, Gummibaum? Die Fahne in den Wind?
    Und Grönemeyer? Fordert, wie die tote Hose Campino, dass Alle(!)ihre ECHOs zurück geben sollten - haben sie es getan?

  4. 31.

    Hat Grönemeyer schon in Worms zum Konzert Kampf gegen Rechts zugesagt?

  5. 30.

    Zitat: "Der ganz große Applaus bleibt allerdings aus. Es ist ein weißes Konzert."

    Der Herbert singt halt seit fast 40 Jahren für eine "weiße" Zielgruppe. Und er muss realisieren, dass auch durch diese der tiefe Spalt in der Gesellschaft geht.
    Da gibts halt welche, die hören noch seine alten Platten, wollen sich aber auf einem Konzert nicht politisch belehren lassen und bleiben diesem nun fern und jene die trotz allem noch hingehen aber ihm den Applaus für seine politischen Plattitüden nicht geben wollen.
    Ja und dann gibts noch die anderen, die ihn dafür anhimmeln.

    Selbst durch ein paar eingestreute türkischsprachigen Textzeilen wird sich die Halle nicht mit "Nichtweißen" füllen lassen und ob die dann beim Gesagten stärker applaudieren würden, ist auch nicht sicher.

  6. 29.

    "Der ganz große Applaus bleibt allerdings aus. Es ist ein weißes Konzert."
    Herrje,was für ein Satz. Tiefgreifende Analyse in 5 Wörtern.

    Der Herbert schwimmt einfach mit dem Strom. Das ist nicht schwierig und er weiß es auch,bringt aber ein gutes Gewissen. Oder hat er auch schon mal die Bundesregierung für ihre Politik kritisiert?

  7. 28.

    Was ändert das am Vorwurf, der zum Eklat bei der Echoverleihung 2013 führte? Sind die "heimattreuen Texte", die zum Ausschluss führten plötzlich nicht mehr "Nazi"? Vorwürfe wie sie vom selben Klientel 20 Jahre vorher übrigens Rammstein gegenüber auch schon einmal gemacht wurden, die dann mit "mein Herz schlägt links" konterten. ;-)

    Das wirklich skurile an der Geschichte war, dass einer der Empörten des Echoboykotts 2013, die Gruppe MIA sich einige Jahre selbst zuvor schon dem Vorwurf durch noch linkere Protagonisten ausgesetzt sah, zu völkische Txte zu singen.

  8. 27.

    Ich habe mit keinem Wort gesagt, dass ich "Frei.Wild", Naidoo und Co. nicht tolerieren würde. Soll jeder hören was er will, ich muss es ja nicht - gilt ja auch umgekehrt.

  9. 25.

    Und apropos Ihre Lieblinge von "Frei.Wild": Folgendes Statement von ihnen - auch erzwungen?
    "Es gibt Menschen, die wir heute mehr und stolzer als unsere Fans und großartige Menschen bezeichnen: Es sind diejenigen die sich für Menschlichkeit und Zivilcourage einsetzen, Menschen, die unsere Gedanken teilen und die sich Tag für Tag für Nächstenliebe und Mitgefühl einsetzen und sich verdammt noch mal vehement und entschlossen gegen die Brandstifter und Fremdenhasser stellen. […] Sie tun das, weil sie es für richtig halten und es absolut notwendig ist, diesen gescheiterten Existenzen aufzuzeigen, dass ihr Hass und ihre Aktionen nicht tolerierbar und auf ewig inakzeptabel sind, egal ob in Italien, Österreich, Deutschland, eben in ganz Europa. Es ist Wurscht, wie sich solche Idioten oder Gruppierungen nennen, ganz egal ob „Pegida“, „AfD“, „Keine Asylanten in …“ usw: IHR SEID SCHEISSE UND DIESE SCHEISSE WERDEN WIR NICHT ZULASSEN! NICHT BEI UNS UND NICHT MIT DIESER BAND!!!“

  10. 24.

    Woher wollen Sie denn wissen, dass hier irgendwer zu irgendwas "gezwungen" wurde? Wie kommen Sie auf Ihren vollkommen hanebüchenen Vergleich mit "Staatskünstlern"? Wie genau verfolgen Sie denn alles, was ein Künstler öffentlich sagt, um beurteilen zu können, dass absolut alles "im Sinne des politischen Mainstream" ist? Kann es vielleicht einfach sein, dass diese Künstler keinen Bock auf intolerante und nationalistische Leute haben und sich aus freien Stücken klar davon abgrenzen?

  11. 23.

    Welcher Mut gehört denn dazu, sich permanent im Sinne des politischen Mainstream zu äußern? Soetwas zeichnet sogenannte Staatskünstler aus. Was mit Künstlern passiert, die sich dem verweigern, konnte gerade am Beispiel Helene Fischer recht gut belegt werden, die geradezu gezwungen wurde, sich endlich zu "bekennen". Wer gar noch eine andere, konträre Meinung wagt zu äußern, wird verteufelt oder gebannt. Beispiele gefällig? Xavier Naidoo, der Dank Herkunft und Hautfarbe noch einen gewissen Bonus hat, der ihn vor der totalen Verbannung schützt. FreiWild, die wegen zu heimattreuer Texte durch den links-medialen Komplex von Plattenverkaufs-Auszeichnungen "entfernt" werden sollten. Aktuell: Andreas Gabalier, der auch den Mund in die "falsche Richung" zu weit aufmachte und dem man gleich noch die Darstellung eines Hakenkreuzes auf seinem Albumcover andichtete.

    Grönemeyer - ein Relikt aus den 80/90er Jahren - ist zur Karrikatur des Bestmenschentums verkommen. Ich war mal sein Fan.

  12. 22.

    Es geht mir nicht darum, dass meine Meinung hier richtig ist, Kunst ist Geschmacksache. Ich stimme ja auch nicht in ALLEN Punkten mit Herrn Grönemeyer überein. Ich diskreditiere aber nicht einfach pauschal einen Künstler als unselbständige Mainstream-Marionette wenn mir sein politischer Standpunkt nicht passt. Kunst war immer politisch und jeder Künstler hat das Recht, sich eigenständig und ungefragt zu allem möglichen zu äußern. Viele Fans sehen das offenbar auch gerne so und interessieren sich dafür, wie ihr Lieblingsmusiker, -schauspieler, was auch immer, über gesellschaftliche Entwicklungen denkt. Das dann einfach abzubügeln mit Statements à la "Der soll die Klappe halten, der hat sich nicht so zu äußern, weil mir seine Meinung nicht passt" ist schlichtweg intolerant. War auch gut bei Helene Fischer zu sehen: Als sie sich mit #wirsindmehr solidarisierte, waren die Fans aus der AfD-Ecke plötzlich ganz schnell dabei, sie um jeden Preis schlechtzumachen.

  13. 20.

    "Ungefragt Propaganda im Sinne des politischen Mainstreams von sich geben": Was für eine aufschlussreiche Arroganz gegenüber anderen Meinungen. Klar, sagen die was, was nicht meiner politischen Meinung entspricht, sind die alle fremdgesteuert und verblendet.

    Wissen Sie, das Schöne ist ja, dass Künstler sagen können, was ihnen passt und zwar zu jeder Zeit, sie müssen nicht um Erlaubnis bitten und sind auch nicht dazu da, Sie auf Knopfdruck zu unterhalten und ansonsten schön die Klappe zu halten. Millionen hören ihnen zu und interessieren sich dafür, was diese Künstler denken.

    Und mit Ihrer Engstirnigkeit und Intoleranz wollen diese Künstler nichts zu tun haben & distanzieren sich davon. Deswegen sind Sie herzlich eingeladen ihre Musik nicht zu hören und ihre Konzerte nicht zu besuchen. Es tun genug andere. Niemand wird Sie hier vermissen.

  14. 17.

    Wer zu einem Konzert von Grönemeyer geht,möchte vor allem seine Musik hören....und nicht seine politischen Ansichten. Die kann er gerne bei geeigneten Anlässen äußern.
    Das auch er politisch korrekt sein will,war zu erwarten.

  15. 16.

    Wenn Sie das Album Mensch mit über 3 Mio. verkaufter Scheiben und 21 Mal Gold, mit nichts mehr gerissen bezeichnen, haben Sie entweder ein gehobenes Anspruchsdenken oder schlicht keine Ahnung.

  16. 15.

    Wer zu einem Grönemeyer Konzert geht, weiß über den politischen Standpunkt des Künstlers. Wer damit nicht klarkommt sollte weiter die Augen schließen und zu Hause bleiben.
    Und sein Engagement geht tiefer als sich nur während seiner Auftritte zu positionieren. Genau diese Oberflächlichkeit mancher Kommentare sind so typisch für den deutschen Bürger, welcher überall mitreden will.
    Und der RBB Berichterstatter sollte einmal ein Statement zu dem „ weißen „ Konzert abgeben.

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