Fontane-Denkmal in Neuruppin (Quelle: dpa/akg-images)
Video: Brandenburg aktuell | 30.03.2019 | Julia Baumgärtel, Friedrich Herkt | Bild: dpa/akg-images

Ausstellung | "fontane.200" in Neuruppin - Fontanes "Zärtlichkeitsallüren" und "Generalkladderadatsch"

Wie ein roter Faden ziehen sich Hunderte Wortschöpfungen Theodor Fontanes durch die Leitausstellung "fontane.200". Am Samstag wird die Schau im Neuruppiner Museum eröffnet. Ausgestellt werden auch seine Notizbücher, die eine Wissenschaft für sich sind. Von Wolfgang Heidelk

Leicht angestaubt seien seine Romane, durchsetzt mit altbackenen Stellen, "die unsere Zähne nicht mehr recht beißen wollen". So urteilte 1919 im Jahr des 100. Fontane-Geburtstags Kurt Tucholsky über den "märkischen Goethe". Die neue Ausstellung in Neuruppin will den Gegenbeweis antreten und Theodor Fontane (1819-1898) ins 21. Jahrhundert holen: Wir lernen den Schriftsteller und Dichter als "Wortsampler", "Schreibdenker" und "Textprogrammierer" kennen. Monatelang war das Neuruppiner Museum geschlossen für die Gestaltung dieser neuen Schau. Drei große Kapitel führen hinein in die Schreibwerkstatt Fontanes. Einblicke gibt zum Beispiel das Manuskript seines berühmten Romans "Der Stechlin".

Ausstellungsstück: Notizbuch mit Fontanes Schrift. (Quelle: StaBi Berlin)
Wenn der Platz in den Notizbüchern nicht mehr reichte, drehte Fontane die Blätter im Kreis. | Bild: StaBi Berlin

Behutsamer Umgang mit Notizbüchern

Die 67 noch erhaltenen Notizbücher Fontanes sind erst kurz vor Ausstellungsbeginn aus Berlin eingetroffen. In Neuruppin werden die Notizbücher, die von den Restauratoren in Vitrinen platziert wurden, erstmals fast vollständig gezeigt. Während der Schau werden sie sieben Mal umgeblättert, um die Seiten vor zu viel Licht zu schützen. Zwar sei seine Handschrift nur für Spezialisten zu entziffern, aber das Anschauen lohne dennoch, meint Kuratorin Heike Gfrereis. Denn Fontane habe die Schauplätze seiner Romane in kleinen Zeichnungen festgehalten.  Außerdem drehte er die Blätter beim Schreiben bisweilen im Kreis, wenn der Platz nicht reichte. Fontane drehen und wenden und damit Denkanstöße geben, das ist Anliegen der Kuratorin Heike Gfrereis für die Leitausstellung im Fontane-Jahr.

Ein ganzer Raum für "Effi Briest"

Ein ganzer Raum ist einer Installation zum wohl bekanntesten Roman Fontanes - "Effi Briest" - gewidmet. Verschiedene Boxen symbolisieren die Figuren im Umfeld der Titelheldin - von Effi Briest, der Mutter, Geert von Innstetten bis hin zum Hund. Der Besucher kann den Beziehungen der einzelnen Charaktere zu der Romanfigur nachspüren. Dazu sind die Boxen jeweils untereinander mit Textbändern verbunden, die mit charakteristische Sätzen der Figuren bedruckt sind. So steht zwischen den Boxen von Effi Briest und ihrer Mutter beispielsweise der Dialog: "'Warum machst Du keine Dame aus mir?' 'Möchtest Du denn?' 'Nein.'"

Mit Heike Gfrereis haben die Organisatoren eine der deutschlandweit renommiertesten Kuratorinnen auf diesem Gebiet gewonnen. Sie ist Leiterin der Literaturarchive in Marbach und immer auf der Suche nach neuen Formen für solche Ausstellungen.  In der Neuruppiner Schau ist diese Suche geglückt, davon ist die Museumsleiterin Maja Peers-Oeljeschlägel überzeugt. Denn wer sich einlässt auf diese ungewöhnliche Reise in Fontanes Schaffen, kann viel entdecken und auch selbst kreativ werden. Dazu gehören vor allem die Wortneuschöpfungen Fontanes wie "Zärtlichkeitsallüren" oder "Generalkladderadatsch" . Insgesamt sind 200 sogenannte gelbe Wabenpappen mit Fontanes Kreationen in der Ausstellung zu finden. Aber auch in Neuruppin werden Fontanes Wortschätze zu finden sein. Besucher können auch eigene Ausdrücke in einer Drucker-Werkstatt erstellen und beispielsweise als Stempel mit nach Hause nehmen.

Poesiealbum mit Text von Fontane

Maja Peers freut sich noch über einen anderen Glücksfall: Kürzlich konnte der Förderverein des Museums aus Privatbesitz ein Freundschaftsbuch mit einem von Theodor Fontane selbst verfassten Text erwerben. Es gehörte einem Mitschüler aus Fontanes Neuruppiner Zeit. Dieses Poesiealbum wird nun in der Ausstellung zu sehen sein.

Auch neckische Gegenstände aus Fontanes Besitz werden ausgestellt, wie zum Beispiel ein Fangeballspiel, mit dem der Autor in Schreibpausen Entspannung suchte. Es ist aus Holz und ähnelt jenen Spielen, die es heute aus Kunststoff gibt, mit Feder und Tischtennisball.

Durchaus spielerisch können sich auch Schülerinnen und Schüler aus ganz Brandenburg in der Ausstellung mit Fontane beschäftigen. So heißt beispielsweise ein Angebot im Begleitprogramm "Dem Wort auf der Spur", in dem junge Leute in einer Stadtrallye durch Neuruppin Fontane-Orte besuchen. In einem "Escape Room" beantworten sie Fragen zu Leben und Werk des Autors. Außerdem können junge Leute im Sommer in zwei Workshops unter dem Motto "word and play" Computerspiele zum Thema Fontane kreieren.

Dauer der Ausstellung mit Hintergedanken

Neun Monate lang, bis zum 200. Geburtstag Fontanes am 30. Dezember, wird die Ausstellung gezeigt. Die Idee, gerade diesen Zeitraum auszuwählen, habe er gehabt, sagt mit einem Augenzwinkern Neuruppins Fontane-Botschafter und Cheforganisator, Mario Zetzsche. Denn am 27. März 1819 seien die Eltern Theodor Fontanes nach Neuruppin gezogen. Dort hatte Vater Louis Henri Fontane gerade die Löwen-Apotheke erworben. Ziemlich genau neun Monate später, an eben jenem 30. Dezember, wurde Sohn Theodor geboren.

Für die kommenden Monate sind in Neuruppin 200 Veranstaltungen zum runden Geburtstag geplant. Welche einen Besuch besonders lohnen? Cheforganisator Mario Zetzsche mag sich nicht festlegen. Ein absoluter Höhepunkt werden auf jeden Fall die Fontane-Festspiele ab 30. Mai. Fontane selbst wird überlebensgroß dabei sein, inmitten zahlreicher Verehrerinnen.

Umfangreiches Programm zum Fontane-Jahr

Während des Fontane-Jahres, das vom 30. März bis zu seinem direkten Geburtstag am 30. Dezember läuft, sind landesweit 150 Veranstaltungen geplant: weitere Ausstellungen, Lesungen, Konzerte und Konferenzen. Mehr Infos unter: fontane-200.de/programm

  • fontane.200/Brandenburg - Bilder und Geschichten

  • Fontane-Festspiele

  • Kongress "Fontanes Medien (1819-2019)"

  • Theodor-Fontane-Archiv in Potsdam

  • Apothekenmuseum in Cottbus

  • Deutsche Oper Berlin

  • Stadtführungen in Berlin

  • Theodor Fontane und Karl May

  • Theaterstück "Souvenir 1879"

Beitrag von Wolfgang Heidelk

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