Symbolbild - Messkelch in einer katholischen Messe (Foto: imago/Leemage)
Audio: Kulturradio, 17.03.2019 | Michael Hollenbach | Bild: Symbolbild von imago/Leemage

Alt-Katholiken als Alternative zum Vatikan? - Wo katholische Priester heiraten dürfen

Priesterinnen, Segen für homosexuelle Paare, erneute Heirat für Geschiedene: Die alt-katholische Kirche gilt als eine Art moderne Variante des Katholizismus. Angesichts von Skandalen in der Schwesterkirche könnte sie mancher als Alternative sehen. Von Michael Hollenbach

Eine Messe in der alt-katholischen Gemeinde in Wilmersdorf. Früher war hier ein Friseursalon drin, heute die Hauskirche der Berliner Alt-Katholiken. "Für einige ist das auch wie ein Wohnzimmer", sagt der alt-katholische Priester Ulf-Martin Schmidt über die Altbauwohnung. "Sie hören ja hier das Knarzen des Parketts."

Von den bundesweit 40 alt-katholischen Pfarrstellen ist die Berliner Gemeinde mit ihren 1.300 Mitgliedern die größte: Sie erstreckt sich allerdings auch von Berlin über Brandenburg bis hin nach Rostock.

Pfarrer Ulf-Martin Schmidt kann auf eine lange Familientradition zurückblicken: "Mein Vater ist Pfarrer, mein Großvater war Pfarrer, mein Urgroßvater war Bischof, mein Ur-Urgroßvater Gründer der Gemeinde hier in Berlin." Seine Familie sei eine der Gründungsfamilien "unserer Kirche", so Schmidt. Sie hätten "im Widerstand gegen die Unfehlbarkeit des Papstes und der universellen Führergewalt des Papsts" gestanden.

Widerstand gegen Unfehlbarkeit des Papstes

Das war 1871. Den Beginn der neuen Glaubensbewegung der Alt-Katholiken markierte das erste Vatikanische Konzil ein Jahr davor. 1870 beschloss das Konzil die Unfehlbarkeit des Papstes bei endgültigen Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehren; und es beschloss den Primat der päpstlichen Rechtsprechung. In Fragen des Glaubens, der Sitten, der Disziplin und der Kirchenleitung besitzt der Papst seitdem die alleinige Autorität.

Walter Jungbauer, Priester und Sprecher der alt-katholischen Kirche in Deutschland erklärt: "Dadurch kam es dazu, dass eine alt-katholische Kirche entstanden ist." Denn gegen diese beiden Dogmen habe es Widerstände gegeben. "Die Mütter und Väter dieser Widerstandbewegung haben gesagt, dass das nicht mit Schrift und Tradition zu vereinbaren ist. Und: 'Wir bleiben beim alten katholischen Glauben.' So ist auch der Name alt-katholisch entstanden."

Kirchliche Heirat für Geschiedene

Zu den Unterschieden zur römisch-katholischen Kirche zählt der Zölibat. "Unsere Geistlichen dürfen auch unverheiratet bleiben", sagt Jungbauer und lacht. "Wir dürfen heiraten, aber wir dürfen auch unverheiratet bleiben, wir dürfen schwul sein oder auch lesbisch sein, bei uns ist das einfach möglich."

Im Gegensatz zur römisch-katholischen Kirche können homosexuelle Paare gesegnet werden; demnächst soll auch eine Trauung möglich werden. Geschiedene, die wieder geheiratet haben, dürfen zur Eucharistiefeier gehen – ja sie dürfen sogar ein zweites Mal kirchlich heiraten.

Frauen als Priesterinnen

Und Frauen können zu Priesterinnen geweiht werden. So wie Sabine Clasani. Sie ist alt-katholische Priesterin in der Schlosskirche in Mannheim. Die 46-Jährige amüsiert sich manchmal über Touristen, die unversehens in ihre Messfeier kommen: "Sie machen die Tür auf, und wenn ich am Altar stehe im Messgewand, sehe ich dann die erstaunten Blicke, weil ich merke, dass sie nicht kapieren, was da abläuft. Sie merken: Evangelisch ist es nicht, aber eine Frau am Altar? Da muss ich immer schmunzeln."

Man könnte die Alt-Katholiken, die sich über die Kirchensteuer finanzieren, vielleicht auch als "Weihrauch-Protestanten" bezeichnen. "Wir sind so ein bisschen ein Zwischending zwischen den beiden großen Kirchen", sagt Sabine Clasani. "Wir teilen sehr viel Theologisches mit der römisch-katholischen Kirche, unsere Ämter, unsere Sakramentenlehre, wir haben Taufe, Erst-Kommunion, Firmung." Von der Struktur her sei die Kirche aber eher evangelisch: "Das heißt, vor allem viel Synodalität, Mitspracherechte der Gemeinde, wir sind demokratischer, unsere Pfarrer müssen gewählt werden von der Gemeinde." Der Berliner Ulf-Martin Schmidt betont: "Unser Profil ist klar liberal und klar katholisch."

Austritte wegen katholischer Skandale

Die alt-katholische Kirche hat rund 16.000 Mitglieder in Deutschland – mit einem leichten Zuwachs. Früher habe man von den Skandalen der großen Schwesterkirche profitiert, meint Ulf-Martin Schmidt: "Bis Ende des Pontifikates von Papst Johannes Paul II. war das so. Da konnte man eigentlich ausrechnen, wenn da irgendwie ein Skandal war, gab es am nächsten Tagen ganz viele Beitritte."

Doch das sei heute nicht mehr so, erläutert Bischof Matthias Ring. "Die Enttäuschung auf die Kirche als Institution ist so groß, dass nicht mehr unterschieden wird. Es gibt eine ökumenische Haftungsgemeinschaft. Und wir merken, dass die Zahl der Beitritte in den Zeiten, in denen es in der römisch-katholischen Kirche krisenhaft ist, zurückgeht."

Auch in Berlin hätten sich nach dem letzten Skandal um sexualisierte Gewalt in der römisch-katholischen Kirche drei Mitglieder seiner Gemeinde abgemeldet, berichtet Ulf-Martin Schmidt. Deren Begründung: "Sie können nicht mehr in einer Kirche sein, weil für sie Kirche jetzt gestorben ist. Obwohl sie wissen, dass diese konkrete Kirche damit nichts zu tun hat, kommt das ganze alte Thema wieder hoch."

Beitrag von Michael Hollenbach

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1 Kommentar

  1. 1.

    Obwohl ich mir geschworen habe als Schwuler Mensch, nie wieder einer Kirche beizutreten, hat mich dieser Artikel doch sehr überrascht. Ich wußte nicht einmal etwas darüber. Da ich katholisch aufwuchs und mir viele Werte dieser Kirche schon noch etwas bedeuten, wie etwa Nächstenliebe, kann ich mir gerade jetzt im meinem Alter gut vorstellen dieser Gemeinde mal einen Besuch abzustatten. Schöner Artikel. Danke an die rbb24 Redaktion.

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