Florence Welch von der Band Florence + the Machine bei einem Konzert in der Mercedes-Benz Arena in Berlin, 14. März 2019. (Quelle: Imago)
Audio: Inforadio | 15.03.2019 | David Krause | Bild: imago

Konzertkritik | Florence + the Machine in Berlin - Barfuß durch die Nacht

Die Südlondonerin Florence Welch ist mit ihrer Begleitband Machine und ihrem vierten Album "High As Hope" auf großer Europa-Tour - und versetzte am Donnerstagabend die komplette Mercedes-Benz-Arena in Verzückung. Von Raffaela Jungbauer

Der Abend beginnt mit den Young Fathers als Vorgruppe. Die Halle ist bereits so gut gefüllt, dass man sich kaum vorstellen kann, dass währenddessen immer noch Unmengen an Fans vor der Arena auf den Einlass warten.

Die Young Fathers bekommen von den im Regen stehenden Menschenmassen draußen nichts mit und heizen drinnen dem Publikum ein. Ihre wie immer leidenschaftlich vorgetragenen Gesänge und ihre außergewöhnlichen Drums kommen gut an. Und das, obwohl sie nur zu dritt da stehen - MC Graham Hastings ist nicht dabei - und außer Vocals und Drums kommt alles vom Band. Doch die Leute jubeln.

Der Abend beginnt hölzern

Der Umbau beginnt und viele fleißige Helfer ziehen eine, die komplette Bühne bedeckende, Holzvertäfelung hoch, die an alte Aufnahmeräume aus den 1960er Jahren erinnert oder noch genauer: ans Funkhaus in der Nalepastraße. Selbst ein neuer Holzboden wird verlegt. Schon jetzt ist klar: Heute wird es keine halben Sachen geben, denn wer so viel Liebe allein schon in einen Boden (!) steckt, der wird sicher auch bei der Performance perfektionistisch drauf sein. Die fleißigen Männer feudeln noch durch, während Bob Dylan vom Band ertönt.

Achtköpfige Machine und Ballerina-Erscheinung Florence

Um 21.17 Uhr betritt die Band die Bühne. In güldenem Licht begeben sie sich unter stürmischem Beifall an Geige, Harfe, Schlagzeug, Percussions, E-Bass, E-Gitarre und hinter ebenfalls holzvertäfelte Keyboards und ein Stagepiano.

Und dann erscheint Florence. In einem zartgrauen bodenlangen Kleid, das sie zu einer absoluten Erscheinung macht.

Bei ihr sieht frieren schön aus. Traumhaft anmutig bewegt sie sich, die Menge jubelt. Sie tänzelt mit nackten Füßen umher. Deshalb wurde also vorab so penibel durchgefegt. Ihr Set beginnt mit "June", dem Opener ihres Albums "High As Hope". Ihre klare, kraftvolle Stimme sitzt wie eine eins. Direkt als zweites Lied folgt die Single "Hunger", sie tanzt wie eine Ballerina, die alle Konventionen über Bord geworfen hat und einfach nur toben will.

Der Geist von Patti Smith

"Hallo Berlin! Möchtet ihr tanzen?", fragt sie uns auf Deutsch. Und ja, alle wollen. Es sei eine wunderbare, feminine Stimmung im Raum und sie liebe Berlin, sagt sie in ihrer zarten Sprechstimme, für die sie sich entschuldigt. Sie spreche nicht so gerne.

Das ist im Zweifel gelogen, denn wer einmal ein Interview mit ihr gesehen hat, weiß, dass sie ohne Punkt und Komma erzählen kann. Nun spricht die Londonerin den bevorstehenden Brexit an. Wir mögen doch bitte alle die Hände der Person neben uns halten als Symbol für die Verbundenheit, die über Grenzen hinausgeht. Das Publikum macht brav mit.

Gekonnt weiß Florence, die gesamte Halle zu animieren, sie dreht Pirouetten, sie hüpft auf und ab und die vorderen Reihen tun es ihr euphorisch gleich. Das Lied "Patricia" ihres aktuellen Albums ist keiner geringeren als Patti Smith gewidmet. Florence verrät uns, Patti habe ihr gesagt, dass sie im Geiste jedes Mal mit dabei sein wird, wenn Florence es performen wird. Was auch immer Patti Smith heute Abend macht, sie muss jetzt also kurz ihren Geist nach Berlin feuern.

Barfuß durchs Publikum

Inmitten ihres älteren Hits "Dog Days are over" unterbricht Florence den Gesang und weist die Fans an, sich zu umarmen, sich zu sagen, dass sie einander lieben und dass sie ihr "fucking phone" wegpacken sollen, denn schließlich versuchen wir doch, heute Abend ein Erlebnis zu haben.

Dann steigt sie wieder energisch in den Song ein, während das gesamte Publikum mitspringt. Sie lebe ihren Traum, sagt Florence und gibt an diesem Abend einfach alles: Barfuß schreitet sie in den Zuschauerraum, tanzt mit den euphorischen Fans im Pulk, hält die Hände der Gäste in der ersten Reihe und kniet im Lichtkegel nieder. Es ist kaum zu glauben, wie viel Energie und Femininität diese Frau an diesem Donnerstagabend versprüht. Auch wenn sie ihren Hit "You've Got The Love" nicht gespielt hat, gab es an diesem Abend nichts, aber auch wirklich gar nichts zu vermissen.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

3 Kommentare

  1. 3.

    Bin mit großen Erwartungen zum Konzert gegangen, habe die Vorband gehört und hab gedacht ........hoffentlich werden die Tontechniker noch ausgetauscht........aber war wohl nicht so. Habe ziemlich mittig gesessen und hatte auch einen guten Sound erwartet aber war eine Katastrophe. Es fehlte die Brillianz und im Vordergrund war die große Trommel die alles zu Brei machte.
    Für mich ein einmaliges Erlebnis

  2. 2.

    Was zu Florence geschrieben wurde ist soweit richtig, eine recht simple Beschreibung wie der Abend verlief. Vermutlich meinte sie, dass sie vor großem Publikum immer noch ungern spricht, das ist ja eine andere Situation als im Interview. Ihr Kommentar zum Brexit: „We remain European.“ – Remain, eben auch genau das Motto der EU-Befürworter, und man spürt ein wenig den Schmerz und das schlechte Gewissen gegenüber der internationalen Gemeinschaft, den wohl viele Briten zur Zeit in irgendeiner Form mit sich tragen.
    Ich will nur beim Kommentar zur Vorband vehement widersprechen: Vom „Band“ kamen auch die Beats größtenteils, der Bass war überhöht, die Live-Instrumente so gut wie nicht zu hören - ich hatte Angst um den Sound bei Florence! Der Drummer(?) wirkte eher wie ein Schauspieler mit seinen Bewegungen, die Stimmen waren aber tatsächlich beeindruckend. „Die Leute jubeln“ ist schlicht falsch, es gab bestenfalls verhaltenen Applaus, auch als Florence ihre Vorband noch einmal lobte.

  3. 1.

    Dem Artikel kann ich nichts Neues hinzufügen!
    Höchstens unterstreichen, dass Florence auch mich in ihren Bann gezogen hat mit einen bezaubernden Show. Voller Power & doch elfenleicht tanzend versprühte sie ihre endlos scheinende Energie, die alle Menschen in dieser riesigen Halle erfasste!!! Wahnsinn.
    Ich höre ihre Musik, die ich schon vor Jahren (Jahrzehnten?...)zu hören begann, jetzt mit "anderen Ohren" & habe sie (jetzt erstmalig) live erlebt.
    Ich kann mitreden...
    Ein echtes Erlebnis!!! Und absolut empfehlenswert!
    ******

Das könnte Sie auch interessieren

Der Weiße Salon im Schloss Cecilienhof (Quelle: dpa/Christoph Soeder).
dpa/Christoph Soeder

Kommentar | Hohenzollernwahnsinn - Adel ist von Übel

Vor über 100 Jahren dankt Kaiser Wilhelm II. von Preußen ab. Kunstschätze und Schlösser gelangen in öffentliche Hand. Nun fordern seine Nachfahren eine hohe Entschädigung. Ein Unding, kommentiert Tomas Fitzel.