Der Menschenfeind von Molière am Deutschen Theater in Berlin März 2019. (Bild: Arno Declair/Deutsches Theater)
Audio: Inforadio | 30.03.2019 | Magdalena Bienert | Bild: Arno Declair/Deutsches Theater

Theaterkritik | Molière-Premiere im Deutschen Theater - Donnernder Applaus für den Menschenfeind

Enttäuschte Liebe, Machtgebaren und Maskeraden – trotz seiner 350 Jahre ist das Stück "Der Menschenfeind" von Molière kein bisschen altmodisch. Am Freitag feierte es im Deutschen Theater Premiere. Mit illustrem Publikum. Von Magdalena Bienert

Was macht Angela Merkel eigentlich an einem Freitagabend in Berlin? Sie geht ins Theater. Siebte Reihe, keine Bodyguards. Berlins Bürgermeister Michael Müller sitzt weiter hinten. Das Deutsche Theater ist ausverkauft, es liegt Spannung im Saal.

Schmale Handlung, große Worte

Die Handlung ist eigentlich schnell erzählt: Alceste, ein ergrauter Adliger, liebt die kokette Célimène. Die junge Witwe liebt wiederum das Leben und hält viele Verehrer am Hofe bei Laune und spielt sie gegeneinander aus – am Ende fliegt natürlich alles auf. Kein Happy End für den Menschenfeind Alceste, der die feine Gesellschaft, zu der er auch gehört, verachtet und in der Liebe zu keinen Kompromissen bereit ist.

Es ist eine leidvolle Komödie mit Ulrich Matthes als zerrissenem Menschenfeind und der selbstbewussten Franziska Machens als Célimène. Aber auch die Verehrer, allen voran Timo Weisschnur, sind hervorragend und von Regisseurin Anne Lenk nicht immer eindeutig heterosexuell angelegt, was dem Balzen um eine junge Frau eine spannende Ebene hinzufügt.

"Die Vernunft hat mir das oft gesagt, nur, wann hat Liebe die Vernunft gefragt?"

Das Bühnenbild ist so schlicht wie beeindruckend und benötigt kein einziges Requisit. Die Figuren tauchen in einen von oben bis unten grau-changierenden Raum hinein, dessen vermeintliche Wände aus hunderten, wenn nicht tausenden elastischen Schnüren bestehen, durch die das achtköpfige Ensemble hindurchgleitet - oder fast auf die Bühne geschnipst kommt. Der intime Raum ist der Salon von Célimène. Hier wird geflirtet, getanzt, gestritten und geheuchelt. Vor allem aber nach Bestätigung gesucht - vergebens.

"Wir Menschen gelten als vernünftige Wesen. Wer das behauptet ist nie Mensch gewesen."

Molière, der Theatermacher am Hofe Ludwigs XIV. war, spiegelt mit seinem Stück die Machtstrukturen und Maskeraden in den Pariser Salons wieder, was zur damaligen Zeit ein Novum war, Adlige zu Protagonisten zu machen. Das Stück war für ihn auch eher ein Reinfall und konnte keine großen Erfolge feiern.

Aber mit der unabhängigen Célimène, die sich um keine gesellschaftlichen Konventionen schert, hatte Molière die Rolle der Frau so modern angelegt, dass das rund 350 Jahre alte Stück auch heute keine Sekunde aus der Zeit gefallen scheint.

Überhaupt ist die Inszenierung niemals altmodisch. Im Gegenteil. Das Bühnenbild, treibende Clubmusik und das Licht als Requisit saugen die Zuschauer in das Geschehen. Zu Recht gibt es nach 90 Minuten donnernden Applaus. Auch von der Kanzlerin.

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